19. Februar

„Das nimmt man auch mit heim“: Andreas Jäger ist Koordinator für die Opferbelange bei der Stadt Hanau

Ein guter Zuhörer sein: Das ist eine der vielen Aufgaben von Andreas Jäger (rechts). Der 40-Jährige ist seit vergangenem Sommer bei der Stadt Hanau Ansprechpartner für Angehörige und Freunde der Opfer. Hier ist Jäger im Gespräch mit Said Etris Hashemi, der seinen Bruder bei dem Terroranschlag vom 19. Februar verloren hat. Die Gesprächsszene wurde dem HA zur Verfügung gestellt.
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Ein guter Zuhörer sein: Das ist eine der vielen Aufgaben von Andreas Jäger (rechts). Der 40-Jährige ist seit vergangenem Sommer bei der Stadt Hanau Ansprechpartner für Angehörige und Freunde der Opfer. Hier ist Jäger im Gespräch mit Said Etris Hashemi, der seinen Bruder bei dem Terroranschlag vom 19. Februar verloren hat. Die Gesprächsszene wurde dem HA zur Verfügung gestellt.

Andreas Jäger kam Mitte Juli das erste Mal in Kontakt mit den Angehörigen, als ZDF-Journalistin Dunja Hayali für einen Dreh in Hanau war. „Wir haben alle mit Abstand in einem Raum gesessen. Ich habe mich vorgestellt. Und dann habe ich zwei Stunden nur zugehört“, blickt der 40-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung zurück.

Hanau - Es war Jägers erster Termin als Koordinator für die Opferbelange im Zusammenhang mit dem 19. Februar. Seitdem ist er stets für die Angehörigen und Freunde der neun Opfer des rassistischen Anschlags da, führt viele Gespräche, kümmert sich um die vielfältigen Bedürfnisse der teils traumatisierten Menschen.

Nach dem ersten Kennenlernen lud Jäger die Familien ins Rathaus ein. „Ich habe mir viel Zeit genommen. Ich wollte hören, wie es ihnen geht und erfahren, was sie brauchen.“ Nach vielen Einzelterminen habe er gemerkt, dass die Bedürfnisse ganz unterschiedlich sind. Für die einen sei er Zuhörer, für die anderen Vermittler. Er knüpfe Kontakte zu den Ministerien in Bund und Land, wenn es um finanzielle Unterstützung gehe. Auch ins Rathaus selbst vermittele er – nicht alleine, sondern mit Unterstützung des Oberbürgermeister-Büros. Auch Claus Kaminsky selbst sei nach wie vor sehr engagiert. Einmal im Monat treffe sich der Rathauschef mit allen Familien. Zudem führe der OB viele Einzelgespräche, betont Jäger, der zu den Netzwerken engen Kontakt hält, die sich nach dem 19. Februar in Hanau gegründet haben.

„Den Familien geht es schlecht“

In den Tagen vor der morgigen Gedenkfeier im Congress Park Hanau ist die Anspannung bei dem 40-Jährigen groß. Zeit zum Durchatmen findet er zwischen Gesprächen mit Angehörigen, Telefonaten mit Behörden und der Bewältigung von Anfragen von Medien aus der ganzen Welt, die Kontakt zu den Familien suchen, kaum.

Fast ein Jahr nach der Tat gehe es den Familien schlecht, konstatiert Jäger. Es herrsche Wut, Trauer und Fassungslosigkeit. „Die Fragen, die sie vor einem Jahr hatten, sind immer noch nicht beantwortet worden. Das raubt ihnen die Energie Damit haben sie kurz vor dem Jahrestag am meisten zu kämpfen.“ Sie wollten erfahren, wie ihr Kind ums Leben gekommen sei. „Wenn man als Angehöriger in den Ermittlungsakten blättert, das macht etwas mit einem.“ Auch Jäger selbst lässt das alles nicht kalt. „Das nimmt man auch mit heim“, gesteht der Familienvater ein. Spät abends, wenn sein dreieinhalbjähriger Sohn eingeschlafen sei, kreisten seine Gedanken häufig um den 19. Februar.

Früher als Flüchtlingskoordinator tätig

Ihm sei schon im Vorfeld klar gewesen, dass die Arbeit als Koordinator herausfordernd sein würde. „Ich wusste, dass diese Aufgabe wesentlich komplexer und schwieriger wird als alles, was ich vorher gemacht habe“, sagt Jäger.

Der 40-Jährige stieg 2010 bei der Stadt Hanau ein, arbeitete zunächst im Bürgerbüro und war Anlaufstelle für alles rund um den damals laufenden Stadtumbau. 2015 folgte eine neue Aufgabe: Jäger kümmerte sich fortan als städtischer Koordinator und „WIR-Fallmanager“ (Wegbegleitende Integrationsmaßnahmen Realisieren, ein Programm des Landes Hessen) um die auf Sportsfield Housing untergebrachten, geflüchteten Menschen. Als Corona begann, sich auszubreiten, habe die Angst geherrscht, dass die Krankheit auch in der Erstaufnahmeeinrichtung ausbrechen könnte. Deswegen sei er Teil des städtischen Krisenstabs geworden, berichtet Jäger.

„Wünsche mir, dass die Familien zur Ruhe kommen können“

Das Gremium war nach dem Anschlag zusammengerufen worden, um zu koordinieren. Aus ihm heraus wurde viel für die Angehörigen getan. Die Opferbeauftragten Silke Hoffmann-Bär und Robert Erkan leisteten hervorragende Arbeit. Kurz darauf kam Corona. Der Krisenstab wurde aufrechterhalten, um die Pandemie zu bewältigen. Der Fokus verlagerte sich. Corona erschwerte die Aufarbeitung der Tat und verhinderte eine angemessene Trauer. Zudem habe sich Hoffmann-Bär als Leiterin der Stabsstelle Gesundheit fortan um medizinische Fragen rund um Corona kümmern müssen. Erkan sei bei seiner Arbeit als Externer an seine Grenzen geraten. Deswegen sei die Idee gereift, jemand aus der Verwaltung müsse die Aufgabe dauerhaft übernehmen. Jemand, der wisse, wie ein Rathaus funktioniert, wen man wie und wo anrufen könne, der ein Gespür und Verständnis für politische Prozesse habe – und der nicht zuletzt eine Empathie für das Thema mitbringt. Die Wahl fiel auf Jäger, der sich stadtintern bei seinen vergangenen Aufgaben verdient gemacht hatte.

Auch nach dem Jahrestag wird sich Jäger weiter um die Angehörigen und Freunde der Opferfamilien kümmern. Er werde mit ihnen im Dialog bleiben, betont Jäger. „Für die Familien wünsche ich mir, dass sie zur Ruhe kommen können und Zeit für sich finden.“ Deswegen sei es umso wichtiger, dass die vielen großen Fragen endlich beantwortet würden. „Das ist ein Marathonlauf“, sagt Jäger, der außerdem das Zentrum für Demokratie und Vielfalt konzeptionell entwickele. Dieses habe am Hessen-Homburg-Platz seine Arbeit aufgenommen. Es soll bestehende Formate wie „WIR – Vielfalt und Teilhabe“ sowie „Demokratie leben!“ mit neuen verknüpfen, das Zusammenleben in der Stadt fördern und Demokratie erlebbar machen.

Von Christian Dauber

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