Gesichte zum Alkohol-Wacholder-Gemisch

Als Heilmittel gedacht: Hanauer erfand den Gin

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Hanau - Dass die weltberühmten Brüder Grimm aus Hanau stammen, weiß jedes Kind. Dass Rudi Völler gebürtiger Hanauer ist sowieso. Beim ebenfalls in Hanau geborenen Komponisten Paul-Hindemith wird’s schon schwieriger. Von Christian Spindler 

Und den aus Hanau stammenden Franz de la Boë alias Franciscus Sylvius kennt kaum jemand. Zu unrecht. Denn die Welt hat ihm Hochprozentiges zu verdanken: den Gin. Es war vor über 400 Jahren, am 10. März 1614, als Franz des la Boë in der Wallonischen Kirche getauft wurde, Das weist das Taufbuch der Gemeinde aus. Bereits der Vater war ein bedeutender Mann in Hanau: Der Kaufmann Isaak de la Boë, der im Bereich Römerstraße/Altstraße ein ganzes Häuser-Karree sein Eigen nannte, gehörte 1597 zu den Gründern der Hanauer Neustadt, berichtet Martin Hoppe, der Leiter des städtischen Fachbereichs Kultur, und profunder Kenner der Hanauer Historie. Isaak de la Boës Unterschrift findet sich jedenfalls auf der entsprechenden Urkunde.

Zwischen Franz de la Boës Taufe in Hanau und der Erfindung des Gins sollten freilich noch einige Jahrzehnte und 500 Kilometer liegen. Und um ehrlich zu sein: Es war nicht der Gin als Genussmittel, den der Hanauer ums 17. Jahrhundert entdecken sollte. Ihm ging es um eine Arznei. Franz de la Boë jedenfalls zog es von Hanau zum Studium ins niederländische Leiden. Dort machte er rasch Karriere, 1637 erlangte er die Doktorwürde und avancierte zum angesehenen Arzt, Anatom und Naturwissenschaftlicher, der sich, wie damals üblich, einen latinisierten Namen zulegte: Franciscus Sylvius. 1658 erhielt er eine Professur an der Universität der südholländischen Stadt und wurde dann Vizekanzler der Uni Leiden.

Franz de la Boë (1614-1672)

Wie ein Mediziner auf den Gin kam?: Im Zuge von pharmazeutischen Experimenten. Franz la Boë suchte ein Heilmittel zur Behandlung von damals weit verbreiteten Verdauungs- und Magenbeschwerden. Bis zur „Schnapsidee“ war es da nicht mehr weit. Die Wirkung von Wacholder, ein Hauptbestandteil des Gins, war vorwiegend in Italien schon vorher bekannt. Die Pflanze lindert Sodbrennen und Verdauungsstörungen. Franz de la Boë entwickelte ein Alkohol-Wacholder-Gemisch weiter, mischte pflanzliche Zutaten dazu, im Wesentlichen Koriander, und verabreichte den Trank seinen Patienten zur Heilung von Magenbeschwerden und Nierenerkrankungen und sogar bei Tuberkulose. Von der medizinischen Wirkung des von Franz da la Boë „Genever“ genannten Gemischs ist nicht viel überliefert. Wegen seines leckeren Geschmacks trat der Genever bzw. Gin aber schnell einen Siegeszug an, und wurde zum beliebten Genussmittel in Holland.

Während des Spanisch-Niederländischen Krieges, bei dem die Engländer Verbündete der Niederlande waren, kam der Gin durch die Soldaten nach Großbritannien, wo bald englische Destillerien in die Gin-Produktion einstiegen. Und von dort verbreitete sich der Gin in alle Welt.

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Ach ja, der berühmte Gin Tonic. Den verdanken wir den Engländern in ihren tropischen Kolonien. Um sich gegen Malaria zu schützen, nahmen sie Chinin zu sich, dessen bitteren Geschmack sie mit Soda und Zucker linderten. Das Tonic Water war geboren. Dieses wird seitdem häufig mit dem beliebten Gin gemischt. Bleibt nachzutragen, dass man dem Hanauer Franz de la Boë unrecht täte, würde man sein medizinisches Wirken auf den Gin reduzieren. Der Mann gilt immerhin als Begründer der naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin und klinischen Chemie. Die holländische Post widmete dem Arzt aus Hanau in den 1930er Jahren sogar eine Briefmarke mit seinem Konterfei.

In Hanau ist das Wirken von Franz de la Boë heutzutage nur wenigen bekannt, auch wenn sein Name auf einer Liste mit Hanauer Persönlichkeiten steht. Das Stadtarchiv im Forum Hanau beherbergt immerhin eine 1675 in seiner Vaterstadt Hanau gedruckte medizinische Schrift („Praxeos mediane indem nova“).

Dass Franz de la Boë mit Hilfe des Gins zu späten Ehren kommt, ist den Hanauern Rocky Musleh und Lutz Hanus zu verdanken. Der Gastronom und der Marketing-Fachmann haben zusammen mit dem hessischen Edelbrenner Arno Dirker kürzlich den „François - Hanau Dry Gin“ entwickelt, der an Franz de la Boë erinnert. Sie führen den Gin damit gleichsam aus der  Welt  zurück nach Hanau. Demnächst soll auch eine Hinweistafel am Geburtshaus von Franz de la Boë in der Römerstraße 15 angebracht werden, die an den bedeutenden Mediziner aus Hanau erinnert.

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Der François-Gin

Als die Hanauer Rocky Musleh und Lutz Hanus zusammen mit dem Edelbrenner Arno Dirker einen eigenen Gin auf den Markt bringen wollten, stießen sie bei ihren Recherchen auf die Hanauer Wurzeln des weltweit bekannten Getränks.

In der Destillerie von Arno Dirker wird der „François - Hanau Dry Gin“ im Nachbau eines Rosenhutkessels hergestellt. Beim zwei- bis dreimaligen Destillieren kommen außer Wacholderbeeren auch Koriander, Eisenkraut, Hibiskusblüten, Lorbeerblüten, Muskatellersalbei, Basilikum und Blutorange zum Einsatz. Abgefüllt wird der Hanau-Gin in brauen Apotheker-Flaschen, schließlich war der Erfinder ja Mediziner. Der Gin wird in ausgewählten Bars in Hanau ausgeschenkt und über einen Online-Shop vertrieben. Er kostet 35 Euro.

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