Hauptangeklagter „korrigiert“ Geständnis

Hanauer „Wildpinkler“: Ich habe das Messer gezogen

Übersichtlich: Nachdem die Spurensicherung die Indizien der Schlägerei sortierte, hat nun auch das Landgericht einen klaren Blick auf das Geschehen. Archiv
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Übersichtlich: Nachdem die Spurensicherung die Indizien der Schlägerei sortierte, hat nun auch das Landgericht einen klaren Blick auf das Geschehen. Archiv

Azad S., der Hauptangeklagte im Prozess um die Massenschlägerei am 28. April vergangenen Jahres in der Hanauer Innenstadt ist doch nicht so unbeteiligt gewesen, wie er zunächst angegeben hat. Am 14. Verhandlungstag hat der 24-Jährige sein bisheriges Geständnis „ergänzt und richtiggestellt“, wie sein Strafverteidiger vor der 2. Strafkammer am Hanauer Landgericht sagt.

Hanau - Rechtsanwalt Dr. Hans-Jürgen Kost-Stenger ist es, der die Sache in die Hand nimmt, die „geständige Einlassung“ seines Mandanten verliest. S. hat an diesem Abend auf der Finanzamt-Seite des Freiheitsplatzes gegen einen Baum gepinkelt und dabei einen fast gleichaltrigen Albaner erzürnt, der mit seiner Freundin unterwegs war. Dieses unflätige Benehmen war Ursache für eine Auseinandersetzung, die sich schließlich durch die Innenstadt zog und direkt vor dem Klinikum in einem Gewaltexzess mündete. Dabei waren mindestens neun Männer aus Albanien und Syrien mit Messern und Stangen aufeinander losgegangen, vier wurden schwer verletzt.

Geschichte stellt sich plötzlich ganz anders dar

Noch am zweiten Verhandlungstag hatte S. ausgesagt, er sei von seinem ersten Kontrahenten mit einem Messer bedroht, danach verfolgt und schließlich angegriffen worden. Er sei also das Opfer gewesen. Jetzt stellt sich die Geschichte von S. ganz anders dar: „Er hat auf dem Freiheitsplatz das Messer aus seiner Hosentasche gezogen“, berichtet sein Verteidiger. Und: S. sei es gewesen, der immer wieder die Konfrontation gesucht und von seinen Landsleuten zurückgehalten worden sei. Vor dem Klinikum habe S. mit dem Messer zugestochen.

Syrer droht Freiheitsstrafe

Hört sich ganz anders an. Und die Vorsitzende Richterin Dr. Katharina Jost, die eines der Beweisfotos an die Wand des Gerichtssaals projiziert, hakt nach: „Wir sind uns also einig, dass dies ihr Messer ist?“ S. bejaht. Er hat seinen Teil des „Deals“ beigetragen. Denn die Richter hatten offenbar in Gesprächen mit Verteidigern und Staatsanwaltschaft klar gemacht, dass sie der Version des „Wildpinklers“, die er im November präsentiert hat, nur bedingt Glauben schenken – um es vorsichtig zu formulieren. Und sie haben auch deutlich gemacht, was S. erwartet: eine Freiheitsstrafe von rund dreieinhalb Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung.

Freispruch für die drei Albaner?

Damit biegt der Prozess auf die Zielgeraden ein. Denn bereits am nächsten Verhandlungstag könnten die Plädoyers und das Urteil folgen. Damit wäre das ursprünglich geplante Mammutverfahren früher als geplant beendet. Denn zuvor war das Verfahren gegen fünf Angeklagte wegen geringer Schuld eingestellt worden (wir berichteten). Und was ist mit den drei aus Albanien stammenden Männern? Sie waren zunächst auf Antrag der Staatsanwaltschaft aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Nachdem Azad S. seine Aussage „korrigiert“ hat, wird deutlich, dass das Trio von sechs syrischen Kontrahenten angegriffen wurde und sich zur Wehr gesetzt hat. Das deutet daraufhin, dass am Ende auch drei Freisprüche geben könnte. Der Prozess wird am Dienstag, 9. März, fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

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