Das Geld sitzt nicht so locker

In Hanaus Geschäften kaufen Kunden zögerlich

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„Die ersten drei Wochen lief das Geschäft gut“, sagt Kerstin Keil von Clemens Wohnen. Mancher gönne sich was Schönes.

Wer den Kaufhof in Hanau betritt, dessen Blick bleibt an einem vertrauten Wort auf den hinter dem Eingangsbereich aufgebauten Spielen hängen: Monopoly. Der Name ist Programm, denn jetzt haben die Menschen Zeit, in der Familie stundenlang Straßen zu kaufen und Häuser zu bauen.

Dass zeitaufwändige Gesellschaftsspiele derzeit Konjunktur haben, ist einer der Effekte, die die Corona-Beschränkungen mit sich bringen. Und was den einen freut – wie etwa die Spiele-Hersteller –, ist des anderen

Der Hanauer Kaufhof lädt seine Kunden derzeit ein, wieder mal Monopoly zu spielen.

Leid. Bei einem Rundgang durch die Hanauer Innenstadt zeigt sich, dass die Kunden noch zögerlich ausgehen und ebenso zögerlich kaufen. In der Papeterie spricht Inhaberin Kerstin Botzum zwischen schönen Servietten und geschmackvollen Geschenkpapieren, mit denen sich die Kunden derzeit gerne eindecken, von Kaufzurückhaltung. „Die Kaufkraft nicht so da“, sagt sie und vermutet Kurzarbeit und Zukunftsängste als Ursachen. Ergo könnten Geschäftsleute schlecht planen. 

Bei Cecil in der Nürnberger Straße, in dem die T-Shirts, Blusen und Hosen in frischen Frühlingsfarben strahlen, schaut Geschäftsleiterin Miroslava Mach sorgenvoll hinter ihrer Maske hervor. In der ersten Woche nach der Öffnung sei der Andrang groß gewesen, man habe gemerkt, dass die Kunden nach wochenlangem Lockdown Nachholbedarf hatten. „Es fehlt die Laufkundschaft und die Frequenz“, sagt sie, worauf man sich durch veränderte Öffnungszeiten eingestellt habe. Ausgefallene Outfits seien aktuell weniger gefragt als sportliche und bequeme Kleidung, weil kaum Veranstaltungen stattfänden und viele im Homeoffice arbeiteten. Als jemand, die Vergleiche mit den Filialen in anderen Städten habe, lobt sie die Unterstützung durch das städtische Marketing in Hanau, das in der Krise sehr hilfreich sei. 

Im Nähzentrum Bergmann profitiert man von der Freizeit der Menschen

Auch bei Spielwaren-Brachmann hat man darauf reagiert, dass weniger Kunden kommen als sonst, und eine Mittagspause von 13 bis 14 Uhr eingeführt. Inhaberin Maria Lülow schildert, dass es nachmittags nach 15 Uhr sehr ruhig sei in der Innenstadt. Das könnte sich jetzt ändern, da die Cafés wieder öffnen dürfen. Besonders gefragt sind derzeit Puzzles und Gesellschaftsspiele, aber gekauft würden auch Förmchen und Spielzeuge oder Sportgeräte für draußen. Die Kunden trügen die Vorschriften mit Fassung. Allerdings fühlten sich viele genervt von den Masken. Ruhig ist es auch beim Floristen Holzschuh in der Marktstraße nach einem guten Geschäft zu Ostern und Muttertag. Hier profitiert das Team vor allem davon, dass wegen der Besuchsverbote viele Blumengeschenke verschickt wurden. „Die großen Dekorationen für Partys, Hochzeiten und große Feiern fallen aber weg“, sagt Dieter Holzschuh. 

Stoffe, so weit das Auge reicht: Im Nähzentrum Bergmann brummt der Laden. Die Leute wollen nähen.

Ganz anders beim Nähzentrum Bergmann in der Salzstraße. Hier profitiert man davon, dass die Menschen mehr Zeit haben und ihre kreativen Kräfte freigesetzt werden. Zwar stehen jetzt die Kunden nicht mehr täglich Schlange, um sich mit Stoffen, Garnen und Gummiband einzudecken. Aber die Nachfrage ist nach wie vor groß. Die vier Verkäuferinnen haben mit dem Verkauf von Nähmaschinen, der um 30 Prozent angezogen hat, gut zu tun. Daher ist es hier nicht schlimm, dass sich maximal drei Kunden im Geschäft aufhalten dürfen. „Wir hoffen, dass die Lust am Nähen auch nach der Krise noch anhält“, heißt es dort. 

Vorsitzender des Hanau Marketing Vereins Mehmet Kandemir: „Die Stammkunden sind da, aber nachmittags ist die Stadt leer“

Bei Saturn im Grimm-Center reagiert ein Mitarbeiter auf unsere telefonische Anfrage am Mittwochmittag mit der Aussage: „Ich bin umzingelt von Kunden, später beantworte ich Ihre Anfrage gerne.“ Dass es uns trotz mehrmaligen Versuchen nicht gelang, ein Statement zu erhalten, könnte ein Hinweis darauf sein, dass bei Saturn die Nachfrage nach PCs, Spielekonsolen oder Fernsehern groß ist. 

Schönes Geschenkpapier und Servietten sind in der Papeterie nicht nur zu Krisenzeiten besonders begehrt.

„Der Kunde ist ein scheues Reh“, fasst Mehmet Kandemir vom Textil-Geschäft Glam in der Hammerstraße auch als Vorsitzender des Hanau Marketing Vereins die Situation zusammen. „Die Stammkunden sind da, aber nachmittags ist die Stadt leer“, so sein Resümée. Die ersten drei Wochen nach dem Lockdown seien ein guter Start gewesen. Kandemir blickt dennoch optimistisch in die Zukunft. „Wer auf Schnäppchen setzt und auf Laufkundschaft angewiesen ist, hat allerdings stärker zu kämpfen“, sagt er. Er will seine Kollegen auffordern, die Möglichkeit zu nutzen, am ersten Sonntag im Juni zu öffnen, um die Verluste teilweise abzufedern. „Der große Ansturm ist ausgeblieben“, sagt auch Andrea Junge vom Schuhhaus Dielmann. 

Die ersten zwei Wochen seien für die Verhältnisse relativ gut gewesen, vergleichbar den Wochen nach dem Anschlag vom 19. Februar. „Diese Woche ist es aber ganz ruhig“. Die Öffnungszeiten wurden auch hier um eine Stunde verkürzt. Überall stehen Desinfektionsspender. Die meisten Kunden stellten sich bereitwillig auf die Veränderungen ein. Forum-Managerin Diana Schreiber-Kleinhenz freut sich, dass seit gestern wieder alle Geschäfte im Forum geöffnet haben. „Aber die Kunden kaufen verhalten, das klassische Bummeln fiel die vergangenen Tage weg“, sagt sie. Drum erreiche man bei Weitem nicht die Frequenz früherer Tage. Den Mietern habe man die Miete gestundet und die Möglichkeit gegeben, ihre Öffnungszeiten auf die Zeit von 10 bis 18 Uhr zu verringern.

Geschäfte in der City: Sonntagsöffnung vor allem für Stammkunden 

Im Rahmen seiner aktuellen Verordnung hat das Land Hessen die Öffnung des Handels an Sonntagen erlaubt. Von 13 bis 18 Uhr darf verkauft werden, einen besonderen Anlass für die Öffnung braucht es nicht, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Hanau. Von dieser Regelung machten am morgigen Sonntag, 17. Mai, einige Hanauer Einzelhändler Gebrauch und öffneten ihre Türen. Dazu gehören laut städtischer Pressestelle unter anderem die beiden Filialen von Bailly Diehl, Timberland, Vivas Schuhmode, Bigger Store, Parfümerie Jäger, Café Schien und Geppetto Kids. Nachdem der Hanauer Einzelhandel in den vergangenen Wochen vor allem Besuche von Stammkunden verzeichnete, wollten viele Händler den Sonntag für deren gezielte Ansprache nutzen. Die Möglichkeit der Öffnung bestehe zunächst bis Pfingsten, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Pfingstsonntag sei allerdings explizit von dieser Ausnahmeregelung ausgenommen.ju

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