INTERVIEW

Hanaus OB Claus Kaminsky erinnert sich an den Kraftakt, in kürzester Zeit 1000 Flüchtlinge unterzubringen

Claus Kaminsky
+
Claus Kaminsky erinnert sich an die Ankunft der Flüchtlinge.

Einer derjenigen, der bei der Unterbringung von zunächst rund 1000 Flüchtlingen die Hauptverantwortung trug, war neben Landrat Erich Pipa Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Im Interview erinnert er sich an die Tage im September 2015.

Welcher Eindruck ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben, wenn Sie an die Ankunft des ersten Flüchtlingszuges denken?
Am Sonntag, 13. September, erreichte mich – als ich nach dem Joggen mit dem Auto nach Hause fuhr – Innenminister Beuth telefonisch in meiner Garage und rief mir kurz zu, dass wir bis zum Abend rund 1000 Plätze für Flüchtlinge bereitzustellen hätten. Es gab dann eine kurze Abstimmung mit Landrat Erich Pipa, dass dafür nur die August-Schärttner-Halle in Frage kommen könnte. Was dann innerhalb von wenigen Stunden ehrenamtlich wie hauptamtlich geleistet wurde, bewegt mich noch heute zutiefst. Bis 21 Uhr waren wir in der Lage, etwa 800 Flüchtlingen Unterkunft zu geben. Es war dann eine gewisse Ironie dieses Sonntags, dass keine Flüchtlinge kamen und es bis zur Mittwochnacht gedauert hat, bis die ersten Flüchtlinge Hanau erreichten.
Was war für Sie damals das größte Problem bei der Unterbringung der Menschen?
Die Zeit. Innerhalb weniger Stunden waren komplette Versorgungsstrukturen zu schaffen. Vom Feldbett, über die Sanitäranlagen, die Essensversorgung, Dolmetscher sowie soziale und psychologische Betreuung, etc.
Gibt es eine Geschichte, eine Begegnung in diesen sehr bewegten Tagen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Die Erleichterung und Dankbarkeit in den Gesichtern und Augen der Geflüchteten an diesem Mittwochabend und in den danach folgenden Tagen zu sehen, sowie die zutiefst menschliche Freude der Helferinnen und Helfer, haben mich sehr berührt. Ich erinnere mich an einem Mann am Nordbahnhof. Er hatte seine vielleicht zweijährige Tochter auf dem Schoß, es war kalt in der Nacht und er hatte keine Socken in seinen Sandalen; alles Wärmende hatte er seinem Kind angezogen. Ich versuchte, ihm zu signalisieren, dass es kalt sei und er meine Socken haben könne – die Sprachbarriere war ein Hindernis; er dachte, ich friere und er wollte mir noch Kleidung anbieten. Ich bedankte mich und konnte vermitteln, dass das Angebot andersherum gemeint war. Er lehnte dankend ab. Das rührte mich.
Gibt es einen Punkt, bei dem Sie sagen: Das würden wir heute besser oder anders machen?
Wenn diese Frage sich nur auf diese Tage der Ankunft der ersten Flüchtlinge bezieht, bin ich der festen Überzeugung, dass wir ehren- und hauptamtlich ob der wenigen Stunden, die uns blieben, uns auf die Situation einzurichten, deutlich mehr richtig als falsch gemacht haben.
Wie bewerten Sie die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre, haben sich die Worte von Kanzlerin Merkel (Wir schaffen das) bewahrheitet?
Da dieser Satz der Bundeskanzlerin oft kritisiert wurde, will ich für mich ausdrücklich sagen, dass ich mir keine Bundeskanzlerin damals gewünscht hätte, die gesagt hätte „Wir schaffen das nicht“. Ich habe den Satz aber auch nie so verstanden (wie er oft diskutiert wurde), dass wir es unbegrenzt schaffen könnten. Dass die Integration der geflüchteten Menschen auch noch in dem vor uns liegenden Jahrzehnt eine der Hauptaufgaben sein wird, bei der wir versuchen müssen, noch vieles besser zu machen, versteht sich von selbst. Und dass dies immer reibungslos verläuft, wäre eine Illusion. In Erinnerung an diese Tage hängt seit vielen Jahren eine Collage von Kai Pfaffenbach aus der August-Schärttner-Halle in meinem Dienstzimmer. Dieses Bild soll mir und all meinen Besucherinnen und Besuchern verdeutlichen, dass uns bei all unseren nicht zu unterschlagenden Problemen und Schwierigkeiten, die wir auch in Hanau, in Deutschland haben, hin und wieder ein Stück Dankbarkeit und Demut gut zu Gesicht steht. Anderen Menschen, insbesondere Kindern in Not, beizustehen ist eine zutiefst menschliche Tugend. Es lohnt sich, anderen Menschen, denen es schlechter als einem selbst geht, zu helfen.

Die Fragen stellte unser Redakteur Holger Weber

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare