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Hansa-Haus in Hanau: Beim Start der Kegel- und Bowlingbahnen war noch nicht einmal der Bahnhof fertig

Vor 55 Jahren eröffnet: So präsentierte sich das neue Wohn- und Geschäftshaus nach seiner Fertigstellung.
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Vor 55 Jahren eröffnet: So präsentierte sich das neue Wohn- und Geschäftshaus nach seiner Fertigstellung.

Hanau – Hansa-Haus? Kennt eigentlich jeder in Hanau. Der Name des Hauses steht bis heute für den Kegel- und Bowlingsport. Doch nicht nur, denn hier konnten sich Passanten auf dem Weg vom oder zum Hauptbahnhof auch mit Zeitungen, Tabakwaren, mit Blumen und zeitweise sogar mit Lebensmitteln eindecken oder ihre Postgeschäfte erledigen.

Vor genau 55 Jahren, im Sommer 1965, wurde die erste von 15 Wohnungen bezogen. Das Kegelzentrum eröffnete bereits ein Jahr früher und die Bowlingbahnen folgten 1966. Als die erste Kegelmeisterschaft ausgetragen wurde, waren das neue Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs und die Infrastruktur rundherum noch längst nicht fertiggestellt.

Eine eigene Postkarte der neuen Sportanlagen sollte das Hansa-Haus am Hauptbahnhof bekannt machen.

Auch sonst machte die Umgebung des Hansa-Hauses damals einen eher unwirtlichen Eindruck. Gegenüber dem Neubau gab es noch eine große ungenutzte Fläche, die an zwei Seiten lediglich von alten Eisenbahner-Häuschen und von der Gaststätte „Stolzenfels“ begrenzt wurde.

Anfänge des Hansa-Hauses am Hauptbahnhof Hanau waren schwierig

Da mag es wie ein Befreiungsruf geklungen haben, als Anna Janka, die Seniorchefin des früheren Bauunternehmens Ferdinand Janka und Co. als Eigentümer des Hansa-Hauses eines Tages am Mittagstisch der Familie ausrief: „Der Bahnhof wird eröffnet, jetzt müssen alle Leute bei uns vorbei!“ Gut für die neuen Ladenmieter und für die Deutsche Bundespost, die hier schon bald ihr „Bahnhofspostamt“ eröffnete, weil es dafür im Bahnhof selbst keinen Platz gab. Fast 40 Jahre lang bot die Post im Hansa-Haus ihre Dienste an und damit noch länger als das heutige Café „Heide“, das es aber auch schon 36 Jahre gibt. Reinhard Janka, einer der drei Söhne der verstorbenen Inhaber des Hauses, erinnert sich: „Die Anfangsjahre waren schon schwierig. Rund um das Hansa-Haus gab es noch nicht viel, und die Bahnhofspendler waren für uns eher Transitreisende, die ihre Autos vor unserem Haus parkten, um dann gleich zum Bahnhof weiterzuziehen.“

Der damalige Vorsitzende des Keglervereins, Karlheinz Polster, im Gespräch mit Maria Rudolph, der Deutschen Senioren-Meisterin im Kegeln sowie Anna und Ferdinand Janka sen. (von links).

Also muss es eine glückliche Fügung gewesen sein, dass es mit dem Wohn- und Geschäftshaus von Anfang an auch das „Kegel- und Bowlingzentrum“ gab. Das zog immerhin viele Vereins- und Freizeitsportler an. Hanau erwarb sich mit dem Hansa-Haus unter Keglern und Bowlern im Land schon früh einen guten Ruf. Anfangs wurden hier übrigens nur Kegelbahnen (16 Bahnen, verteilt auf zwei Etagen) geplant. Dann entschied sich der Eigentümer aber, es bei acht Kegelbahnen zu belassen und diese großzügig mit einer Zuschauertribüne auszustatten. Das Publikum saß also nicht nur hinter den Keglern, sondern konnte von erhöhter Position aus einen komfortablen Blick auf die Trefferquote genießen. Das gab es sonst nirgendwo im süddeutschen Raum. Der Hanauer Verein der Kegler, er war in den 1970er Jahren mit über 700 Mitgliedern der größte seiner Art in Hessen, galt als Initiator des Kegelbahnbaus und konnte als Mieter der Bahnen gewonnen werden. Und der bereits fertige, aber nun nicht mehr benötigte Platz für die weiteren acht geplanten Bahnen? Davon hatte das auf den Bowlingbahnbau spezialisierte amerikanische Unternehmen Brunswick Wind bekommen und den Jankas angeboten, hier acht Bowlingbahnen zu errichten.

Hansa-Haus war die zweite Spielanlage im Rhein-Main-Gebiet

So kam es dann auch. Nun hatten auch die Bowler eine eigene Heimstatt und zugleich eine zweite Spielanlage im Rhein-Main-Gebiet – neben Deutschlands größtem Bowlingzentrum am Henninger Turm in Frankfurt. Sehr zur Freude amerikanischer Soldaten in Hanau, auch wenn diese auf ihrem Kasernengelände in Wolfgang eine eigene Spielanlage hatten. Sie kannten den Bowlingsport überdies aus ihrer Heimat und waren hier bis zu ihrem Abzug aus Deutschland treue Gäste. Manfred Janka, der das Hansa-Haus seit dem Tod der Eltern betreut, erinnert sich: „Die Amerikaner haben uns das Bowlen beigebracht und diesen Sport populär gemacht.“ Janka weiß, wovon er spricht, denn er und seine Brüder Ferdinand jun. und Reinhard waren bereits in jungen Jahren selbst begeisterte Bowler und wurden in ihren Mannschaftsdisziplinen zweimal Deutscher Doppelmeister. Alles nach dem Geschmack der Eltern?

Auftakt für einen neuen Stadtteil zwischen Friedhof und Bahnhof – den erhoffte sich die Stadt Hanau. Rechts mit Kugel der frühere OB Herbert Dröse bei der Einweihung der Bowlingbahnanlage im Hansa-Haus.

Der Bauunternehmer Ferdinand Janka, dessen Firma nach dem Zweiten Weltkrieg am Aufbau so mancher Wohnsiedlung in Hanau mitgewirkt hat, aber auch dessen Ehefrau, waren selbst begeisterte Kegler. Der Vater, so erinnert sich der Junior, hatte schon in den 1950er Jahren davon geträumt „eines Tages eine eigene Kegelbahnanlage bauen zu können“. Heute gibt es die Kegelbahnen im Hansa-Haus nicht mehr. Das einst so rege Vereinsleben als organisatorische und soziale Klammer für den Sport hat insgesamt nachgelassen. Auch bei den Keglern, sodass der Keglerverein sich 2010 von seiner Jahrzehnte währenden „Liebschaft“ am Hauptbahnhof trennen musste. Der Bowlingsport hat sich freilich gehalten. Aus den einstmals acht sind nach diversen Umbauten längst 24 Bahnen geworden.

Hansa-Haus am Hauptbahnhof muss für die Stadtplaner von Hanau ein Glücksgriff gewesen sein

Für Hanaus Stadtplaner muss der Bau des Hansa-Hauses direkt am künftigen Hauptbahnhof ein Glücksfall gewesen sein. Der damalige Stadtbaurat Herbert Göhlert sprach davon, dass hier „ein neuer Stadtteil zwischen Friedhof und Bahnhof er-schlossen werden soll“. Die Jankas schienen einen Anfang gemacht zu haben. Hanaus legendärer Oberbürgermeister Herbert Dröse ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, höchstpersönlich zur Einweihung der Kegelbahnanlage zu erscheinen.

Eine Zeitungsanzeige im HANAUER kündete 1966 von der Eröffnung der Bowlingbahnen im Hansa-Haus.

Einzig – woher das Hansa-Haus seinen Namen hat, wissen viele Hanauer bis heute nicht. Des Rätsels Lösung ist indes so einfach wie genial. Ferdinand Janka sen. suchte nach Vollendung des Hauses nach einem griffigen Namen, der dann auch in der Stadt bekannt werden sollte. Die Bezeichnung „Kegel- und Bowlingzentrum“ schien ihm zu lang und deswegen nicht eingängig genug zu klingen. Also nahm er einfach eine Anleihe an dem Namen „Dortmunder Hansa-Bier“. Die Bierbrauer aus dem Ruhrgebiet belieferten seinerzeit die Gaststätten des Hauses und sollen von der Namensgebung so begeistert gewesen sein, dass sie über die üblichen Bierreklamemedien hinaus die Herstellung der bis heute noch weithin sichtbaren Leuchtbuchstaben „HANSA-HAUS“ spendierten.

Begeisterte Bowler: die Brüder Ferdinand jun., Reinhard und Manfred Janka (von links).

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