Polizei Hanau

Leitender Polizeibeamter spricht Klartext zum Anschlag in Hanau und übt harsche Kritik

Harsche Kritik an der politischen Führung: Ein Leitender Polizeibeamter packt aus und weist darauf hin, dass die Polizeistation Hanau unterbesetzt ist.
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Harsche Kritik an der politischen Führung: Ein Leitender Polizeibeamter packt aus und weist darauf hin, dass die Polizeistation Hanau unterbesetzt ist.

Die Ermittlungsergebnisse der Hanauer Staatsanwaltschaft sowie der internen Ermittler des Hessischen Landeskriminalamts zu der haarsträubenden Situation auf der Polizeistation am Freiheitsplatz in Hanau während des Anschlags am 19. Februar 2020 ziehen weiter Kreise.

Hanau - Jetzt redet ein leitender Polizeibeamter Klartext und übt harsche Kritik an den Vorgesetzten - vor allem an der politischen Führung.

Ein leitender Polizeibeamter bestätigt im Gespräch mit der Redaktion den vorgelegten Bericht sowie den Inhalt der übrigen sieben, zunächst nicht öffentlichen Seiten. Er möchte anonym bleiben mit der Kritik an seinem Dienstherren, dem Land Hessen.

Leitender Polizeibeamter bestätigt Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Hanau

„Es geht mir darum, dass die Wahrheit ans Licht kommt, denn die Ermittlungsergebnisse der Hanauer Staatsanwaltschaft sind eindeutig“, lobt der Beamte, der auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblickt. Er selbst versteht sich als Schutzmann. Nennen wir ihn daher einfach Herrn S. (Name der Redaktion bekannt). Und Herr S. redet Klartext über die Ereignisse: „Die Kolleginnen und Kollegen mussten sich in der Nacht des Anschlags völlig hilflos vorgekommen sein.“ Vor allem deshalb, weil die beiden ersten Streifen nur aus je einem erfahrenen Beamten sowie einem Praktikanten bestanden haben.

Ruf nach Interventionseinheiten

Es seien insgesamt „zu wenig Polizeikräfte“ – und deren Überlastung sei zu hoch. Die Ursachen: „Es werden den Streifenbeamten immer weitere Aufgaben aufgebürdet.“ Es könne nicht sein, wie in dieser Nacht, dass Beamte von den regulären Wachen für die Absicherung einer weit entfernten Bombenentschärfung abgezogen werden. Daher fehlten „sofort greifbare Interventionseinheiten“. Diese müssten an jedem hessischen Präsidium vorhanden sein. In Hanau war das lange Zeit üblich. Zivilbeamte der vor allem bei Drogendealern und Kriminellen gefürchteten „AG Greif“ waren in den 90er Jahren in der Innenstadt ständig präsent. Über die „unzureichende Funktion des Notrufsystems“ schüttelt S. ebenfalls den Kopf.

Massive Kritik nach Anschlag in Hanau: „Politische Führung hat keinen Bezug zur Basis“

„Alles zu zentralisieren, ist keine Lösung, denn viele Beamte an weit entfernten Notrufplätzen verfügen oft nicht über ausreichende Ortskenntnisse.“ Das Hauptproblem sieht der Führungsbeamte keineswegs in der Qualität der voll ausgebildeten Polizisten oder bei deren Ausrüstung, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert habe. „Es sind viel zu wenige Beamten, wie das Beispiel der Polizeistation Hanau I zeigt. Dass für eine Stadt wie Hanau netto nur zwei Streifen zur Verfügung stehen, ist nicht weiter hinnehmbar.“

Whistleblower: Zwei Streifen in der Innenstadt in Hanau ist eine Farce

Um eine Wache wie diese ordentlich einsetzen zu können, müssten pro Schicht „zehn bis zwölf voll ausgebildete Polizisten“ zur Mindeststärke gehören. Bisher sind es nur sieben. „Wann sehen die Bürger denn mal einen Streifenwagen ohne Blaulicht im Stadtgebiet?“, fragt S. kritisch und geht vor allem mit der politischen Führung hart ins Gericht. So sei die „Kommunikation der politischen Verantwortlichen mit den Angehörigen der Opfer im Hanauer Fall“ katastrophal gewesen und viel zu spät erfolgt.

Leitender Polizist: „... das war nicht der letzte Anschlag“

„Die politische Führung erweckt den Eindruck, abgehoben zu sein und keinerlei Bezug mehr zur Basis zu haben“. Dies sei nötig, denn die Polizei müsse gewappnet sein. S. ist sich sicher: „Der Anschlag von Hanau ist grauenvoll und menschenverachtend. . . aber es wird nicht der letzte gewesen sein.“

Hanau: Bereits 2004 kam es zu einem ähnlichen Vorfall, als der Notruf versagte

Aus den Dokumenten, die unserer Redaktion vorliegen, geht auch hervor, dass es bereits im Januar 2004 zu einem Vorfall gekommen sein soll, bei dem „aufgrund einer komplexen Einsatzlage mehrere Notrufe nicht zeitnah abgearbeitet werden konnten“. Die Beamten der Hanauer Wache hatten diesen Vorfall damals nicht vertuscht, sondern intern gemeldet. Es handelt sich um einen ähnlichen Fall wie den des 22-jährigen Vili-Viorel Paun, der bei der Verfolgung des Hanauer Attentäters vergeblich versucht hatte, den Notruf 110 zu erreichen und schließlich am Kurt-Schumacher-Platz ermordet worden war. Die Anzeige seines Vaters hatte die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ins Rollen gebracht. (Thorsten Becker)

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