Aus dem Gericht

Horror-Unfall mit Tempo 224: Hanauer Gericht verurteilt Raser wegen illegalen Autorennens

Illegales Autorennen hart bestraft: Weil sie mit unglaublich hohem Tempo von Fechenheim nach Maintal gerast sind, hat das Amtsgericht zwei Männer verurteilt.
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Illegales Autorennen hart bestraft: Weil sie mit unglaublich hohem Tempo von Fechenheim nach Maintal gerast sind, hat das Amtsgericht zwei Männer verurteilt.

Ein Mann rast mit seinem Sportwagen bei Tempo 224 über die B8 und verursacht einen schweren Unfall. Jetzt hat das Amtsgericht Hanau ein Urteil gesprochen.

Maintal/Hanau – Zu einer Geldstrafe von rund 11.000 Euro, Führerscheinentzug sowie einer Fahrsperre hat das Amtsgericht Hanau einen 31-Jährigen verurteilt, der im Januar mit Tempo 224 über die Bundesstraße 8 in Richtung Maintal (Main-Kinzig-Kreis) gerast ist. Dabei hatte er über seinen 400 PS starken Sportwagen verloren, war in die Leitplanken gerast und hatte auf über 200 Metern ein Trümmerfeld hinterlassen.

Zusammen mit einem Freund flüchtete er anschließend vom Unfallort. Strafrichterin Anabell Blecher sah darin ein illegales Autorennen und verurteilte den Mann sowie seinen jüngeren Kumpel nach dem recht neuen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der Rennen und Geschwindigkeitsrausch unter Strafe stellt.

Zeuge aus Maintal zu Raser auf der B8: „Das war Wahnsinn“

Der 51-jährige Maintaler traut seinen Augen nicht. Es ist die Nacht zum 10. Januar, als er in Fechenheim auf dem Heimweg ist. Es geht über die Bundesstraße 8 in Richtung Dörnigheim. „Also ich bin auch ein flotter Fahrer. Hinter der Mainkur ist auf dieser Strecke Tempo 80 – das dürfte ich so in etwa gefahren sein“, schildert der Zeuge sein Erlebnis vor Amtsrichterin Anabell Blecher. „Ich sah hinter mir plötzlich Scheinwerfer und bin auf die rechte Spur ausgewichen.“

Was dann geschieht, kann der Zeuge nur schwer beschreiben. „Die sind wahnsinnig schnell an mir vorbei.“ Wie viele Fahrzeuge es denn gewesen sein könnten, will die Richterin wissen. „Das kann ich nicht genau sagen. Zwei, drei oder vier Autos. Die waren so knapp hintereinander, knapper kann man nicht fahren“, sagt der 51-Jährige aus und äußert auch seine Vermutung: „Für mich war das ein Rennen.“ Er habe nichts gegen flotte Fahrer, doch in diesem Moment habe er gedacht: „Die spinnen doch!“ Also blendet er die Lichthupe auf. „Ich habe mich geärgert.“

Richterin Blecher will es genauer wissen und hakt nach: Ob der Zeuge denn abschätzen könne, wie schnell die anderen Fahrzeuge unterwegs gewesen sind. „Nein, das ist nicht möglich. Alles ging so schnell – es war Wahnsinn.“ Und genau diesen erlebt der Maintaler nur wenige Sekunden später. „Ich habe gebremst, weil Teile auf der Fahrbahn gelegen haben.“ Rund 100 Meter weiter steht ein dunkles Auto quer zur Fahrbahn. „Es war offenbar niemand verletzt. Ich habe dann nur gesehen, wie der eine Mann bei dem anderen ins Auto eingestiegen ist. Beide sind dann weggefahren.“ Der Zeuge ruft die Polizei.

Raser-Unfall auf der B8 bei Maintal – Polizist: „Da steckte ein Auspuffrohr im Acker“

Die Schutzleute aus Dörnigheim sind schnell am Ort des Geschehens: „Ich habe schon viel gesehen. Aber das sah im ersten Moment aus wie nach einem Flugzeugabsturz“, sagt der Beamte, der mit seinen Kollegen die Bundesstraße bereits an der Frankfurter Stadtgrenze voll sperren lässt und mit seinen Kollegen sofort die nähere Umgebung absucht. „Es war zunächst unvorstellbar, dass jemand unverletzt aus diesem Auto herausgekommen ist – da steckte ein Auspuffrohr im Acker“, so der Kommissar, der sogar die umliegenden Krankenhäuser anruft, um Gewissheit zu haben. Von den Männern fehlt jedoch jede Spur.

Allerdings nicht lange, denn der 31-jährige G. stellt sich in Aschaffenburg der Polizei. Ihn hätten die Ordnungshüter aber sowieso ausfindig gemacht, denn sein Impfpass lag in dem völlig zertrümmerten Sportwagen. Ein Audi mit 400 PS unter der Motorhaube.

Prozess nach Unfall mit Tempo 224: Angeklagter „nicht so ganz nah an der Wahrheit“

Nun sitzt G. mit seinem sechs Jahre jüngeren Kumpel O. auf der Anklagebank. Und er gibt auch zu, dass er in dieser Nacht mit seinem schwarzen Sportwagen „etwas zu schnell“ unterwegs gewesen ist. „So um die 120 Stundenkilometer“, meint sein Anwalt. Beide Männer seien auf dem Weg nach Aschaffenburg gewesen, um dort „eine kleine Party zu machen“. Dass sie mit zwei Autos gefahren sind, habe „an Corona“ gelegen.

Aber ein Autorennen? Nein, das sei es nicht gewesen. Als O. dann mit seinem Wagen in die Leitplanken kracht, habe er „unter Schock“ gestanden. „Das war eine Kurzschlussreaktion, wir wollten nur noch nach Hause.“ Am Tag darauf geht G. zur Polizei. Dass er sich gestellt hat, sieht Amtsrichterin Blecher ebenso wie den Strafregisterauszug: G. ist nicht vorbestraft. Und dann gebe es ja noch das „Teilgeständnis“, meint die Vorsitzende. Wobei die Betonung auf „Teil“ liegt. Denn G. und sein Kumpel sind offenkundig nicht so ganz nah an der Wahrheit geblieben.

Gutachter über den Horror-Unfall bei Maintal: Trümmerfeld über 220 Meter 

Das beweist der Unfallgutachter, den die Polizei noch in der Nacht zum Unfallort zitiert. „Ich war rund drei Stunden vor Ort, es handelte sich um ein trichterförmiges Trümmerfeld, das sich auf 220 Meter auf der Fahrbahn und dem angrenzenden Acker verteilt hat“, sagt der 35-jährige Experte und öffnet auf seinem Laptop ein 75 Seiten umfassendes Dokument mit riesigen Zahlenkolonnen.“

Es handelt sich um die digitalen Daten des 400-PS-Sportwagens, die fünf Sekunden vor dem ersten Crash sowie danach gespeichert worden sind. Der Gutachter liest daraus wie aus einem Buch: „Fünf Sekunden davor war das Gaspedal zu 100 Prozent durchgedrückt. Das Auto hat von 209 auf 224 Kilometer pro Stunde beschleunigt.“

Unfallanalytiker: Stabilitätskontrolle des Sportwagens manuell deaktiviert

Und er findet noch mehr heraus: Der erste Aufprall geschieht mit Tempo 209, danach herrscht völliger Kontrollverlust. Zudem sei die Stabilitätskontrolle des Sportwagens manuell deaktiviert gewesen. Und der Gutachter findet auch den Grund dafür, dass der 31-Jährige diesen Horror-Unfall unverletzt überstanden hat. „Die Daten zeigen mir, dass er angeschnallt war.“

So kommt der Experte zu dem Schluss: „Nach dem Ortsausgang wurde das Fahrzeug über die physikalische Leistungsfähigkeit hinaus beschleunigt, die Kurvengrenzgeschwindigkeit überschritten.“ Deutliche Fakten, die G. nun die Röte ins Gesicht treiben. Mit „So um die 120 Stundenkilometer“ hat das nichts mehr zu tun. Der Angeklagte ist quasi von den Daten aus seinem eigenen Fahrzeug überführt worden.

Trotzdem bitten die beiden Verteidiger um milde Strafen. Es sei kein Autorennen gewesen. G. solle wegen Fahrerflucht verurteilt werden, der Anwalt von O. fordert einen Freispruch, denn die Beihilfe zur Unfallflucht sei unwissentlich geschehen. Ganz anders sieht es Oberamtsanwalt Ewald Knelangen. Er fordert Führerscheinentzug, Sperren und hohe Bußgelder.

Hanauer Richterin zur Unfallflucht: „Besonders große Rücksichtslosigkeit“

Strafrichterin Blecher ist am Ende überzeugt von den Fakten und der „schlüssigen Aussage“ der Zeugen: Sie urteilt sogar noch härter: G. muss eine Geldbuße von 10.800 Euro zahlen, O. 2700 Euro. Beide Führerscheine werden eingezogen, weil sich die Männer als „ungeeignet zum Führen von Fahrzeugen“ gezeigt hätten. Zudem bekommen beide eine Sperre von weiteren fünf Monaten aufgebrummt. „Sie hatten es darauf angelegt, über die B8 zu brausen. Das war ein illegales Autorennen.“

Besonders deutlich wird sie mit Blick auf die Unfallflucht: „Sie haben das Fahrzeug einfach quer zur Fahrbahn stehen lassen.“ Blecher abschließend: „Das war eine besonders große Rücksichtslosigkeit.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Thorsten Becker)

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