„Ich hänge, ich hänge, ich hähähähänge“

Darsteller der Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau zeigen sich bei „Open Stage“ spontan und vielseitig

Detlev Nyga als Spaßgarant sorgt im Duett mit Johanna Haas im Flower-Power-Look für Gelächter.
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Detlev Nyga als Spaßgarant sorgt im Duett mit Johanna Haas im Flower-Power-Look für Gelächter.

Als die mit zwei Tüten bepackte Gestalt mit der schwarzen Wollmütze auf die Bühne schleicht – „Corona-Opfer, Wohnung weg, Job weg, Selbstachtung weg“ – muss das Publikum im Amphitheater schlucken. Dabei saß es eben noch entspannt in der Veranstaltung „Open Stage“ auf den unter Einhaltung der coronabedingten Abstandsregeln voll besetzten Rängen und genoss die seit Kurzem wiedergewonnene Freiheit. Barbara Krabbe sorgt mit ihrem Auftritt als Verliererin der Covid-Krise für nachdenkliche Momente.

Hanau - Bevor die Darstellerin – in diesem Jahr als Wirtin Marthe Rull in Kleists „Der zerbrochne Krug“ zu sehen – von einem gestrengen Detlev Nyga der Bühne verwiesen wird, trägt sie die melancholische Weise „An die Musik“ von Franz Schubert vor. Wie sehr Realität und Kunst-Welt ineinandergreifen, wird bei diesem kurzen Intermezzo deutlich. Viele Menschen, auch viele Künstler, hat die Krise hart getroffen. Mancher wird sich lange davon nicht erholen.

Kästner-Gedicht Hanaus Oberbürgermeister gewidmet

Dabei haben es die Mitglieder des Ensembles um Intendant Frank-Lorenz Engel gut getroffen. Sie dürfen nach einer Verschiebung des Spielplans auftreten. Folglich begrüßt nicht nur ein äußerst gut gelaunter Intendant die Zuschauerinnen und Zuschauer zur von Claudia Brunnert charmant moderierten Veranstaltung, die den Mitwirkenden seit 2015 die Möglichkeit bietet, sich mit Ungewohntem auszuprobieren. Christopher Krieg widmet das erste seiner Gedichte, „Der Lenz verschiebt seine Premiere“ von Erich Kästner, ausdrücklich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Frank-Lorenz Engel, die den Mut bewiesen, die Festspiele auf die Bühne zu bringen.

Krieg – ebenfalls im Kleist-Drama zu sehen – ist nicht der einzige, der mit Kästner, Joachim Ringelnatz und Heinz Erhard für komische Momente sorgt. Steffen Laube und Wolff von Lindenau präsentieren den Loriot-Sketch „Der Astronaut“. Wer das Führen eines Interviews bisher für einen Spaziergang hielt, wird hier eines Besseren belehrt.

Loriot-Sketch: Gespräch mit einem Astronauten

Denn wer sich auf ein Gespräch mit einem Astronauten vorbereitet hat und sich dann ohne Vorwarnung einem langweiligen Finanzinspektor gegenübersieht, hat ein Problem. Erst recht, wenn der Interviewte so stocksteif, befremdet und ungerührt dreinschaut wie Steffen Laube.

Auch Detlev Nyga als Spaßgarant sorgt im Duett mit Johanna Haas im Flower-Power-Look zu einem Schmink-Werbejingle für Gelächter. Und Jonas Milke (Regieassistent) beweist sein humoristisches Talent mit einem kurzen Stück in Versform um Daidalos und Ikaros, das er gemeinsam mit Claudia Brunnert und Benedikt Selzner aufführt. Musikalisch kann „Open Stage“ ebenfalls mit einigen Highlights aufwarten. Nico Went setzt als erster von 19 Mitwirkenden mit seinem rockigen Song „Hold me in your arms“ für einen gelungenen Auftakt. Danach geht es Schlag auf Schlag, auch wenn mancher davon erst mit Verzögerung erfolgt. Nicht nur bei Benedikt Selzner mit seinem Texthänger bei „Alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ wird deutlich, dass die „offene Bühne“ von der Improvisation lebt.

Anders als im Vorjahr, in dem „Open Stage“ die einzige Veranstaltung des Festspiel-Ensembles bleiben musste, war in diesem Jahr zwischen Inszenierungen und sonstigen Verpflichtungen kaum Zeit zum Proben. So kommt es bei manchem „Last-Minute-Produkt“ zu unvorhergesehenen Pannen. Da sind die Mikros falsch montiert, Schauspieler wissen nicht weiter, die Band muss warten. Till Bleckwedel rettet sich bei seinem Udo-Lindenberg-Song „Mädchen“ mit „Ich hänge, ich hänge, ich hähähähänge“ aus der Textflaute. Auch Benedikt Selzners Charme macht kleine Patzer mehr als wett.

In Corona-Zeiten das Akkordeonspielen gelernt

Für weitere Beiträge im umfangreichen Programm sorgen Kira Primke, Kevin Arand, Dorothea Maria Müller und Annalisa Stephan, begleitet von der Festspiel-Band mit dem musikalischen Leiter Damian Omansen am Keyboard. Barbara Bach erinnert mit einem Song an den verstorbenen Komponisten Andrew Lowe-Watson, ein Zusammenschnitt von Szenen aus Märchen der letzten 30 Jahre lässt die kürzlich verstorbene Ursula Ruthardt auf der Bühne erscheinen. Marina Lötscherts (überlanger) Märchenbeitrag wird eingespielt.

Carolina Walker und Florian Sigmund (Riesen im Tapferen Schneiderlein) überzeugen stimmlich mit „What you mean to me“.

Für einen tollen Akzent sorgen Dennis Hupka (Tapferes Schneiderlein) und sein Freund Jan Philipp (Gitarre) mit ihrem Rock- und Pop-Medley: Hupka hat die Corona-Zeit genutzt, das Akkordeonspielen zu lernen und macht, da er an diesem Abend seinen 30. Geburtstag feiert, sich und dem Publikum den Gute-Laune-Auftritt zum Geschenk.

(Von Jutta Degen-Peters)

Steffen Laube und Wolff von Lindenau präsentieren den Loriot-Sketch „Der Astronaut“.
Auch musikalisch kann „Open Stage“ ebenfalls mit einigen Highlights aufwarten.

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