Stadt will helfen

Imageprodukt für Stadt oder Hilfe für Künstler? - Kritik an Onlinefestival #hanaudaheim

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Beschäftigungsprogramm für die Corona-Zeit und Plattform für Kultur, Sport und Bildung – die städtische Internetplattform #hanaudaheim.

In Rekordtempo hat die Stadt Hanau nach dem Corona-Lockdown im März die städtische Internetplattform #hanaudaheim ins Leben gerufen. Doch die Plattform steht in der Kritik.

Der Gedanke hinter #hanaudaheim: die Hanauer während der Zeit daheim nicht alleine zu lassen, sondern sie virtuell mit Kunst, Musik, Bildung oder Genuss zu versorgen unter dem Slogan „Dein digitaler Lieferdienst“. Auf #hanauda heim finden sich Tanzstunde neben Yogasession, Livekonzert neben Märchenstunde. Das Angebot ist mittlerweile groß und wächst weiter. Wer mitmachen will, kann sich per E-Mail bewerben. Die Idee zu der Plattform wurde innerhalb des städtischen Corona-Krisenstabs auf Grundlage eines ähnlichen Angebots in Bremen geboren und von der Agentur Digitalnaturals im Auftrag der Stadt umgesetzt. 

Die Programmierung und Betreuung des Portals sind über den Corona-Beratungsvertrag mit der Agentur abgedeckt, heißt es seitens der Stadt. Wie viel Geld die Stadt konkret für dieses Angebot ausgibt, bleibt unbeantwortet: „Zu einzelnen Vertragsinhalten machen wir keine Angaben“, heißt es auf Nachfrage mit der Begründung, dass dies nur mit ausdrücklicher schriftlicher Zustimmung der betroffenen Künstler beziehungsweise Unternehmen möglich sei. Eine Unterkategorie der #hanaudaheim-Seite ist das Onlinefestival, das Mitte April gestartet ist. Lokale Musiker treten live im Comoedienhaus auf, ihr Auftritt wird per Video ins Netz übertragen. 

Hanauer Berufsmusiker übt Kritik an der Vergütung der Künstler

Kritik an diesem Projekt übt ein Hanauer Berufsmusiker, der sich an den HANAUER ANZEIGER gewendet hat: „Das ist ein Imageprodukt für die Stadt, von dem die Künstler nichts haben“, sagt er. Zwar findet er es gut, dass diese Plattform erschaffen wurde, doch moniert er unter anderem die Gagen, die die Künstler für Auftritte bekämen. „Wir treten zu dritt auf und bekommen normalerweise eine vierstellige Gage am Abend“, erzählt er. Für den Auftritt im Comoedienhaus habe die Combo eine Gage im niedrigen dreistelligen Bereich bekommen. „Und dieses Geld müssen wir noch versteuern. Dafür waren wir dann fünf Stunden unterwegs.“ Die Gage der Künstler, sagt die Stadt, werde mit jedem individuell verhandelt und unterliege der Verschwiegenheitspflicht. Die Stadt hat mit der Sparkasse Hanau und der Baugesellschaft zwei Großsponsoren für das Projekt. Über die Höhe der Sponsorengelder will die Stadt nichts sagen, verweist auf die vertraglich vereinbarte Verschwiegenheitspflicht. 

Nach uns vorliegenden Informationen sollen die Sponsorenbeträge im niedrigen fünfstelligen Bereich liegen. „Da kann ich mich als OB doch nicht hinstellen und sagen 'Ich unterstütze unsere Künstler in dieser für sie finanziell schwierigen Zeit'“, so die Meinung des Musikers. Aus Musikerkreisen heißt es, dass ein Auftrittabend bei #hanaudaheim mit 2000 Euro zu Buche schlage. „Wenn dann eine dreiköpfige Band weniger als ein Viertel davon als Gage bekommt, frage ich mich, wo das andere Geld hingeht?“, so der Kritik übende Musiker. Ein befreundeter Künstler habe den Auftritt im Comoedienhaus mit einem Tagessponsor finanziert, den er sich selbst gesucht habe, erzählt er. 

Kaminsky: Sponsoren werden gesucht, da andere Gelder nicht verfügbar seien

Von der Stadt habe es daraufhin geheißen: Dann brauchst du ja von uns kein Geld mehr. Was ihn zudem ärgert, ist, dass man zwar über einen Paypal- oder Giropay-Button auf der Internetseite für das Festival spenden kann, diese Spende aber nicht direkt an die Künstler geht, sondern zur Stadt. Tatsächlich fließen die Beträge in den Gesamttopf des Festivals, erklärt die Stadt. Bislang sei auf dem städtischen Paypalkonto ein Betrag von weniger als 1000 Euro eingegangen. Das postete der OB am Mittwoch auf Facebook als Antwort auf einen Facebook-Eintrag des Künstlers. Und dass er bedauere, dass Künstler, Kulturschaffende, Licht- und Ton-Techniker sowie weitere, die an Kultur-Veranstaltungen beteiligt sind, in extreme wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind. Kaminsky weist darauf hin, dass Land und Bund entsprechende finanzielle Unterstützung anböten. Und, dass die Stadt Hanau versuche – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – zu helfen, wo sie kann. 

Der OB berichtet, dass die Anregung, Gelder aus dem Topf nun ausfallender Kulturveranstaltungen zu nehmen, um die Künstler entsprechend zu honorieren, nicht möglich sei. Diese Gelder seien schlichtweg nicht verfügbar, da sie für die ausgefallenen Gewerbesteuereinnahmen hergenommen werden müssen. „Da auch die Wirtschaft von der Pandemie betroffen ist, brechen uns im zweistelligen Millionenbereich die Einnahmen weg. Das ist auch ein Grund, warum wir – neben den Verordnungslagen zu Corona – aus wirtschaftlichen Gründen frühzeitig Veranstaltungen absagen (um keine finanziellen Verpflichtungen einzugehen)“, so Kaminsky. Und weil keine Gelder vorhanden seien, werden für die Plattform Sponsoren gesucht. In einer Pressemitteilung sagt Kaminsky zudem, dass die Stadt derzeit prüfe, wie man die Absagen von Veranstaltungen, die insbesondere Künstler hart träfen, zumindest ein Stück weit kompensieren kann. 

Künstler erklärten sich bereit nur einen Bruchteil der Gage zu nehmen - Um Festival zu erhalten

Zur Kritik des Profi-Musikers, dass zu viel Geld für Technik ausgegeben werde, heißt es aus dem Rathaus, dass Equipment und Technik zu „sehr niedrigen Preisen“ gebucht würden und Material sogar kostenlos zur Verfügung gestellt werde. Insgesamt seien acht Personen für Licht, Ton und Übertragung vor Ort. Aber: „Die Technikkosten liegen über den Künstlergagen“, so die Stadt. Warum inzwischen Künstler auftreten, die nicht aus Hanau, nicht aus der Region kommen, erklärt die Stadt damit, dass das Online-Festival dem Erhalt der Kultur diene und „selbstverständlich die lokale und regionale Szene“ im Fokus stünde. Drei Viertel der von Mitte April bis Ende Mai gebuchten Acts seien aus der Region. 

National bekannte Künstler wie Christoph Maria Herbst oder Moritz Netenjakob wären im Rahmen der Reihe Kultour ohnehin im Comoedienhaus aufgetreten. „Sie haben sich bereit erklärt, zu deutlich reduzierten Gagen am Online-Festival teilzunehmen. Diese Gagen möchten sie jedoch dankbarerweise direkt wieder zurückspenden, um den Fortbestand des Festivals zu unterstützen. Und damit die lokale Szene zu fördern“, heißt es auf HA-Nachfrage. Auch in den kommenden beiden Wochen wolle man versuchen, neben regionalen auch überregional bekannte Künstler zu gewinnen. Sie sollen helfen, noch höhere Zuschauerzahlen  zu generieren. 

Hobbymusiker teilt die Kritik an #hanaudaheim nicht

Seit dem Launch der Website hatte #hanaudaheim rund 210 000 Seitenaufrufe, das Online-Festival auf YouTube rund 23 000 Stream-Aufrufe und auf Facebook eine Reichweite von rund 160 000 Klicks. Die Rechnung der Stadt: Mehr Klicks, mehr potenzielle Sponsoren, denn derzeit wird das Festival ausschließlich über Sponsoringbeträge finanziert. So hätten Sparkasse und Baugesellschaft Gelder, die eigentlich für andere städtische, auf Grund von Corona abgesagte Veranstaltungen vorgesehen waren, umgewidmet. 

Die Kritik des Profimusikers nicht verstehen können die Hobbymusiker der Band Banjoory. Ihr Sänger, Daniel Martini, sagt gegenüber dem HA: „Wir gehen in diesen Auftritt überhaupt nicht mit dem Anspruch rein, Geld zu verdienen. Die Stadt gibt uns die Möglichkeit, in einer wunderschönen Location ein Onlinekonzert mit professioneller Technikausstattung zu spielen, das ist doch super, da spielen wir gerne und sind froh, eine solche Plattform zu bekommen.“ Geld wolle die Band dafür überhaupt keines, die Musik sei bei ihnen ohnehin nur Hobby. „Wir finden es ein super Angebot von der Stadt, eine Möglichkeit, auf der allen Künstlern eine Plattform gegeben wird“, so der Hobbymusiker, der mit Banjoory am heutigen Samstag, um 19 Uhr bei #hanaudaheim auftreten wird.

Von Kerstin Biehl

Währenddessen hat die Stadt Offenbach zum Erhalt der Kultur eine große  Spendenkampagne gestartet. So können Bürger ihren Lieblingskulturorten helfen.

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