Der lange Weg zum Seepferdchen

Immer weniger Kinder können schwimmen / Lange Wartelisten für Kurse

Hallenzeiten sind knapp, Schwimmkurse voll, Schwimmlehrer Mangelware – Im Heinrich-Fischer-Bad bringt unter anderem der Hanauer Schwimmverein Kindern, aber auch Erwachsenen, das Schwimmen bei und trainiert Schwimmschüler des Vereins.
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Hallenzeiten sind knapp, Schwimmkurse voll, Schwimmlehrer Mangelware – Im Heinrich-Fischer-Bad bringt unter anderem der Hanauer Schwimmverein Kindern, aber auch Erwachsenen, das Schwimmen bei und trainiert Schwimmschüler des Vereins.

„Die Plätze im Schwimmkurs sind bis auf Weiteres leider alle belegt. Ich kann sie aber gerne auf die Warteliste setzen“ – eine Antwort, die Hanauer Eltern derzeit zu hören bekommen, wenn sie auf der Suche nach einem Schwimmkurs-Platz für ihre Kinder sind. Die Wartezeit ist zum Teil nicht unerheblich: Bis zu zwei Jahre müssen sich Schwimmwillige teilweise gedulden.

Hanau – Dabei wäre schwimmen zu lernen wichtiger denn je. Denn die Schwimmfähigkeit der Kinder verschlechtert sich seit Jahren zusehends. Das beklagen Verbände, Rettungsdienste und auch Politiker seit Langem. Und es war auch Thema bei der jüngsten Stadtverordnetensitzung, als es um freien Eintritt für Kinder ins Schwimmbad ging. (siehe Infokasten). „Schwimmen sollte zu den Grundfertigkeiten gehören“, sagt beispielsweise Isabelle Hemsley (CDU). Doch 59 Prozent der Kinder sind keine sicheren Schwimmer, berichtete die DLRG schon vor Jahren über eine Forsa-Umfrage. Die Pandemie hat die Situation noch verschärft. Denn nicht nur Schwimmbäder waren während des Lockdowns geschlossen, auch Schwimmkurse fanden nicht statt. Weil aufgrund der Pandemie Schwimmunterricht und Schwimmkurse ausgefallen sind, haben bundesweit „eine Million Kinder in Deutschland nicht schwimmen gelernt“, so ein DLRG-Sprecher. Gibt es bald eine Generation Nichtschwimmer? Immerhin gibt es nun, nach Öffnung der Bäder, einen wahren Run, Versäumtes nachzuholen.

„Wir haben einen regelrechten Stau“, sagt Silvana Weigel. Die Schwimmtrainerin ist Vorsitzende des Hanauer Schwimmvereins, wo nach den Sommerferien wieder Schwimmkurse angeboten werden. Zweimal die Woche kommen dann die Fünf- bis Neunjährigen ins Heinrich-Fischer-Bad, um in einer Gruppe von maximal acht Kindern bei zwei Trainern schwimmen zu lernen. Ein Kurs läuft jeweils von Ferien zu Ferien, in der Regel also acht bis zehn Wochen und kostet 80 Euro. Der nächste freie Platz ist laut Warteliste derzeit auf Ende kommenden Jahres datiert. Drei bis vier Anfragen pro Tag sind dabei keine Seltenheit.

„Die meisten Eltern möchten, dass ihre Kinder schwimmen können, bevor sie in die Schule kommen. Spätestens aber vor dem Schwimm-Unterricht in der dritten Klasse“, weiß Weigel. Doch das dürfte in den kommenden Jahren ein Problem werden. Nicht nur aufgrund der Pandemie, auch wegen fehlender Wasserzeiten oder fehlender Schwimmlehrer.

„Man muss diese ehrenamtlichen Trainer ja erst mal finden. Solche Menschen, die eine Leidenschaft fürs Schwimmen, für Wasser haben und dazu noch mit Kindern umgehen können“, sagt Weigel. So wie die Vereinsvorsitzende selbst. Die Hanauerin hat vor 41 Jahren im Heinrich-Fischer-Bad schwimmen gelernt. Sechs Jahre war sie damals alt, seitdem ist sie ihrer großen Leidenschaft treu geblieben. „Früher habe ich die ganz Kleinen trainiert, inzwischen bin ich Vorsitzende“, erzählt sie und betont die familiäre Atmosphäre im Verein, in dem sie fast alle Kinder mit Namen kennt. Viele der ehemaligen Schwimmschüler bleiben dabei, wählen das Schwimmen zu ihrem Sport. In der Grimmstadt ist das zum Glück noch möglich. Doch ein Schwimmbad vor Ort ist längst nicht mehr überall gegeben. Aus Kostengründen haben immer mehr Kommunen Schwimmbäder dichtgemacht. Seit dem Jahr 2000 sei „jedes zehnte kommunale Schwimmbad geschlossen worden“, so Maximilian Bieri (SPD).

Hanau hat beide Schwimmbäder behalten, lässt sich den Betrieb jährlich 3,3 Millionen Euro kosten und investiert derzeit sechs Millionen in die Sanierung des Lindenaubades plus einen Landeszuschuss in Höhe von einer Million Euro. Das Großauheimer Schwimmbad fällt deswegen bis Sommer 2020 für den Schwimmunterricht weg. Wie kommen Eltern aus diesem Dilemma heraus? Dem Kind das Schwimmen selbst beibringen? „Zunächst würde ich alle Möglichkeiten abklappern, auch in anderen Kommunen“, rät Weigel. Davon, dem Kind das Schwimmen selbst beizubringen, rät die Schwimmtrainerin zwar nicht ab, gibt aber zu bedenken: „Ganz oft haben Eltern eine ziemlich hohe Erwartungshaltung an ihr Kind, setzen es zu sehr unter Druck. Das geht dann meistens schief und endet mit Tränen. Wir im Schwimmverein kennen das Kind nicht und nehmen es deshalb so, wie es ist.“ Deshalb haben auch Weigels eigene Kinder seinerzeit das Schwimmen nicht bei ihr, sondern einer Freundin gelernt. Dennoch rät Weigel, mit dem Kind regelmäßig ins Wasser zu gehen, Tauchspiele zu machen, auch in der Badewanne, um eine mögliche Angst vor Wasser zu nehmen.

Beim Schwimmkurs des Hanauer Schwimmvereins sei es nicht das primäre Ziel, das Seepferdchen so schnell wie möglich zu machen. „Es ist unbestritten eine tolle Sache und Belohnung für Kinder wie Eltern.“ Aber es gehe eher darum, den Kindern eine Wasser-Sicherheit zu vermitteln. „Wie verhalte ich mich, wenn ich aus Versehen irgendwo reinfalle. Außerdem soll die Angst vor dem Wasser genommen werden und der Spaß darf natürlich auch nicht zu kurz kommen“, sagt die Schwimmlehrerin. Es habe auch schon Kinder gegeben, die zwei Jahre lang bei ihr im Schwimmkurs waren. Jeder brauche seine individuelle Zeit.

Weitere Infos

In der Grimmstadt bieten die Turngemeinde Hanau (TGH), der Schwimmverein und die DLRG Schwimmkurse an. Zudem gibt es private Schwimmschulen.

Von Kerstin Biehl

„Wer nicht schwimmen kann, büßt nicht nur Sicherheit ein, sondern auch ein Stück Lebensqualität“, sagt Silvana Weigel. Sie ist Schwimmtrainerin und Vorsitzende des Hanauer Schwimmvereins .

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