Corona-Pandemie

Impfzentrum in der August-Schärttner-Halle: Sportlehrer schlagen Alarm

Hinter der Schärttner-Halle steht Platz zur Verfügung. Ein Argument, warum die Schulsporthalle zum Impfzentrum wurde.
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Hinter der Schärttner-Halle steht Platz zur Verfügung. Ein Argument, warum die Schulsporthalle zum Impfzentrum wurde.

Die August-Schärttner-Halle soll zu einem von zwei Corona-Impfzentren im Main-Kinzig-Kreis werden. Dass die Halle voraussichtlich für Monate nicht nutzbar sein wird, stellt vor allem den Schulsport vor Probleme.

Hanau – „Schon wieder wird an der Bildung gespart, schon wieder sind Eltern und Kinder die Leidtragenden“, sagt Frauke Tschiltschke über die geplante Fremdnutzung der August-Schärttner-Halle als eines von zwei Impfzentren in der Region. Tschiltschke ist Sportlehrerin am Gymnasium Hohe Landesschule (Hola) in Hanau, und sie blickt besorgt auf die kommenden Monate, in denen die rund 1500 Hola-Schüler nicht zum Sportunterricht in ihre Halle können.

Hanau: Hohe Landesschule kann in andere Sporthallen ausweichen

Am kommenden Montag, 30. November, wird die Hola die August-Schärttner-Halle noch für ihren Sportunterricht nutzen können – zum letzten Mal für längere Zeit. Dann heißt es ausweichen: Wie die Stadt Hanau als Schulträger auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilt, bieten sich vom 1. Dezember an zunächst folgende Alternativen: Bei Rücksprache mit der Karl-Rehbein-Schule (KRS) und dem Schulzentrum Hessen-Homburg (SZHH) durch das Schulverwaltungsamt hätten sich beide Schulen „erfreulich solidarisch“ gezeigt.

„Die KRS würde die Jahnhalle komplett räumen. Damit wäre die Halle in der Zeit von Montag bis Freitag zu den üblichen Schulsportzeiten ausschließlich für die Hohe Landesschule geblockt“, heißt es.

Suche nach Alternativen durch Corona erschwert

In der Sporthalle am SZHH könnten der Hola montags, dienstags, mittwochs und freitags jeweils mehrstündige Zeitfenster angeboten werden. Darüber hinaus suchten das Schulverwaltungsamt und die Fachstelle Sport der Stadt nach weiteren Hallenalternativen. Das sei schwieriger als vor Corona, da auch in den anderen Hallen pandemiebedingt der Schulsport nur mit größeren Abständen stattfinden kann und die Kapazitäten natürlich damit knapper werden.

Auch Tschiltschkes Kollege Timo Koller, Sportkoordinator der Hola, spricht seine Bedenken aus: „Wir hätten uns gewünscht, dass andere Objekte als Impfzentrums-Standort geprüft worden wären.“ Dass der Sportunterricht der Hola nun auf andere Hallen ausweichen muss, würde sehr große Einschränkungen für Schüler und Lehrer bedeuten.

Weg zu Alternativ-Hallen kostet Schüler und Lehrer viel Zeit

Dass die Stadt der Hola nun Hallenzeiten in der Hessen-Homburg-Halle sowie in der Jahnhalle zugewiesen hat, kritisiert Koller: „Das hatten wir schon mal, bei dem Weg dorthin bleibt ganz wenig Zeit für den Sportunterricht übrig“, sagt Koller. Rund zwei Kilometer Fußweg sind es etwa von der Hola zur Hessen-Homburg-Halle.

„Das sind beim Hinweg rund 20 Minuten und zurück 20 Minuten“, erzählt der Sportlehrer. Die Lehrer müssten Unterrichtsmaterial mitnehmen, die Schüler ihr Sportzeug und ihren Ranzen.

Hanau: Schärttner-Halle wurde bereits als Flüchtlings-Notunterkunft genutzt

Die Schärttner-Halle wird nicht zum ersten Mal zweckentfremdet, das frustriert Tschiltschke und Koller besonders. So wurde die Halle 2015 einige Wochen als Flüchtlings-Notunterkunft genutzt. 2018 war die Halle wieder wochenlang nicht nutzbar, weil die Decke aufwendig saniert werden musste.

2019 musste der Boden komplett saniert werden – und wieder mussten die Kinder ausweichen. Tschiltschke fragt sich, ob auch alternative Standorte geprüft wurden, wie etwa das große Gelände von Feuerwehr und DRK im Lamboy.

Sportlehrer fühlen sich im Stich gelassen

„Wir sind in keiner Weise gegen ein Impfzentrum“, betont Koller. Aber es sei bedauerlich, das die Schule in den vergangenen fünf Jahren viele und auch lange Unterbrechungen im Schulsport hinnehmen musste, so Koller. Und gerade in der aktuellen Zeit sei das Thema Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen in den Fokus gerückt.

Tschiltschke ergänzt: „Und was ist mit dem Bildungsauftrag?“ Der sei schon durch die Pandemie schwer umzusetzen, an der Hola werde zwar versucht, viel draußen an der frischen Luft Sport zu machen. „Aber auch da werden wir vom Kultusministerium alleine gelassen, es gibt beispielsweise keinen Etat für Outdoor-Sportmaterialien“, kritisiert die Sportlehrerin. Und alle Konzepte, die von den Hola-Sportlehrern für Sportunterricht unter Corona gemacht wurden, seien nun hinfällig. Koller: „Das ist sehr frustrierend.“

Kultusministerium betont Wichtigkeit des Sportunterrichts

Dabei betont das hessische Kultusministerium auf Anfrage, dass Bewegung und Sport elementare und unverzichtbare Bestandteile ganzheitlicher Bildung seien. „Gerade in der momentanen Situation gibt es große Einigkeit unter den Experten, dass Sport und Bewegung für die Kinder und Jugendlichen eine sehr wichtige Funktion haben“, heißt es aus der Pressestelle des Kultusministeriums auf die Frage nach der Bedeutung des Bildungsauftrags.

Beide Lehrer lenken den Blick auch auf die Oberstufenschüler, die Sport als Prüfungsfach gewählt haben. Bei den betroffenen rund 60 Schülern sei fraglich, inwieweit nun überhaupt eine hinreichende Vorbereitung auf das Abitur gewährleistet werden könne. So müssten jetzt für einen Abschlusskurs mit dem Prüfungs-Schwerpunkt Turnen andere Unterrichtsmöglichkeiten gefunden werden. Gerade für Turnen und Leichtathletik bietet die Schärttner-Halle sehr gute Bedingungen.

Hohe Landesschule Hanau legt Schwerpunkt auf Sport

Aber auch Sport-Referendare sind in ihrer Ausbildung beeinträchtigt. An der Hola sind aktuell 18 Sportlehrer und zwei Sportreferendare tätig. Für diese Referendare sei Unterrichtserfahrung wichtig und nicht durch Online-Angebote ersetzbar. Die Hola setzt zudem bei ihrem Schulprogramm einen Schwerpunkt auf Sport. „Wir bieten durchgehend bis zur achten Klasse die dritte Sportstunde an. Sport steht stark im Fokus an der Hola“, sagt denn auch Sportlehrer Koller.

Weniger Probleme mit der Nutzung der Halle als Impfzentrum haben der Vorsitzende des Schulelternbeirats, Steffen Kohlhas, sowie der Vorsitzende des Stadtelternbeirats, Alexander Happel. Da gehe es um ein „übergeordnetes Interesse“, sagen beide unisono auf Nachfrage. „Ich sehe das übergeordnete Ziel, das hat Priorität“, so Happel. Die Schärttner-Halle sei die wohl optimale Lösung für ein Impfzentrum. Er hoffe jedoch, dass die Impfaktion straff strukturiert und so schnell wie möglich ablaufen würde.

Langfristige Alternative gefordert

„Der Schulträger muss uns nun adäquaten Ersatz anbieten“, betont Kohlhas. Und diese Ersatz-Lösungen müssten langfristig gedacht werden, auch für den kommenden Sommer im Hinblick auf das Sport-Abitur an der Hola. Denn wie lange die Halle für die Hola nicht nutzbar sein wird, ist noch unklar. Die Kreisspitze hatte verlauten lassen, dass die gesamte Impfaktion bis in den Herbst des kommenden Jahres andauern könnte.

Bei der Stadt Hanau ist man überzeugt: Erst im Frühjahr, wenn der Sportunterricht wieder vermehrt unter freiem Himmel stattfinden kann, dürfte sich die Situation entspannen. Dann könne der Hola-Sport auch wieder auf der Rudi-Völler-Sportanlage oder im Herbert-Dröse-Stadion stattfinden.

Auch Vereine stehen vor Problemen

Was die Vereine angehe, die die August-Schärttner-Halle ebenfalls nutzen, führe die Fachstelle Sport bereits Gespräche, um einen Ausweichplan erstellen zu können. Sie setze auch hierbei auf die Solidarität untereinander. Diese sei durchaus geübt von früheren Schließungen der Schärttner-Halle her, wie bei der Unterbringung der Geflüchteten und mehrwöchigen Sanierungen von Hallendach und -boden.

„Wobei auch zu bedenken ist, dass Basketballer, Volleyballer, Badminton-Spieler, Leichtathleten, Turner und Rope-Skipperinnen sich derzeit im Lockdown befinden und ohnehin kein Gemeinschaftstraining in der Halle möglich ist“, heißt es aus dem Rathaus.

Bei der Vorbereitung der Halle als Impfzenturm habe die Stadt auch den sanierten Boden im Fokus: Zum Schutz werde während der Nutzung als Impfzentrum der Hallenboden mit einem leicht zu reinigenden Zusatzbelag abgedeckt.

August-Schärttner-Halle wird zum Impfzentrum. Der Kommentar „Zweckmäßig und deshalb in Ordnung“ von HA-Redaktionsleiterin Yvonne Backhaus-Arnold und der Kommentar „Nicht schon wieder auf Kosten von Kindern und Jugendlichen“ von HA-Redakteurin Monica Bielesch.

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