Alle Wege führen nach Hanau

Nachholbedarf: Das touristische Potenzial des Apfelweins wird längst nicht ausgeschöpft

Streuobstwiesen wie diese bei Maintal liefern nicht nur den Rohstoff für den Apfelwein, sie sind auch unter ökologischen Gesichtspunkten sehr wertvoll und daher schützenswert.
+
Streuobstwiesen wie diese bei Maintal liefern nicht nur den Rohstoff für den Apfelwein, sie sind auch unter ökologischen Gesichtspunkten sehr wertvoll und daher schützenswert.

Hanau – Im Rahmen unserer Serie „Alle Wege führen nach Hanau“ waren wir in den vergangenen Wochen schon auf den unterschiedlichsten touristischen Pfaden und Routen in der Region unterwegs.

Beispielsweise begaben wir uns auf der in Hanau beginnenden Deutschen Märchenstraße auf Spurensuche nach den Brüdern Grimm, erlebten traditionsreiches Bauhandwerk auf der Deutschen Fachwerkstraße, die auch durch Steinheim führt, oder betrachteten auf den Limesrouten Zeugnisse, die die alten Römer in Hanau und in der Region hinterlassen haben.

Und zum Abschluss unserer kleinen Reise durch unsere Heimat wollen wir dem Getränk huldigen, das wie kein zweites für Hessen und die Rhein-Main-Region steht: Die einen nennen es Äppelwoi, die anderen Ebbelwoi oder Eppelwoi – am Apfelwein scheiden sich nicht nur sprachlich und orthografisch die Geister. Er ist auch beileibe nicht jedermanns Geschmack. Und sein touristisches Potenzial wird momentan leider auch nur unzureichend ausgeschöpft.

„Apfelweinhochburg“ Steinheim: Hier begann die Hessische Apfelweinstraße, die es aber nicht mehr gibt.

Doch das tut dem Kultstatus des „Stöffche“, das schon die alten Griechen und Römer kannten, keinen Abbruch. Die Römer sollen es übrigens gewesen sein, die hierzulande den Germanen das Keltern von Apfelwein zwar nicht beibrachten, denn das haben die Einheimischen auch schon vorher gekonnt – aber die „Neubürger“ sollen vor fast 2000 Jahren durch das Beisteuern neuer Apfelsorten für mehr Geschmacksvielfalt gesorgt haben. Doch der Weg bis zum hessischen Nationalgetränk, als das der Apfelwein heute gilt, war seitdem noch ein langer.

Gerade im Rhein-Main-Gebiet hat das Keltern von Apfelwein und der Genuss desselben eine große Tradition. Da wäre es naheliegend, diese stolze Geschichte, das Kulturgut Apfelwein in all seinen Facetten vom Apfelanbau auf den auch ökologisch so wertvollen Streuobstwiesen der Region über die Herstellung in den vielen größeren und kleineren Keltereien bis hin zum Ausschank in den Äppelwoikneipen, von denen einige auf eine beachtliche Geschichte zurückblicken können, auch zum Gegenstand einer touristischen Route zu machen. Was dem Rheingau mit seinem Rieslingpfad oder Bamberg mit seinem Brauereienweg recht ist, sollte dem Rhein-Main-Gebiet mit einer Apfelweinroute billig sein.

Doch ausgerechnet bei der touristischen Aufbereitung des hessischen Nationalgetränks, das sich in diesen Monaten sogar anschickt, in den Stand eines immateriellen Weltkulturerbes erhoben zu werden, liegt offensichtlich derzeit einiges im Argen. Denn so recht wird der Ausflügler nicht fündig.

Keltermeister Jörg Stier freut sich auf die anstehende Eröffnung des Hessischen Apfelweinmuseums in Hanau.

Einst war der Hanauer Stadtteil Steinheim zwar Ausgangspunkt der rund 40 Kilometer langen Hessischen Apfelweinstraße, die über Wilhelmsbad, Maintal, Hochstadt, Bergen-Enkheim und Seckbach bis nach Frankfurt-Sachsenhausen führte, doch das ist Vergangenheit. Aus der Taufe gehoben wurde diese Route von der im Jahr 1972 gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Apfelweinstraße, der seinerzeit auch die Stadt Hanau mit ihrem Tourismusreferat angehörte. Doch Hinweise auf die Hessische Apfelweinstraße sucht man in Steinheim mittlerweile vergebens. Schilder mit dem Bembel-Emblem, die früher den Streckenverlauf der Route angezeigt haben, sind offenbar längst abmontiert.

Und auch die Arbeitsgemeinschaft Hessische Apfelweinstraße ist nicht mehr existent, ihre Homepage ist nicht erreichbar, eine angegebene Büroadresse offenbar veraltet. Die Hessische Apfelweinstraße scheint im Orkus der Geschichte verschwunden. Aber da gibt es ja auch noch die „Hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute“ – laut Internet eine „beeindruckende Erfolgsgeschichte“, die 1995 mit der Ausweisung einer ersten Route zwischen Main und Taunus begonnen habe und nun ein Wegenetz von mehr als 1000 Kilometern auf fünf Regionalschleifen umfasse.

Darunter gibt es auch die von einem Verein betreute Regionalschleife Main-Kinzig. Und tatsächlich trifft man ab und an bei Wanderungen oder Radtouren in der Region noch auf das Emblem der „Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute“, einen stilisierten roten Apfel mit geschwungenem grünem Pfeil.

Das Symbol der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute.

Doch detaillierte Informationen über Streckenverlauf und Besonderheiten der Regionalschleife Main-Kinzig im Zuge der Apfelwein- und Ostwiesenroute sucht man vergeblich. Weder im Internet noch beim Landschaftspflegeverband Main-Kinzig-Kreis (LPV MKK) mit Sitz in Jossgrund wird man fündig. Geschäftsführerin Barbara Fiselius hat nach eigenen Angaben in ihrem Fundus zwar noch einige „ältere Karten“ der Regionalschleife Main-Kinzig, „aber die kann ich heute nicht mehr guten Gewissens herausgeben, da die dort eingezeichneten Wegeführungen 20 Jahre und älter sind und die Angaben vielfach überhaupt nicht mehr stimmen.“

Ebenso wie die Strecken selbst, die einst von ehrenamtlichen Mitgliedern des Vereins erarbeitet und betreut worden seien, seien eben auch jene Helferinnen und Helfer in die Jahre gekommen und zum Teil bereits verstorben. Und es fehle an Nachwuchs.

Weil es auf anderen Regionalschleifen nicht viel besser aussieht, hat zum Jahresbeginn der Regionalverband Frankfurt Rhein-Main die Dachmarke „Hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute“ übernommen. Unter seiner Federführung sollen nun in den nächsten Jahren in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regionalschleifen die gesamte Wegeführung und das Konzept der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute überarbeitet werden. Vor allem gehe es darum, die künftigen Routen auch zu digitalisieren, denn das erwarte man heute von modernen Tourismuskonzepten, meint Fiselius.

Die Fäden für die Ausarbeitung eines neuen Konzepts laufen beim Großkrotzenburger Bastian Sauer zusammen, seines Zeichens Regionaler Streuobstbeauftragter beim Regionalverband Frankfurt Rhein-Main: „Unser Ziel ist, dem Thema Apfelwein und Streuobst wieder den Stellenwert zu geben, den es verdient.“ Allerdings stehe man mit der Neukonzeption der Routen noch ganz am Anfang. Wie lange der Prozess, in den selbstverständlich auch die bisherigen Kooperationspartner der Apfelwein- und Obstwiesenroute mit eingebunden würden, dauern werde, könne aber heute noch niemand sagen.

Auch Jörg Stier, einer der bekanntesten Keltermeister der Region, ausgewiesener Apfelwein-Experte und Initiator des ersten Hessischen Apfelweinmuseums, das demnächst am Hanauer Heumarkt eröffnet wird, hofft, dass das touristische Potenzial des Apfelweins schon bald wieder besser ausgeschöpft wird. „Aber da bin ich eigentlich frohen Mutes, denn ich habe den Eindruck, dass durch die Übernahme der Dachmarke durch den Regionalverband neuer Schwung in die Sache gekommen ist“, meint Stier.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare