Bislang einzigartig

In Hanau will sich ein Fahrradkurierdienst etablieren

Startklar: Timur Dzinaj von den Hanauer Veloboten auf seinem Lastenrad mit E-Motor.
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Startklar: Timur Dzinaj von den Hanauer Veloboten auf seinem Lastenrad mit E-Motor.

„Wir machen die letzte Meile grün“ werben die Hanauer Veloboten auf ihrer Internetseite für sich und ihr Konzept. Genau genommen passt der aus der Logistikbranche entliehene Begriff der letzten Meile nicht ganz: Denn bei Hanaus erstem Fahrradkurierdienst ist die gesamte Wegstrecke klimaneutral. Das hat schon kurz nach dem Start die Jury des Hanauer Nachhaltigkeitspreises überzeugt, die den Veloboten in diesem Jahr den zweiten Preis zusprachen. Nun geht es daran, potenzielle Kunden dafür zu gewinnen.

Hanau –Die Veloboten sind ein klassisches Start-up. Hinter der Idee steckt Gründer Timur Dzinaj. Der 56-jährige Dzinaj kennt die Brüder-Grimm-Stadt, ging hier zur Schule. Aus beruflichen Gründen zog es den Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik und Technischen Redakteur für einige Jahre nach Osnabrück. Seit 2017 ist er wieder in Hanau – „und seit vier Jahren autolos“, betont Dzinaj. Alle Wege, ins Büro, zum Einkaufen, in die City, legt er mit dem Fahrrad zurück.

Idee für Kurierdienst entstand im Lockdown

Die Leidenschaft für das Zweirad war also schon da, und die Pandemie brachte schließlich die Idee für einen Kurierdienst: „Während des Lockdowns fiel mir auf, dass viele Geschäfte in der Stadt keine Lieferung angeboten haben.“ Im Frühjahr dieses Jahres gründete der 56-Jährige die Veloboten. Mit im Boot beziehungsweise auf dem Fahrrad ist bislang ein weiterer Kollege. Noch steckt der Kurierdienst zwar in den Kinderschuhen, doch der Gründer ist davon überzeugt. Denn sie seien schneller als die Post, günstiger und umweltfreundlicher als Pkw-Lieferdienste, und außerdem: „Autos gibt es schon genug.“

Leidenschaft gehört sicherlich zu diesem Job dazu, denn wer in Hanau viel mit dem Fahrrad unterwegs ist, kennt die Infrastruktur. Auch Dzinaj findet, in Bezug auf Fahrradwege gebe es noch „viel Luft nach oben“.

Zweiter Platz beim Hanauer Nachhaltigkeitspreis

Mit dem Konzept in der Tasche bewarb sich der passionierte Radfahrer für den diesjährigen Hanauer Nachhaltigkeitspreis. Den gibt es in drei Kategorien: Publikumspreis, Jurypreis und Medien-/Kreativpreis. Beim Jurypreis erhielten die Veloboten den zweiten, mit 2000 Euro dotierten Platz.

Die Kurierfahrer bringen innerhalb von Hanau und seinen Stadtteilen nahezu alles von A nach B, für Handels- und Privatkunden, Apotheken und Ärzte, Behörden, Kanzleien und Banken. „Nur Essen liefern wir derzeit nicht aus“, erläutert Dzinaj. Die Nachfrage diesbezüglich sei ja eher in den Abendstunden. Das könnten er und sein Partner nicht leisten. Denn beide arbeiten weiter in ihren Hauptberufen, der Kurierdienst ist allenfalls ein Nebenerwerb – beziehungsweise, aus finanzieller Sicht, momentan noch eher ein idealistisches Hobby, lässt Dzinaj durchblicken.

Deshalb suchen sie nicht nur neue Kunden, sondern auch Verstärkung für ihr Team – machen aber auf ihrer Internetseite gleich offen und ehrlich deutlich, dass sie unbefristete Arbeitsverhältnisse in der Startphase nicht anbieten können.

Viele Geschäftsinhaber in Hanau haben kein Interesse an Lieferservice

Da es in Hanau kein Pendant gibt, holten die Veloboten Erfahrungen von anderen Fahrradkurierunternehmen ein. Ausgerüstet sind die Jungunternehmer bestens: Neben den eigenen Rädern stehen ihnen ein Lastenrad bis 30 Kilogramm sowie ein Schwerlastanhänger für sperrige und schwere Sendungen über 30 und bis zu 100 Kilo zur Verfügung.

Dennoch seien ihre Kunden bisher überwiegend Privatpersonen, die kleinere Sendungen überbracht haben wollen. Die Akquise bei Gewerbetreibenden und Geschäftsinhabern scheint schwierig. Viele Läden hätten kein Interesse daran, ihre Produkte ausliefern zu lassen – was Dzinaj angesichts der monatelangen Lockdown-Erfahrung überrascht. Denn die Vorteile sowohl für Kunden als auch lokale Händler liegen für den Veloboten-Chef auf der Hand. Schließlich ermöglichten sie den Hanauern „den Online-Einkauf im freundlichen Geschäft nebenan (statt beim Internetriesen)“, wie es auf der Internetseite heißt. „Viele haben offenbar den gedanklichen Sprung noch nicht gemacht“, lautet Dzinajs Einschätzung in Bezug auf die Geschäftsinhaber. In Osnabrück sei das anders, weiß er aus seiner Zeit in Niedersachsen.

Deshalb heißt es wohl in den kommenden Wochen nicht nur kräftig in die Pedale treten, sondern auch Überzeugungsarbeit leisten und sensibilisieren – etwa die Marktbeschicker. Denn Dzinaj und sein Kollege bieten auch an, Waren vom Hanauer Wochenmarkt zu Kunden nach Hause zu liefern.

Mit Broschüren, Visitenkarten und Werbeflaggen, sogenannten Beachflags, wollen die Veloboten in nächster Zeit auf sich aufmerksam machen. Um für Interessierte besser sichtbar zu werden, hofft Dzinaj, perspektivisch ein Büro oder eine Geschäftsstelle zu eröffnen, am besten innenstadtnah. Wer den Veloboten als Fahrer beim Aufbau ihres Kurierdienstes helfen möchte oder sich für ihre Transportkonditionen interessiert, findet alle Infos auf der Internetseite.

Infos im Internet: veloboten.de

Von David Scheck

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