19. Februar

Integration lange vernachlässigt: Ausländerbeiratsvorsitzende kämpft für mehr Toleranz 

Bei der zentralen Trauerfeier am 4. März brachten viele Menschen ihre Anteilnahme zum Ausdruck.
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Bei der zentralen Trauerfeier am 4. März brachten viele Menschen ihre Anteilnahme zum Ausdruck.

Sechs Monate ist es her, dass neun Menschen aus rassistischen Motiven in Hanau ermordet wurden. Nun haben wir mit der Vorsitzenden des Ausländerbeirats Selma Yilmaz-Ilkhan gesprochen, die sich intensiv um die Hinterbliebenen kümmert.

Hanau – „Die Antirassismus-Arbeit darf nicht nur in der Zivilgesellschaft bleiben!“ – Selma Yilmaz-Ilkhan, die diesen Satz sagt, ist Vorsitzende des Ausländerbeirats in Hanau und seit Monaten engagiert in der Betreuung der Opfer des 19. Februar, unter anderem im Verein 19. Februar Hanau und dessen erster Einrichtung, dem Institut für Toleranz und Zivilcourage, in dessen Räumen unser Gespräch stattfindet. Sie ist aber vor allem Hanauerin und will sich mit jeder Faser ihres Herzens dafür einsetzen, dass Ausgrenzung und Vorurteile in der Gesellschaft abnehmen.

Der Anschlag vom 19. Februar, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund starben, ist für sie der vorläufige traurige Höhepunkt einer Entwicklung, die sie auch in Hanau beobachtet. „Leider sind die Fortschritte zum Thema Vielfalt in den letzten Jahren wieder rückläufig“, erklärt die Mutter zweier Kinder. Ihre Eltern, die selbst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, haben ihr diese Erfahrung bestätigt.

Anschläge in Hanau: Umgang mit Rassismus habe sich verändert

Selma Yilmaz-Ilkhan ist Vorsitzende des Ausländerbeirats Hanau.

Auch sie weiß von den eigenen und den Kindern ihrer Freunde mit Migrationshintergrund, dass Vorbehalte gegen Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund heute schneller und lauter geäußert würden, als dies früher der Fall gewesen sei. „Ich habe Hänseleien ‘erst’ erlebt, als ich in die weiterführende Schule kam“, erinnert sich die einstige Lichtenberg-Oberstufen-Gymnasialschülerin. „Heute erfahren das Kinder schon in der Grundschule.“

Yilmaz-Ilkhan wird dennoch nicht müde, für eine offene, vielfältige Gesellschaft in Hanau zu werben, die mit 140 Nationen so bunt ist wie kaum eine andere. Die studierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin ist überzeugt, dass in Hanau die Integrationsarbeit neu definiert werden und einen höheren Stellenwert erhalten muss. Ein gewählter Ausländerbeirat aus Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, reiche bei Weitem nicht aus. Die Idee, der Stadt, ein Vielfalt- und Demokratiezentrum zu erreichten, könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein“, sagt sie und ergänzt: „Wir werden diesen Prozess aktiv mitgestalten.“

Verhalten von Hanaus Oberbürgermeister Kaminsky sei ein gutes Zeichen

Dass Oberbürgermeister Claus Kaminsky nach dem Anschlag klare Haltung gezeigt, das Thema Gedenken und die Betreuung der Opferfamilien zur Chefsache erklärt habe und er sich nach wie vor mit den Opferfamilien treffe, ist in ihren Augen ein deutliches Zeichen. Auch, dass er sich um Grabgestaltung, Gedenkstätte und die Suche nach einem Denkmal kümmert. Yilmaz-Ilkhan würdigt auch die Anstrengungen, die Land und Bund sowie die Opferbeauftragten unternommen haben. Auf all diesen Ebenen sei eine Menge passiert. „Zum ersten Mal hat ein Bundespräsident öffentlich ausgesprochen, dass ein weißer Mann nicht am eigenen Leib erlebt, was Migranten bei der vergeblichen Wohnungssuche oder Bewerbung um eine Arbeitsstelle widerfährt.“

Doch bei aller Hochachtung für solche öffentlich geäußerten Zeichen der Solidarität sei es damit nicht getan. Es fehle an der praktischen Umsetzung von Maßnahmen, die die Chancengleichheit von Menschen mit Migrationshintergrund erhöhten: Frauen und Männer mit fremdländischem Aussehen müssten als Mitarbeiter in Verwaltungen und in Chefpositionen eingestellt werden. Bürger mit fremdklingenden Namen sollten in Parteien dafür sorgen, dass auch dort ein Querschnitt der Gesellschaft abgebildet werde.

Migranten in der Politik auf Landes- und Bundesebene seien laut der Vorsitzenden des Ausländerbeirats Hanau selten

Auch auf Landes- und Bundesebene seien Migranten in der Politik Mangelware, sagt sie und verweist auf die ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Integrations-Staatssekretärin Nordrhein-Westfalens, Aydan Özoguz.

„Wie lange haben wir vergeblich dafür gekämpft, dass Frauen mit Kopftuch in Kitas arbeiten dürfen?“, führt sie ein weiteres Beispiel an. Erst der Fachkräftemangel habe daran etwas geändert. „Es ist doch wichtig, dass Kinder erleben, dass Frauen sie erziehen oder eine Kita leiten und nicht nur putzen oder hinter dem Kochtopf stehen!“

Der Einsatz müsse sich auf vielen Ebenen zeigen, sagt Yilmaz-Ilkhan. Dass der Anschlag nicht in allen Schulen thematisiert oder eine Gedenkminute für die Opfer abgehalten worden sei, empfindet sie als eklatantes Versäumnis. Denn die Arbeit für mehr Toleranz und Offenheit müsse in den Kitas beginnen und in den Schulen weitergeführt werden. Dazu bedürfe es auch verstärkt der interkulturellen Bildung für Lehrkräfte.

Vorsitzende des Ausländerbeirats Hanau sieht auch die Polizei in der Pflicht

Ein weiterer Baustein müsse die Polizeiarbeit sein. Die klassische Polizeiarbeit mit Streifenwagenfahrten ist in den Augen der Hanauerin wichtig aber nicht ausreichend, um Cyberkriminalität zu bekämpfen. „Wir brauchen viel mehr Leute, die vorm Bildschirm Hasskommentaren nachgehen oder auf Texte aufmerksam werden wie das Manifest des Täters vom 19. Februar, das zwei Wochen im Netz unterwegs war“, so Yilmaz Ilkhan weiter.

Aktuell bemüht sich die Zivilgesellschaft in der Stadt um ein angemessenes Gedenken. Die Diskussion darüber, ob das Brüder-Grimm-Denkmal noch immer als Ort der Erinnerung mit Fotos der Opfer und Kerzen sichtbar bleiben solle, kann Yilmaz-Ilkhan nicht nachvollziehen. Sehr wohl aber die Bemühungen vieler Nicht-Migranten, sich für ein besseres Miteinander einzusetzen, auch indem sie mitarbeiten im Verein.

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