Ein Zeichen der Hoffnung

Interview: Märchenbotschafterin Marie-Luise Marjan über den Neustart der Brüder-Grimm-Festspiele

Marie-Luise Marjan mit dem Maskottchen der Festspiele, dem Einhorn aus „Das tapfere Schneiderlein“.
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Marie-Luise Marjan mit dem Maskottchen der Festspiele, dem Einhorn aus „Das tapfere Schneiderlein“.

Marie-Luise Marjan, eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands, ist seit Jahren „Märchenbotschafterin“ der Brüder-Grimm-Festspiele. Nachdem die Festspiele voriges Jahr wegen der Pandemie abgesagt werden mussten, finden sie nun mit Einschränkungen statt.

Hanau - Im Interview wertet Marjan dies als ein wichtiges Zeichen. Zugleich übt Marjan, die sich seit Jahren in Kinderhilfsorganisationen, unter anderem als Unicef-Botschafterin, engagiert, Kritik an Versäumnissen während der Pandemie.

Frau Marjan, die Brüder-Grimm-Festspiele starten in diesem Jahr verspätet und mit einigen Einschränkungen.

„Wesentlich ist, dass die Festspiele überhaupt wieder stattfinden. Damit setzen die Verantwortlichen und die Künstler ein ganz wichtiges Zeichen der Hoffnung nach einer bleischweren Zeit.“

Im vergangenen Jahr mussten die Festspiele komplett abgesagt werden. Wie haben Sie diese Nachricht erlebt?

„Der Komplettausfall im vergangenen Jahr war sehr schmerzhaft. Ich habe an die Schauspieler, Autoren, Musiker und die vielen Helfer gedacht, die ja schon sehr weit waren mit den Vorbereitungen. Wir hatten ja auch schon Werbeclips für die Festspiele gedreht, die nun nicht mehr benötigt wurden. Da war auf einmal vieles für die Katz. Aber es gab zur Absage keine Alternative angesichts der Pandemie.“

Für dieses Jahr wird das ursprünglich für 2020 geplante Programm gespielt.

„Ja, und das finde ich sehr schön. Immerhin haben sich die Menschen im vergangenen Jahr auf die angekündigten Stücke gefreut. Ich halte die Entscheidung von Intendant Frank-Lorenz Engel für völlig richtig. Zumal ja vieles schon vorbereitet und die Bücher bereits fertig waren. Wir dürfen ja nicht vergessen: Das Besondere an den Hanauer Festspielen ist die Tatsache, dass die Märchen nicht einfach nacherzählt, sondern immer wieder neu interpretiert werden. Die Besucher erleben also immer wieder Weltpremieren.“

Worauf freuen sie sich in diesem Jahr besonders?

„Wie immer auf alle Stücke. Man kann stets etwas mitnehmen für das reale Leben, für den Alltag. Zum Beispiel „Das tapfere Schneiderlein“, das aus einem eher belanglosen Glücksfall Mut schöpft und sich seiner eigenen Kraft bewusst wird. Einer Kraft, die sogar Riesen in die Knie zwingt. Die Botschaft: Es lohnt sich, auch in schwierigen Zeiten auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Ich freue mich auch auf „Schneeweißchen und Rosenrot“, die ja Symbole für Treue und Zusammenhalt sind – etwas, das wir in unserer Gesellschaft gerade in diesen Zeiten so dringend brauchen. Gespannt bin ich auch auf den „Rattenfänger von Hameln“. Ich finde es großartig, dass Engel mit der erstmaligen Aufnahme einer Sage auch den weniger beleuchteten Teil des Werkes der Brüder Grimm auf die Bühne bringt. Natürlich möchte ich auch den „Zerbrochnen Krug“ sehen. Das Stück ist 200 Jahre alt, hat aber nichts an Aktualität eingebüßt.“

Die Pandemie hat zu schweren Einschränkungen im Leben der Menschen geführt, wirtschaftliche Schäden verursacht, aber auch die Kulturschaffenden vor riesige Probleme gestellt.

„Das ist unbestritten. Und ich glaube, dass man den großen Bereich der Kultur zu wenig beziehungsweise erst zu spät in den Fokus genommen hat. Mit jedem weiteren Monat der Einschränkungen ist deutlich geworden, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt. Ganz abgesehen davon, dass die Pandemie viele Künstlerkollegen wirklich vor existenzielle Probleme gestellt hat. Ich bin deshalb besonders dankbar, dass es immer wieder gerade auch lokale Initiativen gegeben hat, um dieses Los zu lindern. Da ist Hanau ein großes Vorbild.“

Glauben Sie, dass Deutschland in Sachen Pandemie alles richtig gemacht hat?

„Sicher sind auch Fehler gemacht worden und es hat Pannen gegeben. Und es schmerzt auch, dass es Betrüger gegeben hat und offenbar immer noch gibt, die diese Lage schamlos zum eigenen Vorteil ausgenutzt haben. Aber letztlich sind wir bisher besser durch die Krise gekommen als viele andere Länder. Das sollten wir bei aller Kritik nicht vergessen. Mir sind zum Beispiel in der Krise – bei allem notwendigen Fokus auf Wirtschaft und Gesundheit – die Kinder viel zu kurz gekommen. Sie waren vielleicht gesundheitlich weniger bedroht als die älteren Menschen. Aber sie haben nicht weniger unter der Pandemie gelitten.  „

Welche Lehren sollten wir aus der Krise ziehen?

„Wenn uns die Pandemie etwas gelehrt haben sollte, dann ist das Demut, die Notwendigkeit von Solidarität und die Hoffnung, dass man auch schwierige Herausforderungen meistern kann. Und damit sind wir genau bei den Botschaften, die Märchen vermitteln.“

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