Drama geht weiter

Elf Jahre nach dem Verkauf: Sanierung der Kinzigheimer-Weg-Siedlung in Hanau weiter nicht in Sicht

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Seit dem Verkauf vor elf Jahren verfällt die Kinzigheimer-Weg-Siedlung in Hanau immer mehr.

Die Kinzigheimer-Weg-Siedlung in Hanau verfällt seit dem Verkauf im Jahr 2009 immer weiter. Mehrere Käufer kündigten Sanierungen an, passiert ist nie etwas. Das dürfte sich so schnell auch nicht ändern.

  • Die Kinzigheimer-Weg-Siedlung in Hanau wurde vor elf Jahren verkauft
  • Seitdem verfallen die Gebäude immer weiter
  • Eine Sanierung ist immer noch nicht in Sicht

Hanau – Drei lange Jahre nach der Klageerhebung in Sachen Kinzigheimer-Weg-Vorkaufsrecht für die Stadt Hanau ist beim Landgericht Darmstadt immer noch keine Entscheidung über die Siedlung in Sicht.

Doch bereits elf Jahre ist es her, dass die Baugesellschaft Hanau die Kinzigheimer-Weg-Siedlung verkaufte, weil sie selbst das Geld für millionenschwere Sanierungsarbeiten nicht aufbringen konnte. Mit dem Verkauf, so das Versprechen von 2009 gegenüber dem Bauausschuss des Stadtparlaments, würde – überspitzt formuliert – alles gut.

Siedlung wurde trotz Widerstände 2009 verkauft

Die Interessen der Mieter behalte man bei den Verkaufsverhandlungen im Auge. Doch es gab auch Misstrauen, etwa wegen der nicht vorhersehbaren Mietpreisentwicklung nach einer Sanierung. Versuche der damaligen Linken-Mitglieder des Stadtparlaments, die anderen Fraktionen gegen einen Verkauf der Siedlung auf ihre Seite zu ziehen, scheiterten, wie die Ausschuss- und Parlaments-Beschlussprotokolle vom März 2009 zeigen.

Die Baugesellschaft, so die damalige Forderung, solle selbst sanieren. Dass das Parlament 2017, also gut acht Jahre später, einen Rückkauf der Siedlung beschließen würde, hätten sich die damals Beteiligten wohl nicht träumen lassen, denn: Dem Verkauf im Jahr 2009 folgte eine bittere Zeit der Pleiten, Pech und Pannen sowie der üblen Geschäftemacherei.

Bewohnerin richtet Vorwürfe an Oberbürgermeister Claus Kaminsky

Drei Besitzer hat es seit dem Erstverkauf gegeben, ein vierter Möchtegern-Käufer steht immer noch in den Startlöchern. Ein Teilrückblick: Es war eine bittere Klage über die Zustände in der Kinzigheimer-Weg-Siedlung, die Emilie Rensch an jenem Samstag, dem 29. April 2017 in der Mieterbund-Hauptversammlung vortrug.

Was sie über den Niedergang dieser einstmals stolzen Arbeitersiedlung berichtete, adressierte sie an Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Der war dort als Gastredner eingeladen und sprach auch über die Wohnungsbaupolitik in der Stadt.

Stadt Hanau will Käufer enteignen

Sichtbar erregt beschied die damals 78-Jährige aus der nahen Hafenstraße dem Redner, dass auch der lange schon heftig kritisierte Verkauf der Siedlung durch die Baugesellschaft zu eben dieser Wohnungspolitik der Stadt gehöre.

Ja, man wisse, dass der jetzige Eigentümer Dolphin trotz Sanierungsvertrag nichts tue und alles nur schlimmer geworden sei, entgegnete Kaminsky der Frau, um sie und die anderen Zuhörer dann mit der Nachricht zu überraschen, dass die Stadt Hanau nun „in die Enteignungsfrage eingetreten“ sei: „Wenn unsere Juristen grünes Licht geben, werden wir handeln.“

Verfall der Siedlung: Medien greifen Thema auf

Das hat gesessen. Als lokaler Aufmacher der nächsten Ausgabe des Hanauer Anzeigers am 2. Mai war damals ein ganz anderes Thema vorgesehen. Doch eine Enteignungsdrohung dieser Dimension gibt es schließlich nicht alle Tage. Und also wurde das Thema an prominenter Stelle ins Blatt gehoben.

Aus der Enteignungsabsicht wurde dann die Ausübung des gesetzlichen Vorkaufsrechts der Kommune. Der Verkauf durch die Baugesellschaft und die mehrfachen Besitzerwechsel sorgten zuvor schon für Nachrichtenstoff in den regionalen Medien.

Keine Sanierung: Käufer wollen mit Siedlung Gewinn machen

Doch nun wurde derKinzigheimer Weg zu einem Dauerbrenner. Und auch die Tendenz der Berichterstattung verschob sich. Es drängte sich endgültig der Verdacht auf, dass die Siedlung zu einem Spekulationsobjekt verkommen sei. Der erste Käufer der Siedlung, die Wiesbadener Casa Art Holding, ging pleite und zog damit eine gerichtliche Zwangsverwaltung nach sich.

Der zweite Käufer, die Süd-Ost-Invest aus Leipzig, verkaufte die Siedlung 2014 - ohne Sanierung. Und der dritte und immer noch aktuelle Eigentümer nach der Baugesellschaft, die Dolphin Capital 214. Projekt, erwarb dieSiedlung für 6,1 Millionen Euro und will sie für 9,9 Millionen Euro gewinnträchtig weiterverscherbeln - ohne Sanierung.

Unternehmen behauptet: Sanierung war geplant

Wer mitrechnen will: Die Baugesellschaft verkaufte dereinst für 2,4 Millionen Euro. Dabei setzte die Stadt große Hoffnung in Dolphin, schloss sogar einen förmlichen Sanierungsvertrag ab. Aber wollte Dolphin jemals sanieren? Ja, sagte die Unternehmenszentrale in Langenhagen bei Hannover, aber alles sei schwieriger gewesen als man gedacht habe.

Nein, sagte Hanaus Rathauschef Kaminsky im Rückblick und sprach von Heuschrecken, die da am Werk seien. 

Britischer TV-Sender entlarvt Geschäftsgebaren

Journalisten des Hessischen und des Bayerischen Fernsehens sowie des britischen TV-Senders BBC haben das Geschäftsgebaren von Dolphin später als Teil einer geschickten Geldeinsammelstrategie entlarvt. Deutschlandweit hatten Dolphin-Gesellschaften etwa 60 denkmalgeschützte Immobilien in ihren Besitz gebracht und dafür Geld bei meist britischen Anlegern eingesammelt.

Versprochen wurde, zu sanieren und hernach die Einlagen samt üppigen Renditen zurückzuzahlen. Bei nicht wenigen dieser Objekte wurde aber nichts saniert. Hanau lässt grüßen.

Sanierung dürfte für die Stadt Hanau teuer werden

Zurück zum Kinzigheimer Weg, wo es für die Stadt richtig teuer werden kann, wenn sie am Ende wirklich selbst saniert. Denn dafür wurden 2009 von der Baugesellschaft bereits 6,7 Millionen Euro veranschlagt. Inzwischen dürften es zwei Millionen Euro mehr sein.

Der bislang strittige Rückkaufswert von mindestens (!) vier Millionen Euro plus Nebenkosten ist da freilich noch nicht eingepreist. Während dieser Beitrag entstand, meldete sich Emilie Rensch, jene Frau aus der Hafenstraße, die damals schon in der Mieterbundversammlung aufbegehrte. Wieder ging es um Dreck und Zerstörung.

Neun Personen sind in Siedlung noch gemeldet

Die „Emmi“, wie sie viele noch als Inhaberin eines kleinen Lebensmittelgeschäftes im Hafentor erinnern, teilt das Leid der Siedlung. Sie ist dort selbst aufgewachsen und viele der damaligen Bewohner waren auch ihre Kunden. Doch das ist sehr lange her. Heute wohnt hier kaum noch jemand.

Gerade einmal neun Erwachsene sind (Stand 22. Juni 2020) in der Siedlung noch offiziell gemeldet – in vier der 13 Wohnblocks. 2009, als die Siedlung erstmals über den Ladentisch ging, gab es noch 61 Mietparteien. „Der Letzte macht das Licht aus“, kommentierte ein Bewohner aus der nahen Annastraße den Leerstand bei einem Quartiersrundgang Ende Oktober letzten Jahres.

Siedlung verfällt: Auch Bushaltestelle wurde gestrichen

Da kam es gar nicht gut an, dass dann mit dem letzten Fahrplanwechsel auch noch die Buslinie 3 durch den Kinzigheimer Weg gestrichen wurde– wegen fehlender Fahrgäste. Immerhin: Bauamt und Ordnungsamt bemühen sich, den schlimmsten Auswirkungen des Siedlungsverfalls entgegenzuwirken.

Sie kontrollieren, schicken Müllbeseitigungsverfügungen an den Eigentümer, lassen Rattenbefall bekämpfen und drohen mit kostenpflichtigen Ersatzvornahmen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres kontrollierten sie viermal. Mehr steht nicht in ihrer Macht.

Alle warten sie lange schon auf eine Entscheidung desLandgerichts Darmstadt, wo im Augenblick noch über den Verkehrswert der Siedlung gestritten wird. Doch es geht am Ende darum, ob die Stadt die Siedlung überhaupt zurückbekommt oder ob das Spekulanten-Drama weitergeht.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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