20 Tonnen Stahl mahnen und erinnern zugleich

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Glückliches Ende eines logistischen Kraftakts: Die der historischen Turmhaube nachempfundene Stahlkonstruktion schwebt über der Alten Johanneskirche ein.

Hanau - „Ich freu´ mich“, sagt Helmut Grimbach. Auch die feuchte Kälte kann den 68-Jährigen nicht davon abhalten, mehr als zwei Stunden auszuharren, um diesen historischen Moment mit zu erleben. Von Dirk Iding

Die Alte Johanniskirche in der Hanauer Altstadt bekommt wieder eine Turmhaube - in Form einer 20 Tonnen schweren Stahlkonstruktion, die dem Gotteshaus seine historische Silhouette zurückgibt.

Für viele ältere Hanauerinnen und Hanauer, die das Hinaufhieven des 20 Meter hohen Stahlgerüsts mit Hilfe eines riesigen Autokrans gestern gespannt beobachteten, war dies ein hoch emotionaler Moment. „Ich kann mich noch erinnern, wie ich am Morgen des 19. März 1945 als Zehnjähriger hier stand“, erzählt Grimbach. Den verheerenden Luftangriff der alliierten Bomber, bei dem annähern 90 Prozent der Gebäude in der Hanauer Innenstadt zerstört wurden, hatte er mit seiner Familie im Keller des Goldschmiedehauses überlebt. Bei dem Bombardement war auch die Alte Johanneskirche schwer beschädigt worden. „Die riesigen Ziffernblätter der Turmuhr lagen zwischen all den Trümmern auf der Straße“, erinnert sich Grimbach.

Stahlkonstruktion nach historischem Vorbild

Beim späteren Wiederaufbau des Gotteshauses wurde auf die markante dreistöckige Turmhaube verzichtet. Und als in Reihen der Interessengemeinschaft Hanauer Altstadtbewohner (IGHA) vor einigen Jahren die Idee des Hanauer Geschichtsvereins aufgegriffen wurde, der Alten Johanneskirche ihr ursprüngliches Aussehen zurückzugeben, fragte sich wohl nicht nur IGHA-Vorsitzender Werner Bayer: „Ob das was wird?“

Es wurde was - Dank des unermüdlichen Engagements vieler Hanauer Bürger, die sich für das Projekt einsetzten, Ideen und Spenden einbrachten und schließlich auch die Politik überzeugten. Der ursprüngliche Gedanke, die Turmhaube originalgetreu zu rekonstruieren, wurde allerdings fallengelassen. Denn das hätte rund 250.000 Euro gekostet. Auch wäre die Evangelische Landeskirche als Hausherrin nicht bereit gewesen, die hohen Folgekosten für Pflege und Unterhalt einer hölzernen Turmhaube zu tragen.

Sorgfältig musste die 20-Tonnen-Last am Kran befestigt werden, ehe sie auf den 37 Meter hohen Kirchturm gehievt werden konnte.

Und so kam die Idee von Dr. Rolf Ruthardt zum Zug, der eine Stahlkonstruktion nach historischem Vorbild vorschlug. Damit wird zum einen das ursprüngliche Erscheinungsbild der Alten Johanneskirche nachempfunden, zum anderen stellt das Gerüst eine bleibende Erinnerung an die wohl schwärzeste Stunde in der Hanauer Stadtgeschichte dar. Von dieser Idee ließen sich alle beteiligten Vereine, politische und kirchliche Gremien überzeugen. Und mit der Firma Stahlbau Main GmbH (Erlensee) fand sich auch ein Unternehmen, das die Idee in die Realität umsetzte.

Logistischer Kraftakt

Heike Neumann von Stahlbau Main entwarf die dreistufige Konstruktion, die am Donnerstag zu Füßen der Alten Johanneskirche endmontiert wurde. „Das war der mit Abstand ungewöhnlichste Auftrag, den wir bislang hatten“, sagt die Projektleiterin, die gestern mit zahlreichen Mitarbeitern der Erlenseer Stahlbaufirma gespannt beobachtete, wie das 20 Tonnen schwere Gerüst nach stundenlanger Vorbereitung an den „Haken“ genommen wurde.

Das Aufsetzen der Turmhaube war ein logistischer Kraftakt im wahrsten Sinne. Im Mittelpunkt dabei stand ein mächtiger Autokran der Frankfurter Eisele AG mit einer maximalen Hubkraft von 350 Tonnen. 100 Tonnen Gegengewicht sorgten dafür, dass die Stahlkonstruktion letztlich ohne Probleme an dem 72 Meter hohen Kranausleger in die Lüfte gehoben und auf die Turmspitze aufgesetzt wurde.

Ursprünglich war das Gesamtprojekt auf 120.000 Euro veranschlagt. 50 Prozent der Summe stifteten Bürger und Unternehmen, die andere Hälfte kam von der Stadt. Insgesamt rechnet IGHA-Chef Werner Bayer nun aber mit Kosten von 150.000 Euro. Blitzschutz, Dachdeckerarbeiten und die künftige Beleuchtung des Kirchturms waren noch nicht einkalkuliert. „Aber wir werden die Finanzierung hinkriegen“, ist Bayer optimistisch. Offiziell übergeben wird das Projekt beim 10. IGHA-Geburtstag, der am 21. November mit einem Festakt in der Alten Johanneskirche gefeiert wird.

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