Journalist will Fall wieder aufrollen

Wie kam Atommanager ums Leben?

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Bei seinen Recherchen stieß Dieter Kassing, der 1987 den Skandal um die Hanauer Atombetriebe ins Rollen gebracht hatte, auf Ungereimtheiten beim Tod des Atommangers Holtz.

Hanau - Der Journalist und Autor Dieter Kassing, der 1987 den Skandal um die Hanauer Atombetriebe ins Rollen gebracht hatte, will Licht in das Dunkel um den vermeintlichen Selbstmord des Hanauer Atommanagers Hans Friedrich Holtz bringen. Von Dieter Kögel

Der Transnuklear-Prokurist war im Zuge der damaligen Ermittlungen am 11. Dezember 1987 festgenommen und in das Hanauer Untersuchungsgefängnis eingeliefert worden, am 15. Dezember wurde der Hauptzeuge in dem prekären Fall um illegale Ausfuhren spaltbaren Materials, falsch deklarierte Atomtransporte und Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe, in seiner Zelle tot aufgefunden.

Sein Aktenstudium auch in Zusammenhang mit dem jüngst erschienen Buch Kassings „Nucleus“ lässt den Autor und Journalisten zu dem Schluss kommen, dass die Ermittlungsakten noch einmal geöffnet werden müssten. „Kann man einen Fall wie den des Herrn Holtz so aktenmäßig beerdigen?,“ fragt Kassing in einem Schreiben an die Hanauer Staatsanwaltschaft, die er zur erneuten Überprüfung auffordert.

Es gab keine Obduktion

Denn obwohl Holtz eines unnatürlichen Todes gestorben sei, habe es vermutlich nie ein Todesermittlungsverfahren samt Obduktion gegeben. Dies gehe aus den Akten des Bundestagsuntersuchungsausschusses hervor, die Kassing vorliegen.

Widersprüchliche Aussagen begegneten Kassing bei seinen Recherchen auch zur Todesursache des Atommanagers in seiner Zelle. Während in der Todesmeldung an das Hessische Justizministerium vermerkt sei, Holtz habe sich „am linken Arm die Arterie aufgeschnitten und war völlig ausgeblutet,“ habe der damalige Leitende Oberstaatsanwalt zwei Monate später vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss berichtet, dass der Häftling sich „sehr fachmännisch die Pulsadern an beiden Armen aufgeschnitten“ habe. Kassings Recherchen im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv ließen den Selbstmord in ganz anderem Licht erscheinen. Mitarbeiter des Archives haben Kassing gegenüber verlauten lassen, dass Holtz sich an der Heizung seiner Zelle erhängt habe. „Die Mitarbeiter gaben mir ihre Version schriftlich,“ sagt Kassing.

Verschwundene Akte

Die Akte über das Todesermittlungsverfahren, die genau Auskunft darüber geben könnte, wie der Atommanager ums Leben gekommen ist, bleibt verschwunden. „Im Hanauer Archiv ist das Todesermittlungsverfahren von Holtz bis heute nicht aufzufinden,“ kritisiert Kassing in seinem Brief an die Staatsanwaltschaft. Auch in den Akten des Bundestags-Untersuchungsausschusses nicht. Denn von dort seien die Akten 1990 an das Hessische Justizministerium weitergeleitet worden. Aber auch dort, so Kassing, konnten sie nicht gefunden werden.

Kein Fall für den Generalbundesanwalt, musste sich Kassing dort sagen lassen, und kein Fall für das Bundesjustizministerium, das er ebenfalls einschalten wollte. Nur über politischen Druck könne der Fall wohl wieder aufgerollt werden, habe Kassing erfahren. Öffentlichen Druck, den der Journalist und Autor mit seinen neuerlichen Vorstößen bei der Hanauer Staatsanwaltschaft und bei der Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt jetzt aufbauen möchte. Die Staatsanwaltschaft hat nun eine Prüfung von Kassings Angaben eingeleitet.

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