Kunst

Kannen kehren nach Hanau zurück: Anwalt entdeckt Silberschmiedekunst von Friedrich Reusswig bei TV-Sendung

Dieses vierteilige Werk des Hanauer Silberschmieds Friedrich Reusswig hat der Rechtsanwalt, Kunstsammler und „Lokalpatriot“ Harald Nickel in der Sendung „Bares für Rares“ entdeckt und im Anschluss von einer Händlerin erworben.
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Dieses vierteilige Werk des Hanauer Silberschmieds Friedrich Reusswig hat der Rechtsanwalt, Kunstsammler und „Lokalpatriot“ Harald Nickel in der Sendung „Bares für Rares“ entdeckt und im Anschluss von einer Händlerin erworben.

Als der Rechtsanwalt, Kunstsammler und Kunstmäzen Harald Nickel das Wort „Hanau“ hörte, wurde der „glühende Lokalpatriot“ blitzschnell hellwach. Der Mann, der Fernsehsendungen zum Einschlafen nutzt, sah auf dem Bildschirm ein bemerkenswertes Ensemble aus drei Kannen samt Tablet von hochrangiger Silberschmiedekunst. Heute steht diese Arbeit des Hanauers Friedrich Reusswig auf dem Schreibtisch von Nickel und wird täglich – zumindest die Wasserkaraffe – benutzt.

Hanau – „Wenn ich einschlafen will, dann gucke ich Fernsehen, da bin ich sofort weg“, berichtete der Anwalt beim Besuch in seinem Bürogebäude. Wer an jenem bewussten Abend Ende April die Sendung „Bares für Rares“ eingeschaltet hatte, weiß Nickel nicht mehr. Aber dass er beim Namen „Hanau“ sofort elektrisiert war und daraufhin den Rest des Geschehens sehr aufmerksam verfolgte, ist dem Kunstsammler noch sehr gegenwärtig. „Ich dachte, dieses Ensemble will ich haben und vor meinem geistigen Auge war auch schon der künftige Platz zu sehen“, erzählte Nickel.

Die Anbieterin der Kannen und des Tablets erzählte in der Sendung, die Nickel später mehrmals auf YouTube anschaute, dass ihr Vater mit dänischen Wurzeln ihr das Ensemble vermacht und er oft in Dänemark Silber gekauft hätte. Sie vermutete deshalb, dass es aus dem nördlichen Nachbarland stamme. Moderator Horst Lichter jedenfalls war sehr angetan von „dem Gedöns“, das er „so pompös“ noch nie gesehen habe.

Expertin konnte Kannen als Werk des Hanauer Silberschmied Friedrich Reusswig identifizieren

Anhand eines an der Unterseite der Kunstgegenstände angebrachten Prägestempels konnte die Kunstexpertin der Sendung allerdings die Kannen und das Tablet eindeutig dem Hanauer Silberschmied Friedrich Reusswig (1856 bis 1909) zuordnen, auf dessen Namen von 1903 bis 1926 eine Firma in der Brüder-Grimm-Stadt eingetragen war. Die Fachfrau bescheinigte den Stücken einen „gestuften Aufbau auf einem oktogonalen Grundriss in einer Kombination, die doch etwas schräg anmutet“. Dann zählte sie die einzelnen Stücke auf: eine Mokkakanne, zweifach gestuft, fast architektonisch aufgebaut mit einem Baldachindeckel und einer Bekrönung, sowie eine Teekanne und eine Wasserkanne in derselben Machart“. Als dieser Geschmack aufgekommen sei, habe man Tee oder Mokka vielleicht mit Wasser verdünnt, aber weder Zucker noch Milch in diese Getränke gegeben, stellte sie fest.

Bemerkenswert seien die „üppig gestalteten und flachen Bildflächen, wo verschiedene Szenen zu sehen sind“. Auf einer Seite sei zum Beispiel Thalia zu erkennen, in der griechischen Mythologie die Muse der komischen Dichtung und Unterhaltung. Auf der anderen Seite sei Pythia dargestellt, die weissagende Priesterin im Orakel von Delphi. Der „griechische Geschmack“ habe den Klassizismus des 18. Jahrhunderts geprägt, stilistisch sei man hier in den Jahren 1750 bis 1760, erläuterte die Kunstexpertin. Friedrich Reusswig habe vermutlich französische Vorlagen benutzt, um zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Neoklassizismus und Historismus diese Kannen zu schaffen, es sei ganz erstaunlich, welche Kompositionen er seinem Publikum geboten habe.

Versteigerung der Hanauer Silberarbeit für 2200 Euro

Nach diesen Ausführungen griff sich die „menschliche Waage“ Lichter das Ensemble und schätzte bis auf 200 Gramm genau dessen Gewicht, das 2,7 Kilogramm beträgt. Viel wichtiger war der Anbieterin aber, welchen Wert die Kunstexpertin Kannen und Tablet beimaß und die kam auf eine Summe zwischen 2500 und 2800 Euro. In der folgenden Versteigerung ging das Werk von Friedrich Reusswig dann für 2200 Euro über den Tresen.

Nickel konnte anhand des Namens der Händlerin, die Kannen und Tablet ersteigert hatte, über Google herausfinden, dass deren Geschäft in Bornheim bei Bonn zu finden war. „Ich habe eigentlich geglaubt, dass das Werk von Reusswig schon verkauft sei. Aber ich habe dort angerufen, sofort mit der Chefin gesprochen und zu meiner positiven Überraschung waren Kannen und Tablet noch nicht verkauft. Über den Preis haben wir uns sehr schnell geeinigt und schon wenige Tage später kamen Kannen und Tablet bestens verpackt per Wertpaket in Hanau an“, blickte Nickel zurück.

Hanauer Anwalt hat die Silberarbeit gekauft

Diese außergewöhnliche Arbeit von Friedrich Reusswig, dessen Grab auf dem Hanauer Hauptfriedhof zu finden ist, steht seit Anfang Mai auf dem Schreibtisch von Nickel und „jeden Morgen füllen mir meine Damen die dafür vorgesehene Kanne mit Wasser für den ganzen Tag“, stellte der Anwalt fest. Und für die vielen Videokonferenzen, die wegen Corona auch noch nicht Geschichte sind, hat sich der Kunstfreund auch etwas Besonderes einfallen lassen: „Bevor ich auf die Kamera schalte, die mich überträgt, schwenke ich auf das Werk von Friedrich Reusswig, was schon viele Nachfragen zur Folge hatte und zu einem entspannter Einstieg in manch schwieriges Gespräch führte.“

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