Keine Polizisten, keine Fragen

Personalmangel führt zu Pause in Pflege-Prozess

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Hanau - Zu viele offene Fragen und zu wenig Personal: Dass der Prozess am Hanauer Landgericht wegen tödlicher Vernachlässigung einer pflegebedürftigen Angehörigen auf unbestimmte Zeit vertagt wurde, verdeutlicht den personellen Engpass bei der Hanauer Justiz. Von Steffen Müller

Angeklagt sind Patricia S. und ihre beiden Söhne 24 und 22 Jahre alten Söhne Kevin und Steven. Sie sollen sich nicht um Patricias Mutter, Roswitha I., gekümmert haben. Die 64-Jährige benötigte aufgrund einer schweren Rheumaerkrankung hohen Pflege, die ihr nicht zuteil wurde. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2014 starb sie an einer Lungenentzündung. Da die Angeklagten schweigen und vor den Verhandlungen nicht von der Polizei, sondern nur von einem Psychiater befragt wurden, lag dem Gericht vor dem Prozess nur der Einsatzbericht der Polizei aus der Todesnacht vor. Dem Gutachter berichteten die Angeklagten, dass Roswitha I. keine Hilfe habe in Anspruch nehmen wollen. Das Gericht muss nun klären, ob die Verstorbene zu Lebzeiten eigenverantwortlich und bewusst die Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes in Kauf nahm und die Familie auf ihre Anweisung handelte. Wenn sich herausstellt, dass Roswitha I. tatsächlich die Pflege verweigerte, könnte sich das für die Angeklagten strafmildernd auswirken. Selbst ein Freispruch wäre nicht mehr ausgeschlossen.

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Deswegen sollen nun die fehlenden Ermittlungen nachgeholt werden. So sollen Bewohner des Hauses in der Freigerichtstraße gehört, Krankenakten eingeholt und die Lebenssituation von Patricia S. geklärt werden. Sie soll nämlich gar nicht mehr mit ihren Söhnen und ihrer Mutter in der Wohnung gelebt haben, sondern bei ihrem Lebenspartner in Maintal. Dass diese Ermittlungen nicht vor Prozessbeginn stattfanden, sei darauf zurückzuführen, dass nicht zu erwarten gewesen sei, neue Erkenntnisse zu gewinnen, so die Staatsanwaltschaft. Aus dem Einsatzbericht der Polizei ist bereits bekannt, dass in der Wohnung katastrophale Zustände herrschten. Es lagen Essensreste und Mülltüten herum, in der Luft war ein bestialischer Gestank. Auch der Lebenspartner von Patricia werde über die Verhältnisse wenig sagen können, da er selbst nie in der Wohnung gewesen sei.

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Um die ohnehin schon knappen Ressourcen der Polizei nicht unnötig zu belasten, wurde bisher auf Vernehmungen verzichtet. Doch da ohne die Befragung von Zeugen - auch wenn dabei nichts herauskommt - sowohl für Staatsanwaltschaft als auch für die Verteidigung ein Grund zur Beanstandung des Urteils geliefert werden könnte, sieht sich der zuständige Richter Peter Graßmück nun veranlasst, Zeugenvernehmungen durchzuführen.

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