Viele Kinder werden abgehängt

Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise: „Das ist eine gefährliche Situation“

Einige Eltern lassen ihre Kinder seit Monaten von der Schule oder Kita befreien: Weder Pädagogen noch das Jugendamt wissen, wie es den Kindern geht oder ob das Kindeswohl gefährdet sein könnte.
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Einige Eltern lassen ihre Kinder seit Monaten von der Schule oder Kita befreien: Weder Pädagogen noch das Jugendamt wissen, wie es den Kindern geht oder ob das Kindeswohl gefährdet sein könnte.

Im Lockdown haben die Jugendämter bundesweit die Luft angehalten, wie die Hanauer Jugendamtsleiterin Andrea Knips-Profeld erzählt. Denn als Schulen und Kitas geschlossen waren und Eltern der Doppelbelastung Homeoffice und Homeschooling oder Kinderbetreuung gleichzeitig ausgesetzt waren, habe man wenig von den Familien gehört.

Hanau - Unklar sei zu dem Zeitpunkt gewesen, was in den Familien passiert und ob Kinder akut von Gewalt bedroht oder gefährdet waren.

„Wenn wir uns den Graubereich der Kindeswohlgefährdung anschauen, ist es schon so, dass wir überwiegend Informationen aus Schulen, Kitas und Jugendeinrichtungen erhalten“, sagt Knips-Profeld. „Im Lockdown kamen keine Informationen mehr. Das ist eine gefährliche Situation und war für uns wirklich beängstigend.“ Jugendämter und der soziale Dienst waren zu jeder Zeit erreichbar.

Auch die Jugendeinrichtungen hatten geschlossen und kamen schlecht an Kinder und Jugendliche ran, erzählt Thomas Boeuf, der Abteilungsleiter für Jugendarbeit bei der Stadt Hanau. Als Schulen und Kitas wieder öffneten, habe man deutlich gemerkt, dass wieder verstärkt Hinweise auf Gefährdungssituationen in Familien eingingen.

Dunkelziffer: Viele Kinder werden nicht mehr erreicht

Einige Eltern würden jedoch immer noch ihre Kinder aus gesundheitlichen Gründen durch ein ärztliches Attest vom Unterricht oder der Kinderbetreuung freistellen. „Da besteht keine Möglichkeit, von außen die Situation zu beurteilen“, sagt Hanaus Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel. „Dabei gibt es auch heute noch eine Dunkelziffer, die niemand erreicht.“ Daher sei es das erklärte Ziel, die Schulen und Kitas so lange wie möglich offen zu lassen.

Viele Eltern hätten Angst, das Jugendamt zu kontaktieren, da sie denken, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten, erklärt Knips-Profeld. Daher würden sich die Familien oft nicht selbst melden. Das Jugendamt könne jedoch in erster Linie auch Hilfestellungen geben, damit sich die Familiensituation entspannt. „Es ist etwas ganz Natürliches, dass man an die eigenen Grenzen kommt, wenn Familien in häuslicher Isolation sind. Wichtig ist nur, dass sich die Familien melden.“

Pandemie für Kinder und Jugendliche besonders belastend

Gerade Kinder und Jugendliche seien in der Pandemie an vielen Stellen zu kurz gekommen. „Für mich ist es momentan relativ eindeutig, dass es zwei Bevölkerungsgruppen gibt, die sozial, psychisch und nicht-monetär in der Corona-Zeit die meisten Lasten getragen haben, das waren zum einen die Senioren durch Vereinsamung in Altenheimen, Abhängigkeit von Pflegediensten und pflegenden Angehörigen. Zum anderen waren das die Kinder und Jugendlichen“, so Weiss-Thiel.

Familienhilfe in der Corona-Zeit

Bei Beratungsbedarf oder akuter Kindeswohlgefährdung können sich Betroffene oder Beobachter per E-Mail an sozialerdienst @hanau.de oder unter Telefon 06181 295433 melden.

Gerade diejenigen aus einkommensschwachen oder schwierigen Familienverhältnissen könnten laut Weiss-Thiel durch Kita- und Schulschließungen wie in den Monaten März bis Juli zu Bildungsverlierern werden. Bundesweit sind nach Schätzungen des Deutschen Lehrerverbandes ein Viertel aller Schüler von einem schwierigen familiären Umfeld oder mangelnden digitalen Endgeräten betroffen.

Probleme in Ballungsräumen häufiger als im ländlichen Raum

„Es weiß aber auch jeder, dass das Problem in den Ballungsräumen wie Frankfurt, Offenbach, Hanau häufiger auftritt als in ländlicheren Regionen“, erklärt Weiss-Thiel. Da haben wir eher im Bereich der Netzversorgung ein Problem.“

Die Zahl der Familien, die weder über Laptops oder Computer noch über Drucker verfügen, sei größer als zuvor angenommen. „Das hat uns an der Basis wirklich erschrocken. Hier sind Kinder abgehängt worden“, sagt die Jugendamtsleiterin. Daher sei es sehr zu begrüßen, dass Schulen jetzt Tablets verteilen. Damit sei es aber nicht getan.

Jugendarbeit mit digitalen Angeboten

Digitale Angebote und Formate finden musste auch die Jugendarbeit der Stadt während des Lockdowns, das „offene Fenster“, eine Spieleausleihe und weitere offene Angebote konnten über die Sommermonate auf den Weg gebracht werden. „Das einzige, was wir seit Beginn der Corona-Pandemie anbieten konnten, war die Streetwork-Arbeit“, so Boeuf.

„Da sind wir mit dem Bollerwagen voller Getränken zu den Jugendlichen auf der Straße gegangen.“ Ansonsten fand die Kommunikation meist über Smartphones statt. „Wir sind natürlich auch dabei, die Digitalisierung voranzutreiben. Man muss aber auch dazu sagen, dass soziale Arbeit ohne Nähe schwierig ist.“

Jugendliche zocken unter freiem Himmel

Über den Sommer habe man mit den Jugendlichen nach neuen Formaten gesucht, wie „Hanau Daheim“, wo Jugendliche unter freiem Himmel Videospiele spielen und chillen konnten. Zudem hätten sich die fünf städtischen Jugendhäuser untereinander gut vernetzt, um Angebote weiterhin anbieten zu können.

In der zentralen Jugendeinrichtung, dem Hans-Böckler-Haus (JuBiKuz), ist seit Anfang April der Ärztliche Bereitschaftsdienst des Klinikums untergebracht worden. Für das JuBiKuz wurden daraufhin übergangsweise neue Räumlichkeiten gesucht und im leer stehenden ehemaligen Kanzleigebäude am Schlossplatz gefunden. Bis das JuBiKuz die Räumlichkeiten bezieht, könnte allerdings noch bis Ende des Jahres dauern.

Perspektiven für Jugendliche schaffen

„Wir müssen dann natürlich schauen, was wir in den Räumlichkeiten unter Wahrung der Abstandsregeln anbieten können“, so Boeuf. Wichtig sei hier, die Jugendlichen mit ihren Zukunftsängsten aufzufangen und ihnen wieder Erfahrungs- und Erlebnisräume zu schaffen, in denen sie sich selbst austesten und ausleben können. Vieles davon sei in der Corona-Zeit verloren gegangen.

Berufsberatung, Perspektiven aufzeigen und Austausch bieten, sei gerade im Hinblick auf den angespannten Ausbildungsmarkt und die gestiegene Jugendarbeitslosigkeit von Nöten. „Ich glaube auch, dass andernfalls eine ganze Menge Einfluss- und Erklärungsmöglichkeiten für Jugendliche verloren geht.“

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