Gericht

Kindermord-Prozess: Gerichtsmediziner mit eindeutiger Aussage

Im Prozess um den in Hanau (Main-Kinzig-Kreis) getöteten Jan H. hat ein Gerichtsmediziner ein eindeutiges Fazit zum Tod des damals Vierjährigen gezogen.

  • Prozess um den in Hanau getöteten Jan H.
  • Pflegekind der Sektenführerin sagt aus
  • Der Gerichtsmediziner kommt zu einem eindeutigen Fazit

Hanau – Am 17. August 1988 sind Notarzt und Hanauer Kripo an der Keplerstraße davon ausgegangen, dass der vierjährige Jan H. an Erbrochenem erstickt ist. Ein Unfall.

Was Mediziner und Kriminalisten aber nicht gewusst haben: Der Bub ist offenbar in einem Leinensack verschnürt gewesen.

Kindermord in Hanau: Jan H. ist nicht-natürlich gestorben

Fast 32 Jahre nach dem Todestag kommt ein Gerichtsmediziner zu einem ganz anderen Schluss: „Ich habe keinen Zweifel an einem Tod durch ein äußeres Ereignis, dementsprechend gehe ich von einem nicht-natürlichen Tod aus.“

Es ist nicht „ein forensischer Sachverständiger“, es ist Professor Dr. Marcel Verhoff, der Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Frankfurt. Und er spricht nach dem bisherigen Prozessverlauf Klartext: „Der Sack ist letztlich Ursache für den Tod gewesen.“

Kind in Hanau wurde bewusstlos und ist erstickt

Sein Ergebnis: „Jeder vernünftige Mensch muss erkennen, dass es keine kindgerechte Behandlung ist, ein Kind in einem Sack zu verschnüren.“ Es sei höchst gefährlich.

Der Professor geht nach den zahlreichen Zeugenaussagen davon aus, dass Jan H. zunächst in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und dann den zuvor gegessenen Haferschleim erbrochen hat. Daran sei er erstickt.

Kindermord-Prozess: Polizistin mit dramatischer Rekonstruktion

„Das Einschnüren hat das Fass zum Überlaufen gebracht.“ Dazu verweist er auf eine Rekonstruktion, die im Rahmen des Gutachtens an der Frankfurter Uni vorgenommen worden ist.

Mit einer 22-jährigen Polizistin, die sich – freiwillig – in einem Sack einschnüren lässt. Dabei sei sehr schnell der Kohlendioxidgehalt im Inneren des Sacks auf eine kritische Höhe angestiegen, so Verhoff, die zu einer Bewusstlosigkeit führen könne.

Hanau: Getötetes Kind war "extrem untergewichtig"

Mit Blick auf die vorliegenden Daten geht der Gutachter außerdem davon aus, dass der Vierjährige damals „extrem untergewichtig“ gewesen ist.

Professor Verhoff ist bereits seit 2017 mit dem Fall beschäftigt. Er hat auch die vom Amtsgericht Hanau angeordnete Exhumierung der Kinderleiche auf dem Kesselstädter Friedhof geleitet.

Kinderleiche wurde auf Friedhof in Hanau exhuminiert

Diese habe jedoch keinerlei Ergebnisse gebracht. „Es wurden sechs kleine Knochen aus der Wirbelsäule gefunden, die von Jan stammen könnten.“ Mehr jedoch nicht.

Schädel und die großen Knochen sind nicht gefunden worden“, so der Rechtsmediziner weiter. Wer das Kindergrab geräumt hat, ist bislang ungeklärt. 

Kindermord-Prozess in Hanau: Pflegekind der Sektenführerin sagt aus

Am Vormittag ist der 57-jährige Klaus B. nach rund drei Stunden auf dem Zeugenstuhl sichtlich bedient, als ihm der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück dankt und ihn entlässt.

Auf dem Weg zur Tür, die aus dem Schwurgerichtssaal hinaus führt, wirft er einen Blick auf die Anklagebank.

Wut auf Pflegemutter bei Kindermord-Prozess in Hanau

Dort sitzt Sylvia D. (72), seine ehemalige Pflegemutter, mit ihren beiden Verteidigern. „Vielen Dank fürs Aufwühlen meiner beschissenen Kindheit“, sagt B. im Hinausgehen.

Was er von seinem achten Lebensjahr an im Hause der Pfarrerfamilie D. erlebt hat, hätte dieser Mann gerne vergessen. „Ich hatte es auch fast verdrängt. Bis an diesem Tag die Polizei zu mir ins Haus gekommen ist“, sagt er.

Adoptivkind will Vergangenheit verdrängen

Das war vor zwei Jahren, B. ist im Rahmen der Mordermittlungen gegen die mutmaßliche Sektenführerin vernommen worden. „Mein Leben besteht darin, das alles zu verdrängen.“

Mit seinen beiden Brüdern ist er in einem Heim aufgewachsen. Dann endlich sind die drei Buben zu einer Pflegefamilie gekommen. Zum Pfarrer D. und seiner Frau.

Kindermord-Prozess: Zeuge spricht von "Hölle"

 „Da fing die Hölle an“, berichtet B. schonungslos über die Vorfälle. „Wir sind geschlagen und misshandelt worden - im Namen Gottes.“

Nur ganz am Anfang habe es so etwas wie eine Familie gegeben. Dann habe Sylvia D. plötzlich angefangen, „von Gott zu träumen“. „Ich kann gar nicht sagen, dass ich eine Jugend hatte. Normalität kannte ich damals nicht.“

Prozess in Hanau: Kinder wurden mit Kochlöffeln geschlagen

Mit Kochlöffeln sei er geschlagen worden, der Gottesmann habe ihn mit Bergsteigerstiefeln an den Füßen zusammengetreten. Es habe die skurrilsten Vorwürfe gegeben.

„Frau D. hat angeblich geträumt, dass einer von uns etwas gestohlen hat. Also setzte es wieder Schläge.“ D. habe er als eine „Furie“ erlebt.

Kindermord-Prozess: Dramatische Folgen für Kinder in Hanauer Sekte

Anstoß an den blauen Flecken und Blessuren habe niemand genommen. „Es war ja die Familie des Pfarrers.“ Die Folgen: Er und andere Pflegekinder hätten lange eingenässt, Albträume hätten ihn verfolgt.

Er und seine Brüder, die in einem ausgebauten Dachboden untergebracht waren, hätten zudem Hunger gehabt, mussten heimlich in den Vorratskeller schleichen, um sich Wurstkonserven zu holen.

Kinder fliehen aus Sekte in Hanau

Eines Tages habe sein großer Bruder ihn geschnappt. „Wir sind dann abgehauen, haben auf der Straße gelebt. Im Luisen-Center haben die uns dann noch mal aufgegriffen, doch wir sind aus dem Auto geflüchtet“, schildert B. das Ende des „Martyriums“, das rund acht Jahre dauerte.

Interessant ist an diesem 18. Verhandlungstag, dass Klaus B. eines der Pflegekinder ist, die in den 1970er Jahren im Hause D. bei Darmstadt gelebt haben.

Kindermord-Prozess: Zeugen berichten von Misshandlungen

Außerdem habe er nach eigenen Angaben keinerlei Kontakt zu den anderen Pflege- und Adoptivkindern mehr, die der Kammer in den vergangenen Monaten mehrfach von solchen Misshandlungen und dem „Gotteswahn“ der Angeklagten berichtet haben.

Das Haus in Hanau, in dem der vierjährige Jan H. ermordet worden sein soll, kennt er überhaupt nicht.

Ein rechtlicher Hinweis hat am 19. Verhandlungstag für eine spektakuläre Überraschung gesorgt.

Rubriklistenbild: © Thorsten Becker

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