Hanau

Kindermord-Prozess: Adoptivtochter erzählt von grausamer Kindheit

Am neunten Verhandlungstag hat die Adoptivtochter der Angeklagten ausgesagt. Ihre Schilderungen erschüttern. Archivbild: Mike Bender

Hanau. Im Prozess um den getöteten vierjährigen Jan H. hat die Adoptivtochter der Angeklagten ausgesagt. Sie berichtet von einer erschütternden Kindheit, geprägt von Hunger, Angst, psychischer und körperlicher Gewalt. Im Gerichtssaal bricht sie in Tränen aus.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Ulrike D. atmet tief durch als sie den Gerichtssaal betritt. Sie ist nicht allein. Das Gericht hat ihr einen Zeugenbeistand zur Seite gestellt. Die Frau legt die Hand auf Ds. Rücken, nimmt neben ihr Platz und nickt ihr aufmunternd zu.

Adoptivtochter und Angeklagte haben keinen Kontakt mehr

Seit sieben Jahren hat Ulrike D. ihre Adoptivmutter nicht mehr gesehen – jetzt sitzt sie ihr gegenüber: Sylvia D., angeklagt wegen Mordes an dem vier Jahre alten Jan H. Die Angeklagte taxiert ihre Tochter eindringlich, macht sich während der fünfstündigen unentwegt Notizen.

Eine Tochter muss nicht gegen ihre Mutter aussagen oder sie gar belasten, so sieht es das Gesetz vor. Ulrike D. tut es trotzdem. „Ich sage aus, ja“, erklärt die 47-Jährige nach der Belehrung durch den Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück. Dass ihr das nicht leicht fällt, merkt man schnell an diesem Morgen. Sie spricht leise. Immer wieder fährt sie sich mit den Händen übers Gesicht und durch das kurze dunkle Haar mit den blonden Strähnen.

Zunächst behütete Verhältnisse

Ulrike D. ist 1972 geboren, mit vier Wochen wird sie adoptiert – von Sylvia und Walter D. In Darmstadt, wo Walter D. als Pfarrer arbeitet, lebt die Familie in unmittelbarer Nähe der Kirche, mit großem Garten und Spielsachen und genug zu Essen. Neben zwei leiblichen Söhnen und zwei Adoptivtöchtern gehören noch vier Pflegekinder zur Familie.

„In Darmstadt“, sagt Ulrike D., „war die Welt noch in Ordnung.“ Nach dem Rauswurf aus der Kirche und dem Umzug nach Hanau in die Keplerstraße ändert sich das Leben – zumindest für Ulrike D. und ihre Schwester Annette.

Mädchen werden in Zimmer eingesperrt

Über Jahre werden die beiden Mädchen im gemeinsamen Zimmer eingesperrt. Täglich. Morgens sei aufgeschlossen worden, dann gingen die Schwestern zur Schule – erst in die Heinrich-Heine-, später in die Otto-Hahn-Schule.

Wenn sie am Mittag nach Hause kamen, wurde das Zimmer wieder verschlossen. „Am Anfang haben wir noch geklopft, wenn wir zur Toilette gehen mussten. Dann wurde aufgesperrt. Später wurde eine Schüssel ins Zimmer gestellt“, erzählt Ulrike D., „beim Duschen stand ein Erwachsener vor der Tür und hat gewartet. Es musste immer ganz schnell gehen.“

Keine Spielsachen, keine Bücher

Eingesperrt worden seien die Kinder als Strafe, weil sie Dinge kaputt gemacht oder Geld gestohlen haben sollen. „Hatten Sie Spielsachen im Zimmer?“, will Graßmück wissen? „Nein“, sagt Ulrike D. Ein Doppelbett, ein Kleiderschrank, zwei Schreibtische. Kein Fernseher. Keine Kinderbücher. Sie und ihre Schwester funktionieren die Matratzen zu Rutschen um und pulen die Gummis aus den Schlafanzughosen, um damit Gummitwist zu spielen.

„Und wo haben Sie gegessen?“, fragt Graßmück. „Im Zimmer“, sagt D. Das Essen sei auf Tellern hineingeschoben worden. Meist gab es Brot – manchmal mit Margarine, manchmal mit „ekeliger“ Wurst, meist aber trocken. Dazu Wasser oder Pfefferminztee. Nach der Schule war das Prozedere gleich. „Manchmal“, erzählt die 47-Jährige, „gab es Nudeln oder Auflauf mit ganz viel Curry, Paprika und Pfeffer; abends dann wieder Brot.“

Gab es ein Familienleben? „Nein.“ Keine Spaziergänge. Keine Ausflüge. Keine Kinobesuche. Keine gemeinsam gefeierten Kindergeburtstage. Keine Erinnerungen an Weihnachtsfeste. Mittwoch und Samstag seien die Kindern mit Erwachsenen der „Gemeinschaft“ zum Hanauer Wochenmarkt gegangen, um am Müllauto zu stehen und das Obst und Gemüse einzusammeln, das entsorgt werden sollte.

Kinder wurden geschlagen und angeschrien

Sie leidet Hunger, wird angeschrien und verprügelt, an den Haaren gezogen, die sie büschelweise verliert – oder an den Ohren, das diese reißen und ganz blutig oder wund werden. Einmal ohrfeigt Sylvia D. ihre Tochter. Die fällt mit dem Mund auf den Badewannenrand, Zähne brechen.

Statt Mitleid zu zeigen, soll die Angeklagte erklärt haben: „Da bist du aber unglücklich gefallen.“ „Gab ich die Tat, derer ich beschuldigt wurde, zu, obwohl ich gar nichts getan hatte, ließ Sylvia D. von mir ab“, erzählt Ulrike D.

Mutter prophezeit Tochter Tod durch Krebs

Ihren Schilderungen emotionslos zuzuhören, ist nur schwer möglich. Die Geschichten von sonntäglichen Runden in der „Gemeinschaft“, in denen im Wohnzimmer an der Keplerstraße jene Botschaften vortragen wurden, die Sylvia D. von Gott, von ihrem „Alterchen“, empfangen haben will. Vier Bücher (vielleicht auch mehr) hat sie geschrieben; Ulrike D. musste sie lesen – statt Kinderbücher.

„Du warst nichts, du bist nichts und ohne mich wirst du nichts sein.“ Mit diesen Worten schüchtert Sylvia D. das junge Mädchen immer wieder ein, prophezeit ihr einen Herzinfarkt oder einen Tod durch Krebs, wenn sie sich von der „Gemeinschaft“ abwendet.

Erschütternde Schilderungen zum kleinen Jan

Der kleine Jan tritt irgendwann in Ulrikes Leben. Sie kann sich nur an einzelne Bilder erinnern. Ein Junge auf einem Töpfchen, der am Arm von Sylvia D. nach oben gezogen wird, einen roten Abdruck vom langen Sitzen am Po. Einmal hat sie ihn im Sack eingeschnürt im Bad liegen sehen, ein anderes Mal stopfte ihm Sylvia D. Brei in den Mund.

Jan sei dünn gewesen, eingeschüchtert und traurig. „Haben Sie ihn so in Erinnerung?“, will Oberstaatsanwalt Dominik Mies wissen und lässt das mutmaßlich letzte Bild von Jan auf die Bildschirme im Gerichtssaal projezieren. „Ja“, sagt Ulrike D. leise, dann legt sie die Hände vors Gesicht und weint.

Ulrike D. findet nackten und kalten Jan

„Drecksau“ hätten sie ihn genannt, „Sadist“ und „Schwein“. Ds. Schreie und Jans Weinen habe man sogar in den abgeschlossenen Zimmern gehört. An jenem 17. August 1988 sieht Ulrike D. den kleinen Jungen auf der Klappcouch in ihrem Zimmer.

Sie geht hin, fässt ihn am Oberschenkel, fragt: „Warum bist du nackt?“ und schreckt zurück, als sie merkt, wie kalt er ist. Auf dem Weg nach unten begegnet sie einem der Erwachsenen. Jan sei tot, erstickt an seinem Erbrochenem. Was danach ist, weiß Ulrike D. nicht mehr. Filmriss. Alles weg.

Angeklagte sorgt für psychische Abhängigkeit

Nach Jans Tod geht das Leben weiter. Die Einschüchterungsversuche im Hause D. wirken. Ulrike D. ist ihre ganze Kindheit und Jugend über in physischer und psychischer Abhängigkeit „gefangen“, vertraut sich niemandem an, nimmt das Leben im Haus an der Keplerstraße als „normal“ an.

Altenpflegerin wollte sie werden, aber das „Alterchen“ ließ über Sylvia D. ausrichten, dass das keine gute Wahl sei: zu anstrengend. Also macht Ulrike D. mit 17 eine Ausbildung bei der Post. Mit 20 verlässt sie ihr Elternhaus, es ist einer von vielen Versuchen, ein eigenes Leben aufzubauen. Aber die Welt ist der jungen Frau fremd, nie hat sie gelernt, hier zu leben, mit anderen zusammen zu sein, Nähe zuzulassen, Vertrauen aufzubauen.

Zur Adoption gezwungen

Mit 21 wird sie schwanger, geht zurück, hofft auf Hilfe. Ihre Adoptiveltern und das „Alterchen“ entscheiden, dass Ulrike D. ihre Tochter zur Adoption freigegeben soll. Die Maßgabe: ohne Kind nach Hause, mit Kind raus. Sie zweifelt, stimmt der Adoption am Ende aber doch zu.

Ihren Traum, Altenpflegerin zu werden, erfüllt sie sich erst im Jahr 2005. Da hat sie sich schon ein neues Leben aufgebaut, eine Therapie gemacht, eine zweite Tochter bekommen. Immer wieder gibt es Annäherungsversuche, die Hoffnung, es habe sich etwas geändert.

Tut es aber nicht. 2012 stellt Ulrike D. den Kontakt nach Hanau komplett ein. Drei Jahre später wird sie bei der Staatsanwaltschaft vorstellig, bricht ihr Schweigen.

Aussagen schockieren

Ihre Aussagen vor Gericht sind stockend, oft zögerlich. Sie habe vieles vergessen und mindestens genauso viel verdrängt. „Einmal“, sagt sie, „hatte ich früher Schule aus und ging mit zu einer Freundin. Da waren die Türen nicht abgeschlossen, es gab Spielsachen und zu Essen und die Eltern waren so nett. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, wie es bei uns Zuhause ist. Wer hätte mir das geglaubt?“

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