Hanau

Kindermord-Prozess: Frau, die die Säcke nähte, im Zeugenstand

„Säcke“ für Kinder: Die Zeugin Cordula E. berichtet über ihre seltsamen Näharbeiten. Symbolfoto: Pixabay

Hanau. Der Prozess um die Ermordung des kleinen Jan ging am Dienstag weiter. Dieses Mal saß Cordula E. im Zeugenstand und versuchte hierbei ein gutes Licht auf die Angeklagte Sylvia D. zu verwerfen. E. soll für das Nähen der "Säcke" verantwortlich gewesen sein, mit denen die Kinder in der Keplerstraße misshandelt wurden.

Von Thorsten Becker

Immer wieder versucht Cordula E., unangenehmen Fragen auszuweichen. Die 61-Jährige sieht sich selbst als „Opfer“ einer Rufmordkampagne gegen sie, ihre „Freundin“ Sylvia D. auf der Anklagebank und gegen ihre gemeinsame Firma für Medienproduktionen. Beide gehen Arm in Arm aus dem Landgerichtsgebäude.

Dass ihre Privatsphäre von der Kriminalpolizei und jetzt in öffentlicher Verhandlung genau unter die Lupe genommen wird, scheint ihr gar nicht in den Kram zu passen. „Ich finde es nicht gut, dass hier unsere Tagebücher vorgelesen werden und sich andere darüber lustig machen“, sagt sie ungefragt ins Mikrofon des Zeugenstands.

Tagebuch von E. belastet die Angeklagte

Dr. Peter Graßmück, der Vorsitzende Richter der 1. Schwurgerichtskammer, scheint beinahe der Kragen zu platzen: „Das hier ist alles überhaupt nicht lustig. Es geht hier um einen Mordvorwurf“, wird er ziemlich deutlich.

Denn das Tagebuch der Cordula E., das 2015 bei einer Hausdurchsuchung sichergestellt worden war, birgt jede Menge Unannehmlichkeiten. Vor allem wird dadurch der Verdacht bestärkt, dass die Kinder im Hause von Sylvia D. in den 80er Jahren zum Teil schwer misshandelt worden sind – so haben es bereits einige der heute Erwachsenen bereits in der Verhandlung ausgesagt.

„Es gab da keine Gewalt.“

Eines der Kinder, der vierjährige Jan H., kann nicht mehr aussagen. Er ist am 17. August 1988 an der Keplerstraße gestorben. Um ihn dreht sich seit Oktober derProzess – Sylvia D. muss sich wegen Mordes an H. verantworten.

Cordula E. gehört seit 1977 zu der obskuren Sekte, die Sylvia D. für eine Art Jesus mit direktem Draht zu Gott hält. Davon weicht sie im Zeugenstand keinen Millimeter ab. Sylvia sei ihre „Freundin“, die „alle Kinder gleich behandelt habe“. Und ungefragt fügt sie hinzu: „Es gab da keine Gewalt.“

E. soll erst 2012 von der Verwendung ihrer Säcke erfahren haben

Das Tagebuch von E. spricht jedoch eine ganz andere Sprache: Darin beschäftigt sie sich bereits im Jahr 1986 mit Jan H., setzt sich mit „Ohrfeigen, Fußtritten, kalten Duschen und hungern lassen“ auseinander und kommt dann zu dem Schluss, dass der Vierjährige ihr „in Wirklichkeit scheißegal ist“. Das hört sich jetzt völlig anders an. E. versucht, sich rauszureden: „Ich weiß nicht, warum ich das geschrieben habe.“

Dass vor allem die Adoptiv- und Pflegekinder in selbst genähte „Säcke“ gesteckt, bis zum Hals oder gar bis über den Kopf verschnürt worden sein sollen, um sie ruhigzustellen, davon will E., ehemalige Krankenschwester, damals nichts mitbekommen haben. Erst 2012 habe sie angeblich davon erfahren.

„Meine eigenen Träume haben mich zu ihr hingeschickt.“

Aber sie gibt zu, dass sie die Näherin dieser „Säcke“ gewesen ist. „Wie viele Säcke haben sie denn genäht?“, will der Vorsitzende wissen. „Weiß ich nicht.“ „Wofür waren diese Säcke?“ „Weiß nicht.“ In dieser Zeit habe die Familie E. aber nicht mehr zusammen mit den D.s gewohnt.

Offenbar hat es hinter den Kulissen heftigen Krach gegeben, Cordula E. sei ins Souterrain verbannt worden. „Funkstille“, nennt es die Zeugin. 1987 sei man zunächst getrennte Wege gegangen. Trotzdem habe sie der Bitte von Sylvia entsprochen und die „Säcke“ aus Bettlaken genäht. Mit einem Band am Ende. Erst 1991 sei es zur Versöhnung gekommen. „Meine eigenen Träume haben mich zu ihr hingeschickt.“

„Dass Jan gestorben ist, war 'ne Tragik – fertig.“

Und so versucht E., die Angeklagte in das beste Licht zu rücken: „Sylvia ist ein warmherziger Mensch.“ Und: „Sylvia lügt nicht. Sie kann nicht lügen – ich habe sie lieb.“ Und wieder streitet sie ab, dass es Gewalt gegen Kinder gegeben habe. Einschließen? „Ja.“ Warum? „Weil es nicht anders zu handeln gewesen ist.“

Dass mitten in der Gruppierung ein vierjähriger Bub gestorben ist, sei angeblich schnell vergessen worden. „Der Tod von Jan war kein Thema.“ Von Gefühl keine Spur: „Dass Jan gestorben ist, war 'ne Tragik – fertig.“ Als „unfassbar“ bezeichnet sie dann – erneut ungefragt – die schweren Vorwürfe gegen Sylvia D. und ihre Gruppe.

Zeugin scheint sich der Lage nicht bewusst zu sein

Dies sei ein „Komplott“ voller „Lügengeschichten“. Nicht nur von den leiblichen und den adoptierten Kindern der Angeklagten, von denen sie eines als „Schwein“ tituliert. Auch „Sascha und Kolja“, ihre eigenen Kinder, seien daran beteiligt. „Seit 2012 versucht mein ältester Sohn, die Firma, bei der ich arbeite, zu zerstören“, platzt es aus ihr raus, obwohl der Vorsitzende Richter eine ganz andere Frage gestellt hat. Ihr Sohn sei geldgierig, habe 247 000 Euro von der Firma gefordert.

Bemerkenswert an diesem Prozesstag – der 13. – ist, dass Cordula E. sich überhaupt nicht darum zu scheren scheint, dass sie als Zeugin in einem Mordprozess aussagen muss. Immer wieder fällt sie dem Vorsitzenden ins Wort, weicht aus, lenkt ab und gibt ungefragt ihre Meinung kund, was sie von dieser Verhandlung hält.

Vorsitzender drohte mit Ordnungsgeld für die Zeugin

„Ich stelle hier die Fragen – und Sie antworten!“ Diese mehrfachen Ermahnungen von Graßmück ziehen sich wie ein roter Faden durch die mehr als fünfstündige Vernehmung und lassen E. alles andere als in einem guten Licht erscheinen.

„Ich stelle hier die Fragen – und Sie antworten!“ Vorsitzender Richter Dr. Peter Graßmück findet mehrfach deutliche Worte an die Zeugin. Archivfoto: Mike Bender

Doch E. scheint das überhaupt nicht zu interessieren. Wieder Gegenfragen an das Gericht, wieder Einwürfe und ungefragte Monologe über obskure Traumdeutungen. Graßmück wird noch deutlicher: „Ich mache das hier seit fast zwei Jahrzehnten. Eine Zeugin wie Sie habe ich noch nicht erlebt. Es ist unglaublich, wie Sie sich hier benehmen.“ Selbst diese deutliche Ansage verpufft. E. macht einfach weiter. „Fällt Ihnen das nicht auf, dass Sie dasitzen und vor sich hinblubbern? Haben Sie keine Kinderstube?“, wird der Vorsitzende dann drastisch und weist darauf hin, dass „ungebührliches Verhalten im Sitzungssaal“ auch mit Ordnungsgeld geahndet werden kann.

Weitere Aussagen von E. am nächsten Verhandlungstag

E. weicht aber weiter aus. Auch als die Frage gestellt wird, welche finanziellen Verflechtungen es zwischen den Familien D. und E. in Bezug auf das gemeinsame Unternehmen gebe. „Warum wollen Sie das wissen?“, kommt prompt die Frage zurück. Doch sie wird für E. zu einem Bumerang. „Finanzielle Abhängigkeiten können auch Tendenzen in der Aussage aufzeigen“, stellt Graßmück fest.

E., die sich beim nächsten Verhandlungstag weiteren Fragen von Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Sachverständigen stellen muss, hat versucht, ihre „Freundin“ zu entlasten – und ist damit durch ihr teilweise schon freches Auftreten gescheitert.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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