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Kindermord-Prozess in Hanau: Beweisaufnahme geschlossen - Größerer Saal für Plädoyers und Urteil benötigt

Der Congress Park wird zum Schwurgerichtssaal: Der Mammutprozess um den Tod des vierjährigen Jan H., der von der mutmaßlichen Sektenanführerin Sylvia D. ermordet worden sein soll, wird für die Plädoyers und das Urteil in den Hindemithsaal verlegt.
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Der Congress Park wird zum Schwurgerichtssaal: Der Mammutprozess um den Tod des vierjährigen Jan H., der von der mutmaßlichen Sektenanführerin Sylvia D. ermordet worden sein soll, wird für die Plädoyers und das Urteil in den Hindemithsaal verlegt.

Der Prozess um den Tot des vier Jahre alten Jan H. in Hanau geht auf die Zielgeraden. Die Beweisaufnahme ist geschlossen. Für Plädoyers und Urteil muss der Prozess in einen größeren Saal umziehen, das Zuschauerinteresse ist weiterhin groß.

Hanau – Dr. Peter Graßmück blickt im Schwurgerichtssaal nach beiden Seiten. „Gibt es sonst noch etwas zu erörtern?“ Oberstaatsanwalt Dominik Mies und die beiden Strafverteidiger Matthias Seipel und Peter Hovestadt schütteln mit den Köpfen.  „Dann wird hiermit die Beweisaufnahme geschlossen“, verkündet der Vorsitzende der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht.

Damit geht der inzwischen zum Mammutverfahren ausgedehnte Prozess gegen die wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. angeklagte, mutmaßliche Sektenanführerin Sylvia D. (73) auf die Zielgerade. D. soll den Buben laut Anklage vorsätzlich getötet und das Verbrechen danach unter anderem damit gerechtfertigt haben, dass H. eine „Reinkarnation Hitlers“ und „von den Bösen besessen“ gewesen sei. Die Verteidigung hingegen sieht eine „Verschwörung von angeblichen Sektenaussteigern.“

Prozess in Hanau: Publikumsinteresse weiter ungebrochen

Selbst am 27. Verhandlungstag ist das Publikumsinteresse so groß, dass der coronabedingt ausgedünnte Zuschauerraum voll besetzt ist. So entscheidet die fünfköpfige Kammer, den Verhandlungsort für die letzten beiden Prozesstage zu ändern.

Im Hindemithsaal des Congress Park Hanau (CPH) werden die Plädoyers am 16. September gehalten und das Urteil voraussichtlich am 24. September verkündet. In dem Saal des CPH würden dann rund 30 Plätze für das Publikum zur Verfügung stehen, so der Vorsitzende Richter. Seit dem 22. Oktober vergangenen Jahres sind in der zunächst auf wenige Tage angesetzte Hauptverhandlungen unzählige Beweise vorgelegt worden: Dokumente, abgehörte Telefonate. Aus dem Umfeld der Angeklagten sowie aus der Gruppe der angeblichen Sektenaussteiger sind Zeugen vernommen worden – einige saßen bis zu zwölf Stunden an zwei Tagen auf dem Zeugenstuhl.

Selbst Ermittler sowie der Notarzt, die am Tag des mutmaßlichen Mordes vor 32 Jahren vor Ort gewesen sind, hat die Schwurgerichtskammer ebenso gehört wie zwei Sachverständige.

Prozess in Hanau: Beweisanträge werden zurückgewiesen

Am Montag sind es schließlich nur noch wenige Beweisanträge, über die entschieden werden muss. So hatten die beiden Verteidiger beantragt, Zitate aus einem Buch, das die Angeklagte angeblich 1983 geschrieben haben soll, zu verlesen. In der Abhandlung unter dem vielsagenden Titel „Gott hat in jedem Menschen die totale Macht: Briefe an den Menschen“ geht sie auf ihre angeblich direkte Verbindung zu Gott durch ihre Träume ein.

Dr. Dieter Marquetand, der psychiatrische Gutachter, bleibt auch nach der Verlesung der seltsamen Abhandlung beim Ergebnis seiner Diagnose: Sylvia D. habe einen ausgeprägten Narzissmus, sei jedoch voll schuldfähig. Die übrigen Beweisanträge werden, wie bereits zuvor, meist wegen „Bedeutungslosigkeit“ von der Kammer zurückgewiesen. Beispielsweise verzichtet das Gericht darauf, sich mit weiteren E-Mails oder Weihnachtsgrüßen der Söhne von 1997 zu beschäftigen.

Verteidigung stellt Antrag zur Temperaturmessung

„Es fehlt der Zusammenhang mit dem Tod des vierjährigen Kindes“, so Graßmück, der darauf verweist, dass die Zeugen bereits mehre Stunden vernommen worden seien. Die Kammer, die zuvor schon auf die von den Verteidigern geforderte Zeugenvernehmung von Oberbürgermeister Claus Kaminsky verzichtet hatte, lehnt auch den recht seltsamen Antrag zu einer angeblich vor wenigen Wochen durchgeführten Temperaturmessung am mutmaßlichen Tatort ab.

Dort soll ausgerechnet der Vater von Jan H. Anfang August die Innen- und Außentemperatur abgelesen und einen Temperaturunterschied von drei Grad festgestellt haben. Damit sollte das gerichtsmedizinische Gutachten angezweifelt werden. Professor Marcel Verhoff von der Rechtsmedizin der Universität Frankfurt hatte in seinem Gutachten Wetterdaten vom 17. August 1988 aus der Umgebung von Hanau verwendet. Verhoff hat am Ende seiner Expertise „keinen begründeten Zweifel“ daran, dass der Sack, in dem der kleine Jan verschnürt gewesen sein soll, die Todesursache gewesen ist.

Gericht sicher: Sack führte zum Tod von Jan H.

Daher, so die Richter, komme es auf die exakte Temperatur nicht an, denn der Gutachter habe in seinen „überzeugenden Ausführungen“ dargestellt, dass das Verschnüren des Kindes zu einer erhöhten Kohlendioxidkonzentration und schließlich zu einer Bewusstlosigkeit des Vierjährigen geführt habe.

Dadurch seien die natürlichen Schutzreflexe des Kindes außer Gefecht gesetzt worden – Jan H. starb, wie damals vom Notarzt beschrieben, an Erbrochenem. Doch weder Mediziner noch Ermittler wussten etwas von einem Sack, in dem Jan verschnürt gewesen sein soll.

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