Hanau

Kindermord-Prozess: Die Stimme am Telefon

Gestern wurden im Gerichtssaal Sequenzen aus Telefonaten der Angeklagten abgespielt. Diese wurden von der Polizei im Rahmen der Überwachung mitgeschnitten. Foto: Pixabay

Hanau. Am vergangenen Verhandlungstag wurde erneut der Sohn der Angeklagten Sylvia D. verhört. Besonders im Fokus standen hierbei polizeiliche Telefonmitschnitte, die ein erschreckendes Bild der Angeklagten zeichnen.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

„Dieser Scheißkerl“, sagt Sylvia D., „dieser arrogante Schweinehund, eine Drecksau von kleinauf.“ Die Stimme ist kalt, laut, unangenehm schrill. Das Gericht hat das abgehörte Telefonat, das gerade im großen Saal des Hanauer Landgerichts abgespielt wird, extra drei Spuren langsamer ablaufen lassen. Im Original wäre es unmöglich gewesen, dem Gespräch, das eigentlich ein Monolog ist, zu folgen.

Sylvia D., die seit Oktober 2019 wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. vor Gericht steht, sieht ihren Sohn Manuel D. bei diesen Worten an. Die alte Frau bewegt die Lippen, als wolle sie ihm sagen: „Genau. Du. Bist. Dieser. Scheißkerl.“

Mitschnitte der polizeilichen Überwachung

Es ist eine der wenigen emotionalen Reaktionen, die die Angeklagte bisher gezeigt hat. Der 41-Jährige, der seineMutter am letzten Verhandlungstag Mitte Januar schwer belastet hat, ist schockiert. Zeugenbeeinflussung nennt man diesen Vorgang im Ju‧ristendeutsch. „Frau D.“, es wäre nett, wenn Sie das lassen könnten“, erklärt denn auch der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück an die Frau gewandt, die seit zwölf Verhandlungstagen eisern schweigt.

Umso außergewöhnlicher sind die vielen mitgeschnittenen Telefonate aus der polizeilichen Überwachung des Jahres 2016, die an diesem Tag im Schwurgerichtssaal abgespielt werden. Sylvia D. bekommt eine Stimme. Sie spricht mit einem Bekannten aus der sektenähnlichen Gruppierung über das „Leinensäckle“, in dem sie Jan immer verschnürt hat und in dem er „meistens schlafen musste“. Ein großes Loch habe sie immer gelassen, sagt sie. Oben am Kopf. Das sei ‧sicher nicht unangenehm gewesen. Den Mordvorwurf, der damals – 2016 – schon im Raum steht, nennt sie „eine Intrige“, ihre eigenen Kinder, die anderen Aussteiger „ruchlose Schweine“.

Jan war nicht das einzige Kind, das in einen Sack gesperrt wurde

Manuel D. schüttelt den Kopf. War sie so, will Graßmück wissen? „Ja, diese Gespräche sind absolut authentisch.“ Angenehm? „Nein, das bestreite ich vehement“, erklärt der Zeuge mit ruhiger Stimme, „das deckt sich mit nichts, was ich erlebt habe. Jan hat geschrien und geschwitzt. Was soll daran angenehm sein?“

Gesehen habe er Jan öfter in diesem Sack. „Andere Kinder auch?“, will Graßmück wissen. „Ja, Johannes. Der wollte raus aus dem Sack. Sie haben ihn einfach darin vergessen.“

Keine Hilfe anderer Erwachsener

Sylvia D. erscheint in den Telefonaten wie eine Furie. Alles sei aufgebauscht worden. Natürlich habe Jan atmen können, „aber das Loch war nicht so groß, dass der Kopf noch durchgepasst hätte . . . ja . . . damit er nichts umwerfen konnte.“

Manuel D., der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter hat, berichtet von Schreien und Hass, von körperlicher Gewalt gegen die Adoptivkinder Annette und Ulrike. D. habe sie mit dem Kochlöffel bearbeitet, an den Haaren über den Flur gezogen. „Wie kam sie wieder runter?“, will Graßmück wissen. „Wenn der Kochlöffel kaputt gegangen ist oder die Mädchen eingesperrt wurden“, sagt der Zeuge. Geholfen habe ihnen keiner der anderen anwesenden Erwachsenen.

Keine Entschuldigung

Die, die sich, wie Manuel D. und sein Bruder Martin ab der Pubertät gewehrt haben gegen psychische und physische Gewalt, den „Alten“, die Doktrin der Glaubensgemeinschaft in Zweifel gezogen haben, läuteten mit ihrem Widerstand den Ausstieg aus der Gruppe ein. In einem weiteren Telefonat, das an diesem Mittag abgespielt wird, spricht D. immer wieder vom „Kampf der zwei Seiten“. Herztropfen müsse sie mittlerweile „fressen“.

Eine Entschuldigung habe es nie gegeben, sagt Manuel D., kein Verständnis, kein Anzeichen von Reue. Der heute 41-Jährige hat darauf lange gehofft, immer wieder wendet er sich seinem Vater zu – da liegt das Verhältnis mit der Mutter bereits auf Eis. Anerkennung hat er gesucht, eine Vater-Sohn-Beziehung. Unmöglich. Manuel D. ist bis 2008 drei Jahre in Therapie. Heute nennt der Grafikdesigner seine Mutter nur noch beim Nachnamen.

D. habe keinen Mord begangen

Die Versuche der Verteidigung, ihn als unglaubwürdigen Zeugen darzustellen, scheitern. Auch ein Antrieb aus wirtschaftlichen oder sonstigen Gründen lässt sich ausschließen. „Ob sie einen Mord begangen hat? Ich weiß es nicht. Ich traue ihr alles zu. Und ich bin verdammt froh, dass ich den Sachverhalt nicht aufklären muss.“

Im letzten Telefonat erzählt Sylvia D. ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung von jenem 17. August 1988, dem Tag, an dem Jan starb. Es klingt unwirklich, unglaublich, was Sylvia D. da sagt: Im Sack war er. Sie habe die Tür zugemacht, ja. Und er habe nicht aufgehört, zu weinen. „Ich geh' jetzt fort. Du kannst aufhören. Es hört dich keiner“ – ja, das habe sie gesagt. Aber ein Mord? Nein, den habe sie nicht begangen.

Weitere Verhandlungstage

Am nächsten Verhandlungstag sagt Cordula E. aus. Sie soll die weißen Leinensäcke genäht haben.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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