Hanauer Kindermordprozess

Kindermordprozess: Verteidigung der Hanauer Sektenführerin fordert Glaubwürdigkeitsgutachten

Wegen des Mordes an einem Vierjährigen steht die Hanauer Sylvia D. vor Gericht. Die Verteidiger der mutmaßlichen Sektenführerin fordern nun Glaubwürdigkeitsgutachten.

  • Sylvia D. steht wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. vor Gericht
  • Sie soll die Anführerin einer Hanauer Sekte sein
  • Ihre Verteidiger fordern Glaubwürdigkeitsgutachten für einige Zeugen

„Das war die komplette Vernachlässigung der Kinder.“ „Sie hat sehr vielen Menschen sehr viel Leid gebracht.“ Schonungslos belastet der 46-jährige Martin D. auch am zweiten Tag seiner Vernehmung die wegen Kindesmord angeklagte Sylvia D., seine Mutter, die er ignoriert und nicht benennt. Die 72-Jährige bezeichnet er weiter nur als „diese Frau“ oder „sogenannte Mutter“. 

Nachdem der Zeuge bereits am Donnerstag über den mutmaßlichen Tattag, den 17. August 1988, ausgesagt hat, beschreibt er am Freitag die Verhältnisse in dem Haus der obskuren Glaubensgemeinschaft – noch schärfer als sein Bruder und die adoptierten Geschwister in den Wochen und Monaten zuvor. „Es hat sich immer alles nur um sie gedreht, die Kinder waren Ballast“, sagt er. 

Hanauer Sektenführerin soll Informationen über die Kinder gesammelt haben

Als ältester Sohn sei er selbst zunächst der „Ausgewählte“ gewesen und stets vor „den Dunklen“ beschützt worden. Daher habe er auch nicht den Kindergarten besuchen dürfen und sei erst zum „spätesten möglichen Zeitpunkt“, im Alter von sieben Jahren, eingeschult worden. Seine Geschwister, vor allem die Adoptivkinder, seien ihr dagegen „lästig“ gewesen. Sylvia D. habe selbst beim Essen eine Sonderrolle eingenommen. „Wir alle haben irgendwas gegessen. Sie dagegen hat das feinste Essen vorgesetzt bekommen – später hat sie es dann wieder erbrochen.“ 

Verteidiger von Sylvia D. sind am Zug: Die Rechtsanwälte Matthias Seipel (links) und Peter Hovestadt versuchen hartnäckig, die Glaubwürdigkeit des Hauptbelastungszeugen zu untersuchen.

Martin M. habe sich bereits früh gesträubt. „Ich hatte immer den Wunsch, dass der Wahnsinn ein Ende hat“, erklärt er, „sie hat versucht, mir den freien Willen zu nehmen.“ Sylvia D. habe zudem „über alle von uns Informationen gesammelt“. Diese habe sie dann perfide ausgenutzt: „Sie hatte dann Munition, um Menschen zu zerstören.“ Und noch ein haarsträubender Verdacht wird bei der Vernehmung erstmals öffentlich genannt. Auf die Frage, worüber alles innerhalb der sektenähnlichen Gemeinschaft gesprochen worden sei, berichtet Martin D., dass auch über „laufende Gerichtsverfahren“ eines inzwischen pensionierten Richters, der zur Gruppe gehört, debattiert worden sei. Er habe damals diese Gespräche der Gemeinschaft mitbekommen. Der Jurist war früher mit Zivilverfahren befasst. 

Martin D. soll ein Erbschaftsverfahren gegen die Sektenführerin eingeleitet haben

Martin D. ist nach seinen Aussagen und dem bisherigen Prozessverlauf der Hauptbelastungszeuge der Anklage. Wohl auch deshalb haken die beiden Verteidiger Matthias Seipel und Peter Hovestadt besonders hartnäckig nach. Plötzlich wird der Ton im Schwurgerichtssaal etwas rauer. Das dürfte wohl auch daran liegen, dass er nach dem Tod des Vaters auch ein Erbschaftsverfahren gegen seine Mutter anstrengen wollte. Die Verteidiger versuchen, Martin D., der eine eidesstattliche Erklärung zu den Ereignissen am Tattag vorgelegt hat, in ein anderes Licht zu rücken und seine Glaubwürdigkeit und das Erinnerungsvermögen zu überprüfen. 

Sohn der Hanauer Sektenführerin soll in den Neunzigern eine „wilde Zeit“ gehabt haben

Deshalb beantwortet der 46-jährige die Fragen zunächst recht widerwillig. So habe er Mitte der 90er Jahre, wie er selbst sagt, eine „wilde Zeit“ gehabt, in der er sogar ein Hola-Zeugnis fälscht. Danach wird er wegen Versicherungsbetrugs verurteilt und kassiert einen Strafbefehl, weil er eine Wohnung unter falschem Namen angemietet haben soll. „Das war damals mein Künstlername“, erklärt der ausgebildete Toningenieur und Musikproduzent nun. „Ich hatte damals ein fehlendes Unrechtsbewusstsein“, meint er rückblickend und macht dafür ebenfalls seine Mutter und deren „System“ der Erziehung verantwortlich. Außerdem konfrontieren die beiden Verteidiger ihn mit privaten E-Mails aus der Zeit danach. „Ich wollte einfach nur den Kontakt zu meinem Vater halten“, so der Zeuge. 

Martin D. soll den Kontakt zur Hanauer Sektenführerin komplett abgebrochen haben

Seit 2015 habe er den Kontakt jedoch völlig abgebrochen. Dass er mit der Gruppe nichts mehr zu tun haben will, zeigt sich bereits am Anfang seiner Vernehmung, bei dem Zeugen normalerweise Name, Geburtsdatum und Wohnanschrift nennen müssen. Doch Martin D. gibt stattdessen als ladungsfähige Anschrift die Kanzlei seines Zeugenbeistands an, weil er offenbar Angst hat. Die Verteidiger monieren das. „Es ist ersichtlich, dass sich der Zeuge im Unfrieden von der Gruppe getrennt hat“, begründet die Kammer, auf die Privatanschrift zu verzichten. Noch nicht entschieden hat die Kammer den Antrag der Verteidigung, ein psychologisches Glaubwürdigkeitsgutachten für drei bereits vernommene Zeugen in Auftrag geben zu lassen. Die Rechtsanwälte vermuten, dass mit Blick auf die lange Zeit „Erinnerungsverfälschungen“ durch Suggestion entstanden sein könnten.

Rubriklistenbild: © Mike Bender (Archiv)

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