Ankläger breitet Betttuch vor Schwurgericht aus

Kindermordprozess: Sylvia D. gibt in Telefonat zu, den kleinen Jan in einen Sack gesteckt zu haben

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Brisante Detail aus abgehörten Telefonaten: Oberstaatsanwalt Dominik Mies lässt Gespräche zwischen der Angeklagten und deren Freundin abspielen – und er will wissen, wie die Betttücher genäht worden sind.

Der schwere Vorwurf der Staatsanwaltschaft erhärtet sich immer mehr: Die Angeklagte Sylvia D. hat den vierjährigen Jan H. in ihrem Haus an der Keplerstraße in einen Leinensack gesteckt und offenbar seinem Schicksal überlassen.

„Ich habe keine Lust, abzustreiten, dass ich die manchmal in das Leinentuch rein hab'.“ Das sagt D. jedoch nicht vor der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht, denn dort schweigt sie seit dem Prozessauftakt im Oktober vergangenen Jahres. Diesen Satz hat D. im April 2016 gesagt. Er stammt aus einem von der Polizei abgehörten Telefonat mit ihrer „Freundin“ Cordula E., die weiter auf dem Zeugenstuhl sitzt. Denn nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen zu dem mysteriösen Todesfall haben die Beamten die Telefone im Umfeld der obskuren „Glaubensgruppe“ angezapft, alles aufgezeichnet und wörtlich protokolliert. 

In dem Telefongespräch versucht Sylvia D. offenbar, sich vor E. zur rechtfertigen. Denn zu diesem Zeitpunkt laufen die Ermittlungen. In dem rund zweiminütigen Monolog dreht sich alles um den mysteriösen Tod des vierjährigen Buben am 17. August 1988. Sie habe gleich „gesehen, dass er so leblos da lag“, sprudelt es aus D. heraus. Und sie nennt, 28 Jahre nach dem Tag, an dem sie Jan H. offenbar in einen Sack gesteckt hat, menschenverachtende Details: „Ich hab' ja dann noch das Fenster zugemacht, weil der so blöd geplärrt hat.“ Dann bezeichnet sie im Jahr 2016, den toten Jan – ein vierjähriges Kind –, als einen „Machtsadisten“. 

Cordula E. wird am 16. Verhandlungstag erneut verhört

D. weiter in dem abgehörten Telefonat, das vom Gericht abgespielt wird: „Dann habe ich gesagt: So, du kannst jetzt aufhören, die anderen sind jetzt fort.“ Jan habe aber weiter „geplärrt“. Sie sei dann weggegangen und habe die Tür „extra laut“ zugemacht, damit der Bub das mitbekommen habe, dass sie jetzt gehe. Und offenbar habe es sich bei diesen Säcken keineswegs um Ersatzschlafsäcke gehandelt. Sie scheinen tatsächlich dazu genutzt worden zu sein, die Kinder völlig zu verschnüren: „. . . dann haben wir hinten noch so eine Öffnung gelassen.“ Jan habe sie an diesem Tag offenbar gar keine Öffnung lassen wollen: „. . . deshalb habe ich ihn ja draufgelegt – dass er das nicht merkt.“ 

Im Mittelpunkt des 16. Verhandlungstags steht erneut Cordula E. (65). Es ist die Frau, die für Sylvia D. die Säcke genäht hat, in die Kinder im Haus der mutmaßlichen Sekte in der Weststadt gesteckt worden sind (wir berichteten bereits). E. ist erneut sehr wortreich, versteigt sich in obskuren „Traumbeispielen“, beantwortet die Fragen immer wieder mit Gegenfragen. Ein ums andere Mal wird sie vom Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück ermahnt: „Ich sage es Ihnen jetzt zum wiederholten Male: Wir stellen hier die Fragen – Sie antworten.“ Noch dazu braust E. auf: „Ich habe es damals nicht gewusst, verdammt noch mal!“, platzt es nach mehrfachen Fragen, was sie über die Verwendung der Säcke gewusst habe, aus ihr heraus. 

Zeugin erklärt, wie die Säcke genäht wurden

Diese Säcke entwickeln sich immer mehr zum zentralen Punkt in diesem Prozess. So packt Oberstaatsanwalt Dominik Mies plötzlich ein Bettlaken aus und breitet es mitten im Verhandlungssaal aus. „Zeigen sie mal, wie Sie das gemacht haben“, fordert der Ankläger die Zeugin auf. E. faltet das 2,50 Meter lange Tuch der Länge nach einmal zusammen. „Zwei Seiten habe ich zugenäht, am Rand habe ich ein Band eingenäht“, erläutert E. ihre Arbeit, um die D. sie gebeten habe. Wofür? „Damals wusste ich nicht, wofür die Säcke sind“, beteuert die Zeugin mehrfach. Doch spätestens seit dem Telefonat im April 2016 dürfte E. gewusst haben, dass in dem Haus Kinder, die angeblich quengelig sind, in die von ihr genähten Säcke gesteckt wurden. 

Dass es „Ohrfeigen, Fußtritte und kalten Duschen“ gegeben hat, bestreitet sie vehement. Ende der 80er Jahre hat sie das aber selbst in ihr Tagebuch geschrieben. Über die Gewalt – vor allem gegenüber den Adoptivkindern – hatten mehrfach die ehemaligen „Opfer“, darunter auch die leiblichen Kinder von D., ausgesagt. Ihre sichtlich verzweifelten Versuche, ihre „Freundin“ Sylvia in einem guten Licht erscheinen zu lassen, scheitern, wie schon bei der ersten Befragung am 11. Februar, erneut kläglich. Offenbar auch der Grund dafür, dass sie kurz vor einer Verhandlungspause plötzlich in Tränen ausbricht. 

Zeugin macht grauenvolles Geständnis

Nicht geklärt wird an diesem Verhandlungstag, was der Ausdruck „schwarze Kerze“ innerhalb der mutmaßlichen Sekte bedeutet. Mehrfach sind damit andere Menschen tituliert worden. E. hat ihre Version: „Es ist der oberste der Bösen.“ Klar beantwortet E. jedoch die Frage von Oberstaatsanwalt Mies: „Hätten Sie den Sack genäht, wenn Sie gewusst hätten, dass da der kleine Jan hineinkommt?“ Cordula E.: „Ich glaube ja.“

Der Fall 

17. August 1988: Der vierjährige Jan H. stirbt in Hanau - angeblich an Erbrochenem und einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Das Geschehen wird als Unfall eingeordnet und schließlich zu den Akten gelegt. 

2014: Ein „Aussteiger“ erhebt schwere Vorwürfe gegen die Hanauer Sekte: Jan H. sei 1988 von Sektenanführerin D. ermordet und als „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet worden. 

2015: Die Staatsanwaltschaft Hanau nimmt die Ermittlungen erneut auf. 

6. Juli 2017: Die sterblichen Überreste von Jan H. werden auf dem Kesselstädter Friedhof exhumiert und von der Rechtsmedizin untersucht. 

22. Oktober: Prozessauftakt vor der 1. Schwurgerichtskammer . Die Angeklagte schweigt, ihre beiden Verteidiger streiten alle Vorwürfe ab. Claudia H., die Mutter von Jan H., wird als Zeugin vernommen. 

24. Oktober: Die Mutter von Jan H. berichtet über den Tag, an dem ihr Sohn gestorben ist und „vom Alten geholt wurde“. 

29. Oktober: Die Mutter von Jan H. wird vernommen, der damalige Notarzt sagt aus. 

5. November: Die Mutter wird weiter vernommen. Dabei geht es um „Energiezeiten“ innerhalb der Gruppierung. 

7. November: Der Vater sitzt auf dem Zeugenstuhl. 

12., 14. und 19. November: Eine 61-jährige, ehemalige Sektenanhängerin sagt aus und erhebt schwere Vorwürfe. 

28. November und 12. Dezember: Die Adoptivtochter der Angeklagten sagt aus und belastet ihre Mutter. 

13. Januar und 4. Februar 2020: Manuel D., der Sohn der Angeklagten, erhebt schwere Vorwürfe gegen seine Mutter. 

11. Februar und 14. Mai: Cordula E., die „Freundin“ von D., streitet die Vorwürfe ab, gibt jedoch zu, die „Säcke“ genäht zu haben, in die die Kinder gesteckt worden sind. In einem abgehörten Telefonat zwischen den beiden Freundinnen gibt D. zu, Jan am mutmaßlichen Tattag in einen dieser Säcke gesteckt zu haben. (Der Prozess war wegen eines Krankheitsfalls von Februar bis Anfang Mai unterbrochen.) 

Die Hauptverhandlung wird am Donnerstag, 4. Juni, fortgesetzt. thb

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