Urnenbeisetzung

Kirchen organisieren Gemeinschaftsbeisetzungen für mittellose Verstorbene - „Jeder Mensch hat seine Würde“

Urnenbeisetzung auf dem Friedhof in Hanau
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Was ist mit denen, an die sich niemand erinnert? Pfarrer Weber bei der Verabschiedung am Grab.

Seit 2013 werden in Hanau Beisetzungen für Menschen organisiert, die mittellos oder ohne Angehörige sind oder deren Beerdigung niemand veranlasst hat. Die christlichen Kirchen in Hanau ermöglichen den Verstorbenen einen würdevollen Abschied.

Hanau – Monat für Monat finden in Hanau sogenannte Urnengemeinschaftsbeisetzungen statt, von denen keine Todesanzeige in der Zeitung kündet und in der Öffentlichkeit kaum jemand Notiz nimmt. Durchschnittlich sind es fünf Verstorbene, die dann gleichzeitig beigesetzt werden, obwohl niemand für sie ein Begräbnis bestellt hat.

Doch sang- und klanglos sollen sie nicht unter die Erde gebracht werden. Das Friedhofsamt und die beiden großen christlichen Kirchen in Hanau sorgen dann ihrerseits für einen würdevollen Abschied. In der vergangenen Woche hat bereits die 88. Gemeinschaftsbeisetzung seit März 2013 stattgefunden.

Hanau: Trauerfeiern für mittellose Verstorbene und Menschen ohne Angehörige

„Hammerhart, echt hammerhart“, fiel ein Mann dem Zelebranten der Trauerfeier ins Wort, der gerade den Namen eines jener vier Verstorbenen verlas, deren Urnen nach der Trauerfeier zu Grabe getragen wurden. Der Zwischenruf galt der Tatsache, dass sich auch für diesen Verstorbenen niemand fand, der eine „normale“ Beisetzung hätte veranlassen müssen.

Der Ort, an dem sich das abspielte, war der Abschiedsraum im Kapellengebäude des Hanauer Hauptfriedhofes. Katholische und evangelische Pfarrer zelebrieren dort im monatlichen Wechsel Trauerfeiern für Verstorbene, die entweder mittellos und ohne Angehörige waren, deren Bestattung niemand veranlasst hat oder für die keine Angehörigen ausfindig gemacht werden konnten.

Seit 2013 werden in Hanau Urnengemeinschaftsbeisetzungen organisiert

Manchmal weigern sich Angehörige auch, eine Beerdigung in Auftrag zu geben. Immerhin – die Zeiten, in denen solche Verstorbenen dann ohne jegliche Abschiedsgeste unter die Erde gebracht wurden, sind in Hanau lange vorbei. Die engagierte Friedhofsverwaltung konnte ab März 2013 sogenannte Urnengemeinschaftsbeisetzungen etablieren.

Die evangelische und die katholische Kirche begleiten jeden dieser Beisetzungstermine mit einer Trauerfeier. Von einem letzten sozialdiakonischen Dienst spricht der evangelische Klinikseelsorger Hans-Joachim Roth, Barmherzigkeit nennt es der katholische Pfarrer der Sankt-Elisabeth-Gemeinde, Dechant Andreas Weber.

434 mittellose Verstorbene wurden in Hanau beigesetzt

Nicht weniger als 434 Verstorbene wurden seit der ersten Trauerfeier dieser Art würdevoll beigesetzt. Für die Kirchenvertreter spielt es dabei keine Rolle, ob und welcher Glaubensgemeinschaft die Verstorbenen angehört haben. Pfarrer Roth, der diesen gemeinschaftlichen Dienst koordiniert, betont: „Hier geht es nicht um religiöse Vereinnahmung.“

Gleichwohl gehörte hier knapp die Hälfte der Verstorbenen einer der beiden großen Kirchen an – vielleicht auch mehr, denn: Meldet die Friedhofsverwaltung einen Sterbefall für eine solche Gemeinschaftsbeisetzung an, dann weiß sie oft nicht mehr als das Geburts- und Sterbedatum sowie den Wohnort.

Hanau: Kirchen versuchen mehr über Tote zu erfahren

Bekannt ist, dass es Menschen waren, die in einem Altersheim oder in einer Wohnungslosen-Unterkunft, manchmal auch auf der Straße gelebt haben, dass sie – hin und wieder erst nach Tagen – tot in ihrer Wohnung oder im „öffentlichen Raum“ entdeckt wurden.

Mit ihrem Tod haben sie oft genug auch das Wissen darüber mit sich genommen, was ihr Leben, ihr soziales Umfeld und ihr berufliches Tun prägte. Da bleibt für die Zelebranten nur die Hoffnung, im Vorfeld der Beisetzung jemanden zu finden, der einen der Verstorbenen kannte.

Für sie fand sich niemand, der ihre „normale“ Beerdigung auf einem Friedhof in Hanau oder der Region hätte veranlassen können.

Der Koordinator dieser Trauerfeiern, Klinikpfarrer Roth, startet dann im Vorfeld aufwändige Recherchen in den Kirchengemeinden. Die Suche kann sich sogar bis unmittelbar vor Beginn einer Trauerfeier hinziehen. Unter den meist wenigen Teilnehmern einer solchen Abschiedsfeier findet sich manchmal doch jemand, der zu dem einen oder anderen Sterbefall etwas sagen kann.

16 Menschen bei Trauerfeier für vier Verstorbene

Das war auch diesmal so, als sich sogar 16 Menschen zur Trauerfeier für vier Verstorbene eingefunden haben. In Corona-Zeiten fanden wegen des Abstandsgebots längst nicht alle einen Platz im Abschiedsraum. Eingefunden hatte sich eine kleine Gruppe, die sich selbst als Clique bezeichnet. Einer der Verstorbenen gehörte zu ihnen.

Gekommen war auch Jens Reuter von der Stiftung Lichtblick der Marienkirchen-Gemeinde, der einen anderen Verstorbenen betreute. Eine schöne Geste. Mit dabei waren schließlich Campingfreunde vom Bärensee in Bruchköbel, die ihren Nachbarn auf dessen letzten Weg begleiten wollten.

Sozialbestattungen: Keine individuellen Urnen möglich

Hier begegneten sie einander und tauschten Erinnerungen aus. Aufmerksam registrierte der Zelebrant ihre Erzählungen, aus denen sich die eine oder andere Begebenheit dann in seiner Traueransprache wiederfand. Immer wieder richteten sich Blicke der Trauergäste auf die vier Urnenkapseln.

Doch äußerlich gleicht eine Aschenkapsel der anderen und nur anhand der Namen auf den Deckeln lassen sich die Behältnisse den Verstorbenen zuordnen. Individuell gestaltete Überurnen sind bei „Sozialbestattungen“ nicht vorgesehen.

Beisetzungen von mittellosen Menschen: „Jeder Mensch hat seine Würde“

Die Blumen, die einige Trauergäste mit sich führten, markieren nur für wenige Tage die Beisetzungsstelle auf dem Rasenfeld. Dann sind sie verwelkt und werden abgeräumt. Aber Messingschilder mit Namen, Geburts- und Sterbedaten auf einer nahen Stele offenbaren der Nachwelt dann, welche Verstorbenen hier unter der Rasenfläche ruhen.

„Auf den Inschriften vieler Kranzschleifen heißt es, wir behalten dich in guter Erinnerung“, sagte Pfarrer Weber in seiner Predigt während der Trauerfeier, um dann nachzuhaken: „Was aber ist mit denen, an die sich kein Verwandter oder Freund erinnert?“ Sie auf ihrem letzten irdischen Weg nicht zu vergessen und zu begleiten, ist auch das Anliegen eines ehemaligen Chefarztes aus dem Sankt-Vinzenz-Krankenhaus, der bei jeder Urnengemeinschaftsbeisetzung dabei ist: „Jeder Mensch hat eine Würde“, sagte er unserer Zeitung. Diese Würde lasse sich auch nicht daran messen, ob und wie viele Menschen ihn auf seinem letzten Weg begleiten.

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