Klinikum droht Toten mit Pfändung

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Am Dienstag schickte das Krankenhaus für den achttägigen Aufenthalt eine Rechnung über den Zuzahlungsbetrag von zehn Euro pro Tag - adressiert nicht an die Witwe, sondern an den Verstorbenen.

Hanau ‐ „Die können doch nicht jemandem mit dem Gerichtsvollzieher drohen, der tot ist.“ Die Steinheimerin Christl Kuhmünch ist empört. Am 10. Januar verstarb ihr Mann Ewald im städtischen Klinikum Hanau. Von Erwin Diel

Am Dienstag schickte das Krankenhaus für den achttägigen Aufenthalt eine Rechnung über den Zuzahlungsbetrag von zehn Euro pro Tag - adressiert nicht an die Witwe, sondern an den Verstorbenen. Was Christl Kuhmünch ärgert, ist der rigide Ton des Schreibens und die Tatsache, dass das Klinikum offensichtlich nicht unterscheidet zwischen Patienten, die als geheilt entlassen wurden und solchen, die im Klinikum verstarben. Bei einem Toten von „Entlassdatum“ zu sprechen, sei schon ziemlicher Unsinn. Für unsensibel hält die Witwe auch die Drohung mit Zwangsmaßnahmen, falls die Zahlung nicht bis zum festgesetzten Termin erfolge, hier eine Frist von nicht mal einer Woche. „Sollen die doch mal einen Toten pfänden.“

Der Brief an die Steinheimerin ist kein Einzelfall, wie das Klinikum auf Anfrage erläutert, sondern ein „Standardformular“. Es gebe keine Chance, in den „automatisierten Vorgang“ einzugreifen, sagt Prokurist Thorsten Wies von der Klinikleitung.

Werde der Patient in der Abteilung „ausgetragen“, laufe in der EDV bis zur Kuvertierung alles automatisch ab. Wollte man den Vorgang ändern, müsste man per Hand eingreifen. Das sei nicht möglich. „Dass so ein Schreiben erschreckt, ist uns auch klar,“ sagt Wies. Das Erschrecken folgt allerdings einer gewissen Methode. Das Klinikum fürchtet, Geld zu verlieren.

„Haben 600 Betten, das sind täglich 6000 Euro.“

Seit Jahresanfang sind die Krankenhäuser nach Angaben von Wies für die Beitreibung des Zuzahlungsbeitrages verantwortlich. Davor belasteten die säumigen Zahler das Budget der Krankenkassen. Der Gesetzgeber habe den Kassen erlaubt, die 10 Euro täglich, die maximal für 28 Tage Klinikaufenthalt von den Patienten zu zahlen sind, vom Rechnungsbetrag der Kliniken abzuziehen. Die Kasse hat ihr Geld, das Krankenhaus muss zusehen, wie es den Betrag beitreibt. „Wir haben 600 Betten, das sind täglich 6000 Euro“, sagt Wies. Größere Ausfälle in dem Bereich könnten die Existenz manches Krankenhauses gefährden. Auch das Klinikum Hanau macht Verluste. Als eine der Ursachen war in der Vergangenheit auch genannt worden, dass erbrachte Leistungen nicht oder nicht rechtzeitig abgerechnet worden waren.

Klinik-Prokurist Wies räumt im Gespräch mit unserer Zeitung ein, das Standardschreiben sei zum Jahreswechsel im die Pfändungsdrohung betreffenden letzten Satz umgestellt und leicht verändert worden. Die Adressierung an Verstorbene sei „unglücklich“, es gebe aber keine technische Möglichkeit, das zu ändern. Mit Christl Kuhmünch hat Wies telefoniert, das Schreiben bedauert und um Verständnis für die Lage des Klinikums geworben.

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