Sekten-Prozess

Kommentar zum Sekten-Urteil: Ein Sieg für die Gerechtigkeit nach über 32 Jahren

Ein Kommentar von Thorsten Becker
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Ein Kommentar von Thorsten Becker

Die Urteilsbegründung des Vorsitzenden Richters Dr. Peter Graßmück ist beeindruckend. Er bringt die Sache auf den Punkt: Dieser Prozess dreht sich im Kern um die Grundrechte der Menschen.

Dass die Sekte aus der Hanauer Weststadt einen Personenkult um ihr angebliches Medium veranstaltet, ist ebenso unerheblich wie die abstrusen Glaubensvorstellungen, in denen ein „Gott“ angeblich darüber bestimmt, ob ein Kind mit Legosteinen spielen oder ob Sylvia D. diese einfach wegnehmen darf.

So ungeheuerlich das klingen mag: Diese Gruppe und ihre wirtschaftlichen Verbindungen sind jahrzehntelang unentdeckt geblieben, abgeschottet von der Außenwelt. Doch der selbst zusammengebastelte Glauben ist nicht strafbar. In diesem Land, in dem jeder glauben darf, an was und wen er will, herrscht Religionsfreiheit.

Doch das Hanauer Schwurgericht hat ganz klar erkannt: Das Recht auf Religionsfreiheit endet dort, wo andere Grundrechte verletzt werden. Somit ist der Schuldspruch ein Sieg für die Gerechtigkeit. Unter dem Deckmäntelchen des Glaubens einen vierjährigen Buben zu misshandeln und qualvoll sterben zu lassen, ist eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt.

Gut, dass die Ermittler so hartnäckig geblieben sind und sich diesmal nicht haben täuschen lassen.

Doch es bleiben Fragen offen. Fragen, die nicht in die Zuständigkeit der Richter am Hanauer Landgericht fallen. In diesem Prozess sind derart verabscheuungswürdige Erziehungsmethoden bekannt geworden, die nicht mit dem „Stil der 70er oder 80er Jahre“ entschuldigt werden dürfen, wie es die Verteidigung vorgeschlagen hat.

Es sind viele, die vor und nach dem 17. August 1988 weggeschaut haben, die klare Hinweise auf Misshandlungen nicht ernst genommen haben. Sie alle müssen sich mitschuldig fühlen am Tod eines Vierjährigen. Denn Jan H. könnte heute noch leben.

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