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Banküberfall in Hanau: Räuber gesteht die Tat

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Von: Julius Fastnacht

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Tatort Nürnberger Straße: Vor mehr als sieben Jahren wurde die Bankfiliale überfallen. Archi
Tatort Nürnberger Straße: Vor mehr als sieben Jahren wurde die Bankfiliale überfallen. © thorsten becker

Sieben Jahre nach einem Banküberfall in Hanau wird der Täter in Argentinien festgenommen und ausgeliefert. Jetzt beginnt der Prozess gegen ihn.

Hanau – Bei der Einreise nach Argentinien macht es „klick“. Der 36-jährige Juan Q., chilenischer Staatsbürger, bekommt im Herbst 2022 von den südamerikanischen Behörden Handschellen umgelegt, Buenos Aires liefert ihn nach Deutschland aus. Weil er per internationalem Haftbefehl gesucht wird, für einen Bankraub, den er sieben Jahre zuvor mit Komplizen in Hanau begangen haben soll.

Hanau: Aus Argentinien ausgelieferter Räuber zeigt sich geständig

Jetzt sitzt er im Sitzungssaal 216 des Landgerichts an der Nußallee, vorgeführt aus der Untersuchungshaft. Staatsanwalt Markus Jung präsentiert die Anklage, die auf schweren Raub und gefährliche Körperverletzung lautet. Mit drei weiteren Räubern soll Juan Q. im Juli 2015 die Commerzbankfiliale an der Nürnberger Straße in Hanau betreten haben. Von einer Kundin, die gerade Bargeld einzahlen will, erbeuten die Täter 2 720 Euro aus einem Papierumschlag. Juan Q. zückt eine Pistole. „Open the Box!“ – die Gruppe fordert vom Bankmitarbeiter hinter dem Schalter, den Tresor zu öffnen. Der Angestellte bekommt Schläge ins Gesicht und auf den Oberarm, seine Brille wird beschädigt. Am Ende ist die Nervosität bei Q. und seinen Komplizen zu groß, es dauert zu lange, sie ergreifen per Auto die Flucht, ohne zusätzlich Geld zu erbeuten.

Der Anwalt des Angeklagten macht gleich zu Beginn klar: Juan Q. wird reden. „Mein Mandant wird eine Einlassung geben, im Wesentlichen ein Geständnis.“ Ein junger Dolmetscher übersetzt die Aussagen aus dem Spanischen. Und Q., ein kräftig gebauter Mann, der auch im beheizten Gerichtssaal seine Jacke anlässt, erzählt. Gelernter Textilhändler sei er, in seiner Heimat Santiago de Chile habe er eine Partnerin und Kinder. „Damals, 2015, bin ich überhaupt das erste Mal nach Europa geflogen.“ Für den Urlaub sei das gewesen, zuerst Frankreich, dann Frankfurt. „Ich habe in kurzer Zeit viel Blödsinn gemacht, dafür muss ich jetzt bezahlen.“

Die Tat habe er nicht geplant. Der Chilene konsumiert in dieser Zeit laut eigener Aussage Kokain-, Crack- und Alkohol. Schnell sei ihm das Geld ausgegangen. „Ich habe nicht viel nachgedacht. Ich wollte aber auch niemandem schaden.“ Für 400 Euro kauft er einen schwarzen BMW, das Auto nutzt er später, um vom Tatort zu fliehen. In den Stunden vor dem Überfall habe er mit seinen Kumpanen Drogen genommen, mittags in Nähe der Bank geparkt. „Dem Herrn an der Kasse habe ich meine Waffe gezeigt, auf den Tisch gezielt. Mit der konnte man nur Gummi-Patronen schießen.“ Geladen sei sie nicht gewesen. „Meine Komplizen haben versucht, den Safe zu öffnen, das hat nicht geklappt. Zum Schluss habe ich gemerkt, wie ich von hinten gegriffen wurde, mich befreit und bin rausgerannt.“

Hanau: Bank-Mitarbeiter geht nach Überfall in Frührente

Im Dunkeln bleibt allerdings: Wer waren seine Mittäter überhaupt? Woher kannte Q. sie? Und wo stecken sie jetzt? Richter Kolja Fuchs versucht, nachzuhaken, doch zu den drei Kompagnons verweigert Q. partout die Aussage. Fuchs präsentiert Bilder von den Überwachungskameras aus der Bank. Darauf sieht man Juan Q., wie er seine Waffe zieht, sie nicht auf den Tisch, sondern sehr wohl auf den Bankmitarbeiter richtet. Auffällig auch: Die Täter sind vorbereitet, tragen weiße Handschuhe aus Latex, Hüte, Sonnenbrillen, stecken trotz sommerlichen Temperaturen in weiten Klamotten. „Die haben wie eine Gruppe von Rappern ausgesehen“, erinnert sich die Filialleiterin der Bank später bei der Polizei.

Neben kurz nach der Tat aufgezeichneten Protokollen, die Richter Fuchs verliest, hat er an diesem Verhandlungstag auch Zeugen geladen. Rund siebeneinhalb Jahre nach den Ereignissen in der Nürnberger Straße wirkt die Erinnerung zwar etwas verwaschen.

Klar ist trotzdem: Das Leben des Bankmitarbeiters, der damals hinter der Kasse stand, haben Q. und seine Komplizen nachhaltig durchgerüttelt. „Ich musste in psychologische Behandlung. Eine Zeit lang konnte ich keine Bank mehr betreten, vor vier Jahren habe ich ein Vorruhestandsangebot von meiner Bank angenommen“, sagt der mittlerweile 60-Jährige. Bei ihm entschuldigt sich Q. persönlich. Trotzdem drohen ihm jetzt mehrere Jahre Haft. Drei weitere Verhandlungstage sind bislang terminiert. Dabei soll auch die Arbeit der Ermittler in den Fokus rücken: Denn Juan Q. ging ihnen unter anderem deshalb ins Netz, weil er mit dem zur Fahndung ausgeschriebenen Tatauto offenbar auch in Belgien straffällig wurde.

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