Konstantin Wecker und Band im Amphitheater

Wütende Töne im zärtlichen Kleid

Den Schlussakkord unter seine Konzerttournee „Wut und Zärtlichkeit“ setzte der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker mit seinen drei Begleitern im ausverkauften Hanauer Amphitheater.
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Den Schlussakkord unter seine Konzerttournee „Wut und Zärtlichkeit“ setzte der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker mit seinen drei Begleitern im ausverkauften Hanauer Amphitheater.

Hanau - Bisweilen ist bei einer Mahlzeit der Nachtisch das Beste. Wenn die Konzerttournee „Wut und Zärtlichkeit“ von Konstantin Wecker ein Menü war, dann war das letzte Konzert der Reihe am Sonntagabend im restlos ausverkauften Hanauer Amphitheater ein köstliches Dessert. Von Christian Spindler

Drei Stunden lang rissen der Münchner, der seit 40 Jahre auf der Bühne steht, und seine drei Ausnahmemusiker ihr Publikum mit, bezauberten es, ließen es eintauchen ins pralle musikalische OEuvre von Konstantin Wecker. Es gibt kaum einen Künstler im Land, der aus einem so großen Repertoire schöpfen kann, kaum einen, der noch immer so wütend ist, und keinen, dessen Texte so viel Poesie ausstrahlen.

Vor einigen Jahren hatte Wecker eine Phase, in der er weniger politisch war als in der Anfangszeit. Jetzt, mit 66 Jahren, mischt er sich auch bei seinen Konzerten wieder mehr ein. Er macht sich über Angela Merkel lustig („Die Kanzlerin“), spottet über NPD-Frontmann Holger Apfel, brandmarkt soziale Ungerechtigkeit und zieht dabei auch Brecht und Kästner heran, von denen er Gedichte vertont hat. Das alles ist nicht so gallig wie früher, aber nicht weniger treffsicher.

Begegnungen mit Harry Belafonte oder Mikis Theodorakis

Er ist eine Stärke des Mannes, der bis zu 100 Konzerte pro Jahr gibt, dass er auch seine Klassiker stets neu arrangiert und interpretiert. Einige davon hat er beim Hanauer Konzert im Gepäck, etwa eine wunderbar lyrische Version von „Bleib nicht liegen“, „Fliegen mit dir“, eine seiner zahlreichen Kompositionen für Film und Fernsehen, aber auch das kraftvolle „Sage nein“, bei dem das Publikum am Ende stehend Beifall spendet.

Zwischendurch erzählt Wecker von Begegnungen mit Harry Belafonte oder Mikis Theodorakis, gibt eigene Lyrik oder Gedichte zum Besten. Ja, er beherrscht sie immer noch: die wütende Töne ebenso wie seine ganz eigene Poesie. Mit Jo Barnickel (Tasteninstrumente), seit vielen Jahren Weckers musikalischer Weggefährte, hat er längst ein Alter Ego gefunden. Und mit Tim Neuhaus (Schlagzeug, Gitarre) und dem kurzfristig eingesprungenen Severin Trogbacher (Gitarre) hat er zwei weitere herausragende Musiker dabei. Vor allem Neuhaus weiß am Schlagwerk mit einem variationsreichen Spiel zu begeistern, dass es eine wahre Freude ist – bei zarten Rhythmen ebenso wie beim satten Sound zum Beispiel von „Questa nuova realta“. Als der bekannte Wecker-Titel ertönt, hat sich das Gros der 1300 Besucher längst um die Bühne geschart, wo Wecker bald darauf eine herrliche Version von „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ intoniert.

Am Ende gibt er dem Publikum quasi als Gute-Nacht-Lied eine Adaption von Francesco de Gregoris „Buonanotte Fiorellino“ mit auf den Heimweg. Alle Wut ist da längst verflogen. Es bleiben ein bisschen Wehmut und irgendwie ein zärtliches Gefühl: Konstantin-Wecker-Poesie eben.

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