Publikation beleuchtet Leben und Werk Karl Dielmanns

Kulturelle Grundlagen gelegt

Hanau – Das Buch trägt den schlichten Titel „Karl Dielmann - Heimatforscher der Wetterau“, es ist von beachtlichem Umfang und wurde von der Stadt Florstadt herausgegeben. Erarbeitet hat es die „Geschichtswerkstatt Büdingen“. Erinnert wird damit an eine Persönlichkeit, die weit mehr war, als das, was man heutzutage in manchen Kreisen leicht herablassend als Heimatforscher bezeichnet.

Von 1958 bis 1977 nämlich wirkte Dielmann in Hanau, jedoch: Keine Straße trägt seinen Namen, keine andere Einrichtung ist nach ihm benannt. Derweil hat er in der Stadt Spuren hinterlassen, wie kaum ein anderer aus der zweiten Reihe der Hanauer Stadtverwaltung. Als Leiter des Hanauer Kulturamts hat er in den 1950er und 1960er Jahren, also just in den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, Pflöcke eingeschlagen, die heute noch Fundament wesentlicher Hanauer Kultureinrichtungen sind. Stichworte: Historisches Museum und Comoedienhaus Wilhelmsbad.

Zu Lebzeiten bereits hoch geehrt, verstarb Dielmann unerwartet 1977, just inmitten der Vorbereitungen des Hanauer Altstadtjubiläums. Dann wurde es still um den Mann, dem so mancher Spagat gelang zwischen seiner Funktion als städtischer Beamter, der zugleich auch Vorsitzender des Hanauer Geschichtsvereins 1844 e.V. war, und seinem eigenen wissenschaftlichen Anspruch.

Geboren wurde Dielmann 1915 in Düdelsheim, in Leidhecken, einem kleine Ort bei Büdingen ist er aufgewachsen. 1935 machte er in Friedberg das Abitur. Er studierte Klassische Archäologie, Kunstgeschichte und Geologie und verfasste 1940 eine Doktorarbeit über die „Koberstädter Kultur“.

Dielmann hat viel publiziert, vor allem aus seiner engeren Heimat sind auch in dem vorliegenden Buch zahlreiche Beiträge versammelt. Von besonderer Bedeutung an der Florstädter Publikation sind jedoch Dielmanns persönliche Aufzeichnungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. 1945/46 war er im Zuge der „Entnazifizierung“ im Zuchthaus Butzbach und in Friedberg und Darmstadt interniert. Welcher Art Nazi war aber Dielmann, dass man buchstäblich jahrelang ermitteln musste?

Seine Vita ist exemplarisch für jene Generation der sogenannten Märzgefallenen, die nach der März-Wahl 1933 in die NSDAP eintraten - wie auch der Schüler Karl Dielmann zwei Jahre vor seinem Abitur. Er wurde später als nicht wehrfähig gemustert, was ihm ermöglichte, in seinem Heimatort zu leben. Dort wurde der junge Mann eines Tages kurzerhand zum Parteikassierer der nur wenige Köpfe zählenden Ortsgruppe bestimmt. Das sollte ihn nach der deutschen Kapitulation in arge Bedrängnis bringen, ihn drei Jahre Lebenszeit kosten. Die Schilderung der Umstände in den Internierungslagern und der menschlichen Abgründe, die sich da für den gerade einmal Dreißigjährigen auftaten, sind allemal der Lektüre wert, zumal, da sie ein Spiegelbild des Umgangs sowohl der Besatzungsmacht als auch der Zivilgesellschaft mit echten oder vermeintlichen Naziverbrechern sind. Es ist eine stellenweise erschütternde Lektüre. Erst 1948 wurde Dielmann vor der Spruchkammer dann aufgrund zahlreicher entlastender Zeugenaussagen als Mitläufer eingestuft, ihm wurde eine Geldbuße von 50 Mark auferlegt.

Dielmann war während des Krieges und kurz danach als Geologe im Wölfersheimer Braunkohlebergbau beschäftigt, konnte diese Tätigkeit aber nach dem Spruchkammerverfahren nicht mehr aufnehmen. Allerdings entsprach die Berufung ins Fürstlich-Ysenburgische Archiv nach Büdingen gleichfalls seiner wissenschaftlichen Vorbildung. In den folgenden Jahren baute er das Schlossmuseum auf, ehe ihn 1957 der Ruf nach Hanau erreichte.

Hier nun war Dielmann eine Art Generalintendant der Kultur: Über die Jahre war er zugleich Leiter des Kulturamtes, der Stadtbibliothek, des Historischen Museums, des Stadtarchivs und der Theatergemeinde, später dazu noch Geschäftsführer des Comoedienhauses und ab 1968 zudem Leiter des Schulamts.

In seine Dienstzeit fällt die Renovierung und Wiedereröffnung des Comoedienhauses in Wilhelmsbad und die Eröffnung des Historischen Museums im Schloss Philippsruhe. Im Schloss war seit 1945 die Stadtverwaltung untergebracht, sie zog 1965 in das neu erbaute Rathaus in der Innenstadt und Dielmann nutzte die Gunst der Stunde.

Dabei kam ihm zugute, dass er schon 1960 Vorsitzender des Hanauer Gesichtsvereins geworden war. Die Vereinssammlung, die bis zur kriegsbedingten Auslagerung das Vereinsmuseum im Hanauer Stadtschloss bildete, wurde nun zum Grundstock des heutigen Historischen Museums Hanau. Dieses wird seither von Stadt und Verein gemeinsam getragen.

Hanau hat also Karl Dielmann einiges zu verdanken. Dies ist aber auch nur so gelaufen, weil Dielmann nicht nur ein hochgebildeter Wissenschaftler gewesen ist, sondern auch eine Persönlichkeit, die mit dem Instrument „Verwaltung“ umgehen konnte.

Er habe stets viel von sich selbst, aber auch von seinen Mitarbeitern verlangt, charakterisierte ihn jüngst der Ehrenvorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins, Eckhard Meise. Aber vielleicht war gerade dies Voraussetzung für den erfolgreichen Aufbau einer erfolgreichen und nachhaltigen städtische Kulturlandschaft. Das Buch aus der Büdinger Geschichtswerkstatt hilft, dass dies nicht vergessen wird.

Infos zur Publikation

„Karl Dielmann - Heimatforscher der Wetterau“, Florstadt 2020, 268 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-939454-99-1, für 18 Euro im Buchhandel erhältlich und in der Abteilung Hessen-Hanau der Hanauer Stadtbibliothek ausleihbar.

Von Werner Kurz

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