"Es wird sehr viel Mangel verwaltet"

Lehrergewerkschaft GEW beklagt Situation zum Schuljahresbeginn und übt Kritik an Inklusions-Praxis

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Die Lehrergewerkschaft schlägt Alarm: Anja Saling, Jörg Engels, Ingabritt Bossert (vorne) sowie Heike Rickert-Fischer, Herbert Graf und Mario Wagner von der GEW.

Deutliche Kritik an den Verhältnissen, wie sie sich zu Beginn des neuen Schuljahres an den Schulen in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis präsentieren, übten die GEW-Kreisverbände Hanau und Gelnhausen gestern bei einer Pressekonferenz.

Hanau – Die vom Staatlichen Schulamt hervorgehobenen Verbesserungen in der Lehrerversorgung (wir berichteten) reichten bei Weitem nicht aus, so die Lehrergewerkschaft. Die Grenze der Belastbarkeit sei bei den meisten Pädagogen längst erreicht.

Insbesondere im Bereich der Grund- und Förderschulen mangele es an Lehrkräften, kritisierte Mario Wagner vom GEW-Kreisverband Gelnhausen. Genau in den Bereichen, in denen mit der Umsetzung der Inklusion die größten pädagogischen Herausforderungen zu bewältigen seien. Da helfe es nicht, wenn Lücken geschlossen werden sollen durch Weiterbildungsmaßnahmen für Gymnasiallehrer zur Grundschullehrkraft oder durch den Einsatz von Kräften, die nicht über eine pädagogische Ausbildung verfügten, oder die Reaktivierung pensionierter Lehrkräfte. Das seien Maßnahmen, die den Druck auf das feste Kollegium sogar noch erhöhten, etwa durch doppelte Klassenführungen, die von den zugeordneten Lehrkräften nicht übernommen werden könnten.

Formal sei der Personalbedarf zwar gedeckt, aber „das sagt nichts darüber aus, was tatsächlich an den Schulen passiert“, so Herbert Graf vom Gelnhausener GEW-Kreisverband. Denn unter einer solchen Personalpolitik leide „die pädagogische Kontinuität.“ Jörg Engels vom GEW-Kreisverband Hanau: „Es wird sehr viel Mangel verwaltet.“ Und das nicht erst seit dem neuen Schuljahr. Der Mangel werde von Jahr zu Jahr vor sich hergeschoben, „Entspannung ist nicht in Sicht“ – dafür Mehrbelastung. Wie beim Thema Digitalisierung, weiß Anja Saling vom Hanauer Kreisverband. Trotz vollmundiger Ankündigungen habe sich dort nichts bewegt, „die Infrastruktur an den Schulen ist stehen geblieben.“ Der Grund: Bund, Land und Schulträger mischen mit, und „keiner weiß so genau, was gemacht wird“, so Herbert Graf. Das Ende vom Lied: Die Schulen sollen Konzeptionen erarbeiten. „Viele Arbeitsstunden, die uns fehlen, um mit den Kindern zu arbeiten“ – auch und gerade im Bereich des pädagogischen Auftrags zur Inklusion, deren Umsetzung mit dem aktuellen Personalschlüssel an den Regelschulen nicht zu realisieren sei, sagt Ingabritt Bossert vom GEW-Kreisverband Hanau. Sie kritisiert auch den Plan, für den inklusiven Unterricht Schwerpunktschulen einzurichten. Die wohnortnahe Betreuung für Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf werde so nicht gewährleistet. Beim begrüßenswerten Vorhaben der Inklusion sei man jedenfalls „von der Verwirklichung der Geschichte noch sehr weit weg.“ Dafür nehme die Bürokratie immer mehr Raum im beruflichen Zeitfenster der Pädagogen ein. „Da kommen 50 Stunden pro Woche zusammen“, so Anja Saling vom Hanauer GEW-Kreisvorstand. Alle Lehrkräfte arbeiten „deutlich mehr, als das vorgegebene Maß verlangt.“ Eine Situation, die mit einem Schlüssel von 20 Unterrichtsstunden pro Woche bei einer Klassenstärke von 20 Schülern entschärft werden könnte, meinen die Gewerkschafter. 
VON DIETER KÖGEL

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