Veranstaltungen der Autoren waren ausgefallen

Lesung aus dem Wohnzimmer: Autoren aus der Region erfinden gemeinsame Geschichte auf Facebook und YouTube

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Jetzt liest sie in Zivil: Da coronabedingt derzeit keine Lesungen stattfinden können, nimmt die Hammersbacher Autorin ihr Publikum auf digitalem Wege mit in die eigenen vier Wände.

Normalerweise liest die Hammersbacher Autorin Tanja Bruske-Guth gern aus ihren historischen Kinzigtal-Romanen in zeitgemäßem Gewand vor gut gefüllten Stuhlreihen. „Das geht in Corona-Zeiten natürlich nicht“, sagt sie.

So mussten auch für die Hammersbacher Autorin einige Veranstaltungen ausfallen, wie eine Autogrammstunde auf der Leipziger Buchmesse, eine Podiumsdiskussion und Lesung bei der ColoniaCon. Auf den Kontakt zu ihren Lesern wollte sie dennoch nicht verzichten. Daher lädt die Hammersbacherin ihre Leser nun auf digitalem Wege in ihr Wohnzimmer ein und hat dafür extra einen YouTube-Kanal eingerichtet. „Ich dachte, das machst du in deinem Leben nicht“, sagt sie und lacht. „Am Anfang kam ich mir schon blöd vor.“ Doch mit der Idee einer Video-Lesung ist sie in bester Gesellschaft. 

Für die Lesungsreihe „Der Nächste, bitte!“ hat Bruske-Guth sich mit 14 Autoren aus dem Rhein-Main-Gebiet zusammengetan, die in einzelnen Episoden eine gemeinsame Geschichte schreiben. Frei improvisiert. Mit von der Partie sind beispielsweise Badesalz-Comedian Henni Nachtsheim, HR-Moderator Tim Frühling und die Hanauer Krimi-Autorin Heidi Gebhardt. Gestartet ist das Literaturexperiment am 18. April mit drei Begriffen, die Autorin Susanne Reichert an ihren Mitinitiator Meddi Müller weitergegeben hat. Aus diesen fabulierte der Frankfurter die Geschichte um „Lothar, den Gipfelstürmer“, der nach einer Autopanne in einem kleinen Schweizer Bergdorf strandet, wo kuriose Ereignisse ihren turbulenten Lauf nehmen. „Jeder Autor hatte dabei seinen eigenen Stil und hat teils sehr eigene Handlungsstränge entworfen“, sagt Tanja Bruske-Guth und lacht. „Da waren Figuren plötzlich wieder alleine oder kamen nicht mehr vor und ich wollte sie wieder zusammenführen.“ 

Bruske-Guth: „Die Resonanz war unglaublich“

Eine echte Herausforderung für die gestandene Fantasy- und Science-Fiction-Autorin. Ihre Episode, die zwölfte von insgesamt 15, beginnt mit einem Schuss, einem spitzen Schrei und einem schmerzerfüllten Präsidenten. Jeden zweiten Tag fand so um 18 Uhr auf der Facebook-Seite „Der Nächste, bitte!“, mal live, mal vorher aufgezeichnet, eine Lesung statt, bei der sich die Autoren den Staffelstab gegenseitig in die Hand gaben. Der bestand wiederum aus drei Worten, die in der kommenden Episode unbedingt vorkommen sollten, ansonsten gab es keine Vorgaben. 

„Die Resonanz war unglaublich“, sagt Bruske-Guth. „Nach ein paar Tagen hatte das Projekt schon knapp 300 Abonnenten.“ Mittlerweile sind es fast 900 und einzelne Episode sind über 1000 Mal aufgerufen worden. Die zweifache Mutter hat selbst jede einzelne Folge gespannt verfolgt. „Alle Episoden waren toll auf ihre Art“, sagt Bruske-Guth, die schnell an der besonderen Form des Schreibens gefallen gefunden hat. 

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Für die Science-Fiction-Serien „Maddrax“ und „Perry Rhodan“ schreibt sie bereits mit Vorlagen von anderen Autoren und mit Kollegen im Team. Anders als bei „Der Nächste, bitte!“ könne dort allerdings jede Geschichte auch für sich stehen. „Ich fand das super spannend und sehr ungewöhnlich, so vollkommen auf andere einzugehen und sich alles zu merken, was die einzelnen Autoren geschrieben haben“, sagt sie. „Und wenn man dann seine drei Begriffe bekommt und mit dem Schreiben loslegen kann, ist das ein Sprung ins kalte Wasser.“ 

Gemeinsame Lesungsreihe im Internet: Unter dem Motto „Der Nächste, bitte!“ improvisieren 15 Autoren aus der Region die Geschichte von „Lothar, der Gipfelstürmer“.

Bei der Auswahl der Begriffe waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt: „Donnerloch“, „Kanzelschwalbe“ und „Luis-Trenker-Schuhe (Sommeredition)“ musste Bruske-Guth in die Geschichte einbauen, ebenso wie die Mundart des Kollegen Henni Nachtsheim: Hessisch und Schwizerdütsch hatte er ins Spiel gebracht. „Das war besonders schwierig. Und im Hinterkopf hatte ich immer den Gedanken, dass es nur noch drei Folgen sind und die Geschichte irgendwo hinführen muss.“ Davon ließ sich Bruske-Guth aber nicht einschüchtern. „Im Endeffekt war es witzig, zu überlegen, wie man die drei Worte da reinpuzzeln kann“, sagt sie. 

Autoren wollen sich nach Corona im 'Real Life' kennenlernen

Als Vorbild für die Lesereihe diente den Initiatoren Susanne Reichert, Meddi Müller und Andreas Heinzel die Fernsehsendung „Schillerstraße“, bei der den Darstellern um Cordula Stratmann über einen Knopf im Ohr Anweisungen gegeben wurden. Und die improvisierten auf der Bühne. Zu „Der Nächste, bitte!“ kam Bruske-Guth durch Andreas Heinzel, den sie beim Autorenstammtisch ihres Verlags kennengelernt hatte. Viele der Autoren kannte sie zwar bereits etwa durch ihre Arbeit als Zeitungsredakteurin, andere will sie nach Corona unbedingt persönlich treffen. „Wir haben gesagt, wenn Corona rum ist, dann treffen wir uns alle mal und trinken zusammen einen Apfelwein, damit wir uns auch mal im 'Real Life' kennenlernen“, sagt Bruske-Guth und lacht. „Ich finde es witzig, dass ausgerechnet in Zeiten von Corona, wo man denkt, dass man isoliert ist, so ein Projekt möglich wird. Normalerweise ist man als Autor ja eher der einsame Reiter, der in seinem stillen Kämmerlein sitzt und vor sich hinwerkelt und schreibt.“ 

Aber auch das Arbeiten im stillen Kämmerlein geht in Corona-Zeiten zäher voran, erzählt Bruske-Guth. Denn ihre zwei Töchter, zehn und drei Jahre alt, sind aufgrund von Kitaschließung und Homeschooling überwiegend zu Hause und wollen neben Tanja Bruske-Guths Arbeit in der Zeitungsredaktion betreut werden. Dennoch hat die Autorin weitere Teile der „Perry Rhodan“-Serie sowie der „Schlüssel der Zeit“-Reihe fertiggestellt. Mit dem Titel „Der Räuber und der Fuchs“ soll so in den nächsten Tagen ein neues E-Book erscheinen. Und der nächste Teil um die junge Protagonistin, die mit Hilfe eines magischen Schlüssels im Main-Kinzig-Kreis auf Zeitreisen geht, ist bereits in Arbeit.

Alle Folgen gibt's im Netz Wer alle Lesungen der Reihe „Der Nächste, bitte!“ sehen möchte, findet alle Videos gesammelt auf der Webseite des Projekts. 

Quelle: Hanauer Anzeiger

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