Lieber mitverdienen als zuschauen

Parlament in Hanau stimmt für riesiges Rechenzentrum auf Kasernengelände

Gigantische Betonbauten: So wird es auf dem Gelände der ehemaligen Großauheim-Kaserne zukünftig aussehen, wenn alles nach Plan realisiert wird. VISUALISIERUNG: PM
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Gigantische Bauten: So wird es auf dem Gelände der ehemaligen Großauheim-Kaserne zukünftig aussehen, wenn alles nach Plan realisiert wird. VISUALISIERUNG: PM

Hanau entscheidet sich für den Bau eines Rechenzentrums: Lieber will man mitverdienen, als die Chance zu verpassen.

Hanau - Am Ende war sich die Hanauer Politik weitgehend einig: Die Realisierung des gigantischen Rechenzentrums auf dem Areal der ehemaligen Großauheim-Kaserne (wir berichteten) birgt zwar Risiken, vor allem aber auch riesige Chancen, die die Stadt nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen kann.

Die meisten Stadtverordneten teilten in ihren Redebeiträgen die Auffassung von Oberbürgermeister Claus Kaminsky, dass der Megatrend Digitalisierung auch die nötige Infrastruktur benötige. Und: Lieber hier realisieren und daran mitverdienen, als dass ein solches Projekt ein paar Kilometer entfernt entsteht. So stimmten alle Parlamentarier außer der „Fraktion“ aus Linke und „Die Partei“, die sich enthielt, für die Pläne, die Projektentwickler P3 realisieren will. Sie umfassen neben einem Rechenzentrum mit 180 Megawatt Leistung auch Blockheizkraftwerke und Fotovoltaikanlagen (siehe Kasten). Erste Module sollen im Frühjahr 2024 fertiggestellt sein. Im Juni steht nun die bereits zweite Beteiligung von Behörden und Öffentlichkeit an.

Rechenzentrum in Hanau: Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel

OB Kaminsky brachte die Vorlage ins Parlament ein und frohlockte: Die Rechnungszentrumsstrategie sei ein wichtiger Baustein, wenn es darum gehe, Flächen zu entwickeln, die aufgrund ihrer Lage nur schwer einer anderen Nutzung zuzuführen seien. „Lieber zwei Millionen E-Mails am Tag als 5000 Lkw“, so der OB. Er erinnerte daran, dass die Stadt in den letzten Jahren mehrere Logistiker „des Feldes verwiesen“ habe, die Interesse an der Entwicklung der Großauheim-Kaserne hatten. Kaminsky stellte die Innovationskraft des Projektes heraus. Er verschwieg nicht, dass einige Risiken als „Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel“ stünden. Sorgen wegen angeblich abgesonderter elektromagnetischer Strahlung müsse sich allerdings niemand machen, versuchte Kaminsky, öffentlich geäußerte Bedenken zu entkräften. „Eine solche Strahlung würde ja die Servertechnik in Gefahr bringen, und das ist natürlich ausdrücklich nicht der Fall.“

Der OB hob hervor, die Stadt habe mit dem Investor einen städtebaulichen Vertrag mit Vereinbarungen zum Thema Nachhaltigkeit verhandelt. Diese seien auch in nachgelagerten Verträgen zwischen dem Investor P3 und den zukünftigen Nutzern zu berücksichtigen. Sie orientierten sich laut OB am Umweltzeichen Blauer Engel. Kaminsky betonte, unter anderem sei vereinbart worden, dass der Strom bei Inbetriebnahme zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen müsse, fünf Jahre später sogar zu 100 Prozent.

Der Lageplan zeigt, wie sich die Gebäude mit Rechenzentren auf dem Areal verteilen werden. Im südlichen Zipfel sollen Fotovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerke entstehen.

Thomas Straub erinnerte für die SPD daran, dass Frankfurt der größte Internetknotenpunkt Deutschlands sei. „Rechenzentren sind das Herz und der Motor der Digitalisierung“, so der Sozialdemokrat. Von dieser profitiere jeder, unter anderem durch die Möglichkeit von Videokonferenzen, die viele Fahrten per Auto oder gar Flüge einsparten. „Es ist gut, dass wir es machen“, betonte Straub mit Betonung auf dem „wir“.

Hanau: Rechenzentrum als Energiefresser

CDU-Fraktionsvorsitzende Isabelle Hemsley erklärte, die Vielzahl an digitalen Nutzungen erhöhe den Bedarf. Man könne zwar nicht abstreiten, dass Rechenzentren Energiefresser seien, aber in der Abwägung ziele das Vorhaben in die richtige Richtung. Grünen-Fraktionschef Stefan Weiß hob ebenfalls den Stromverbrauch hervor. Ein Wermutstropfen sei, dass die Notstromaggregate mit Diesel liefen. Weiß mahnte an, die von Hanau angepeilte Klimaneutralität nicht aus den Augen zu verlieren.„Würden wir es nicht machen“, so Henrik Statz, „würde es woanders entstehen und damit auch zugunsten des Gewerbesteuer-Portemonnaies einer anderen Kommune.“ Auch wegen der Auswirkungen der Corona-Krise gelte es jetzt, die Einnahmeseite zu stärken. Statz nennt die Möglichkeit der Vermarktung der im städtischen Besitz befindlichen Konversionsfläche eine „glückliche Fügung“. Der Bedarf der Rechenleistung werde sich in den kommenden Jahren verzehnfachen. Projekte wie das in Hanau lockten zudem Wissenschaft, Start-ups und andere Unternehmen an. „Wir wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir diesem Antrag nicht zustimmen würden“, so Statz abschließend.

Das ist geplant

Der Projektentwickler P3 will auf dem ehemaligen Militärareal Gebäude für die Ansiedlung von Rechenzentren mit einer Anschlussleistung im Endausbau von 180 Megawatt errichten. Dies entspricht etwa der doppelten Jahresleistung der Stadt Hanau inklusive der Großindustrie der letzten Jahre. Es wird damit eines der größten Rechenzentren Europas. Hintergrund der Ansiedlung ist die Nähe zum Internetknoten DE-CIX in Frankfurt, der gemessen am Datendurchsatz einer der größten der Welt ist. Die Stadtwerke Hanau planen laut Vorlage in Kooperation mit ihrer Muttergesellschaft Mainova zudem auf einer Teilfläche die Errichtung von vier Blockheizkraftwerken zur klimafreundlichen Fernwärmeerzeugung, um nach Auslaufen der Lieferverträge mit dem Kraftwerk Staudinger Ende 2024 die Fernwärmeversorgung für die Stadt in eigener Verantwortung sicherzustellen. Hierfür soll das Gebiet an eine bestehende Ferngasleitung angeschlossen werden.

Auf dem südlichen Teil der Großauheim-Kaserne soll zudem eine Freiflächenphotovoltaikanlage mit einer Jahresleistung von rund sieben Megawatt entstehen. Hierfür wird derzeit ein eigenständiger vorhabenbezogener Bebauungsplan aufgestellt. cd

Einzig „Die Fraktion“ kam in der Abwägung aller Faktoren über eine Enthaltung nicht hinaus. Timotheus Barchanski kritisierte neben der Klimabelastung vor allem, dass der Projektentwickler seinen Hauptsitz in Luxemburg habe. Er stellte auch die Frage, welche Konsequenzen oder Sanktionen es zur Folge habe, sollten Abmachungen aus dem städtebaulichen Vertrag nicht eingehalten werden. Dies sei nicht geregelt.

(Von Yvonne Backhaus-Arnold Und Christian Dauber)

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