Feriengespräch

Lisa Criseo-Brack leitet den Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Hanau

Lacht gern: Lisa Criseo-Brack im Gespräch mit HA-Redakteurin Yvonne Backhaus.
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Lacht gern: Lisa Criseo-Brack im Gespräch mit HA-Redakteurin Yvonne Backhaus.

Es gibt Menschen, die haben die Gabe, sich einzulassen – auf die Situation genauso wie auf den Gesprächspartner. Zugewandt sein, nennt es Lisa Criseo-Brack. Vielleicht ist es die wichtigste Eigenschaft, die sie für ihre tägliche Arbeit braucht. Seit Mai 2015 leitet sie den Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst (AKHD) in Hanau. Mehr als 20 dieser Einrichtungen gibt es in ganz Deutschland. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter begleiten Kinder und Jugendliche, die eine Erkrankung haben, an der sie frühzeitig sterben werden.

Hanau – Wir treffen Lisa Criseo-Brack in den Räumen an der Hospitalstraße. Hier ist alles hell und bunt und offen. Es gibt eine Spielecke, eine kleine Küchenzeile, Arbeitsplätze und einen großen Tisch in der Mitte des Raums. An den Wänden hängen Kinderbilder, eine Front wird von einem Landschaftsmotiv mit einem großen Baum bedeckt. An seinen Zweigen hängen nicht nur Blätter, sondern auch Fotos. Mehr als 15 sind es.

Sie zeigen Jungen und Mädchen, einige lachen in die Kamera. An manchen Bildern sitzt ein kleiner Schmetterling. „Diese Kinder“, sagt die 54-Jährige, „sind schon gestorben. Der Ehrenamtler, der die Familie begleitet hat, darf den Schmetterling im Beisein der anderen Helfer nach dem Tod des Kindes an das Foto kleben.“ Ein Ritual. Ein gemeinsames Abschiednehmen. „In der Hospizarbeit“, sagt Criseo-Brack, „ist das Netzwerk das Wichtigste. Man braucht einander, man ist in der Sorge miteinander verbunden.“ Vielleicht ist es dieser Gedanke, der die Frankfurterin vor fast 15 Jahren zum Deutschen Kinderhospizverein brachte. Für die studierte Germanistin, die viele Jahre lang in einem Verlag unter anderem im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig war und drei Kinder groß gezogen hat, war es keine Frage, sondern „eine Bürgerpflicht“, sich irgendwann ein Ehrenamt zu suchen.

Im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein hatte sich die Mutter schon engagiert, aber eigentlich etwas gesucht, „das sinnvoller ist, als Brötchen auf dem Fußballplatz zu verkaufen“. In der Zeitung las sie vom Hospizverein. An die erste Familie, die sie nach ihrem Qualifizierungskurs begleiten durfte, erinnert sich Criseo-Brack noch ganz genau: Das sechs Monate alte Baby war an Krebs erkrankt, hatte einen Tumor im Kopf. Der kleine Junge hat die Krankheit überlebt, ist heute 13 Jahre alt.

Engagiert sich seit fast 15 Jahren in der Hospizarbeit: Lisa Criseo-Brack. Sie und viele Ehrenamtliche begleiten Familien mit Kindern, die eine Erkrankung haben, an der sie frühzeitig sterben werden.

Aus dem Ehrenamt ist im Laufe der Jahre Beruf und Berufung gleichermaßen geworden. Criseo-Brack hat erst im Verein in Frankfurt mitgearbeitet. Als es dort immer mehr Anfragen aus der Region rund um Hanau gab, lag die Überlegung nahe, hier eine Zweigstelle aufzubauen. Allein es hat sich niemand gefunden, der diesen Job übernehmen wollte. „Bevor es niemand macht, mache ich’s“, erklärte die taffe Frau mit den kinnlangen braunen Haaren und den grünen Augen ihrem Chef. Seit Mai 2015 gibt es den eigenen Dienst. Lisa Criseo-Brack hat sich weiterqualifiziert, trägt heute den Titel Koordinationsfachkraft, deutschlandweit gibt es noch 79 weitere Koordinationsfachkräfte im Verein. Statt einer Halbtagsstelle arbeitet sie mittlerweile in Vollzeit und gemeinsam mit zwei weiteren Teilzeitkräften beim AKHD. 23 Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 26 Jahren begleiten die Ehrenamtler aus Hanau aktuell – und deren Familien. Die kommen nicht nur aus der Brüder-Grimm-Stadt und dem Altkreis Hanau, sondern auch aus Rodgau, Hainburg und Obertshausen.

Melden sich Familien aus Gründau oder Gelnhausen verweisen die Hanauer an den Ambulanten Kinderhospizdienst der Malteser in Gründau. Auch hier sind Netzwerk und Zusammenarbeit das A und O.

Der Verein ist von Jahr zu Jahr gewachsen: Heute sind 49 ehrenamtliche Helfer, die Mehrzahl davon sind Frauen, an Bord. Welcher Helfer passt, entscheiden Criseo-Brack und ihre Kollegen nach dem Erstgespräch mit der Familie. Fahrt- und Telefonkosten, Miete fürs Büro: 75 Prozent der Ausgaben, die anfallen, werden über Spenden getragen, der Rest über Förderungen, zum Beispiel über die Krankenkassen oder über Stiftungen.

In den Vorbereitungskursen, die abends und am Wochenende stattfinden und drei bis vier Monate dauern, gehe es darum, die hospizliche Haltung zu verinnerlichen. Was bedeuten Krankheiten für eine Familie? Wie gehe ich mit dem Thema Sterben um? Hatte ich selbst Gelegenheit, Abschied zu nehmen?

In der Trauer und in der Aufarbeitung vereint: Die vielen ehrenamtlichen Helfer des AKHD treffen sich regelmäßig zum Austausch.

„Als Helfer“, erklärt Lisa Criseo-Brack, „muss man sehr offen, positiv in seiner Lebenseinstellung und geerdet sein. Und man muss sich zurücknehmen können, weil es um die Familien und deren Bedürfnisse geht.“

Die Hilfen können klein sein. „Wir organisieren, dass die Mama mit den beiden gesunden Kindern zum Schwimmkurs gefahren wird und in dieser Zeit jemand mit dem kranken Kind spazieren geht“, erklärt die 54-Jährige. Auch gemeinsame Ausflüge, Geschwistertreffen oder das Kontakthalten nach dem Tod eines Kindes gehören dazu.

Und manchmal, wenn es doch zu viel wird, wenn es einem zu nahe geht, „darf ich auch weinen“, sagt Lisa Criseo-Brack, die sich ihrer Tränen nicht schämt. „Es darf mich beschäftigen und es darf mich berühren.“ Die Familien, die sie manchmal über Jahre begleiten, wissen die Hilfe zu schätzen. Sie melden sich regelmäßig, schicken ein Foto aus dem Urlaub oder eine Postkarte. Während der Corona-Zeit haben sie von Hanau aus Päckchen mit Bastelsachen auf den Weg gebracht.

Seit Mai 2015 hat der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Hanau seine Räume an der Hospitalstraße.

Die Frau mit den italienischen Wurzeln (Mutter und Vater stammen aus Süditalien) bastelt selbst auch gern, am liebsten Origami. Criseo-Brack ist Mitglied im Origamiverein Deutschland. Überall im Büro hängen kleine Kunstwerke. Das Tun mit den Händen entspanne, sagt die Frankfurterin, die außerdem gern laut italienische Musik hört, Spaziergänge und das Kochen liebt. Die Liebe zum Essen komme sicher wegen der italienischen Wurzeln, erklärt sie und lacht.

All die Namen und Fotos am Baum rufen Erinnerungen wach. Zu jedem Kind kann Criseo-Brack eine Geschichte erzählen. „Ich bin dankbar“, sagt sie schließlich, „weil ich heute weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, gesunde Kinder zu haben.“

Von Yvonne Backhaus-arnold

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