Defekter Magazinbalg ist repariert

„Lunge“ der Nikolaus-Orgel atmet wieder

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Orgelbauer Christoph Raab kennt sein „Baby“: Der Organist prüft den Klang des mit 1 945 Pfeifen bestückten Instruments in der St. Nikolaus-Kirche.

Steinheim - Nun ist er wieder eingebaut – der Magazinbalg in der 1994 als Oberlinger-Orgel konzipierten Orgel in der Gemeindekirche von St. Nikolaus. Von Holger Hackendahl 

Die rund 200 Liter Luft fassende „Hauptlunge der Orgel“ kann nun wieder atmen und die sechs kleineren Bälge im Orgelgehäuse mit ausreichend Luft speisen. Alle 1 945 Orgelpfeifen in 30 Registern ertönen wieder in vollem Klang zum Lob Gottes. „Unserer Orgel ging die Luft aus, weil der Magazinbalg plötzlich beschädigt war. Im Dezember entstand dort ein größerer Riss im Balg“, erklärt Organist Richard Mallmann, der die Orgel seit mehr als 40 Jahren spielt. Das Schafleder war offenbar porös geworden, die Luft konnte an den Ecken und vor allem über einen größeren Riss aus dem Balg entweichen.

Die Stelle wurde zwar notdürftig repariert, eine Sanierung des Magazinbalgs war jedoch unumgänglich. Denn ein durchgehender Riss an der Balgfalte zum Holzkorpus machte das weitere Bespielen des Kircheninstruments kaum mehr möglich, konstatierte Mallmann. „Die letzten zweieinhalb Wochen war die Oberlinger-Orgel dann gänzlich verstummt. Die Gottesdienste wurden stattdessen musikalisch mit Hilfe einer digitalen Elektronikorgel untermalt“, berichtet Organist Mallmann.

Ulrich Plenz legt letzte Hand am reparierten Magazinbalg an, den er anschließend wieder in die Orgel einbaute. Nun sei die Orgel wieder voll spielfähig, verspricht der Experte.

Der defekte Magazinbalg wurde von den Orgelbauern Ulrich Plenz und Christoph Raab zwischenzeitlich ausgebaut und in ihrer Orgelwerkstatt in Bad Kreuznach generalüberholt. Während Orgelbauer Plenz für die Technik der Orgel zuständig ist, ist seine Kollege Raab als Organist für den Klang der Orgel verantwortlich. „Die Orgel in der St. Nikolaus-Kirche ist eine technische Oberlinger-Neukonzeption, die in einem Schlimbach-Orgelgehäuse eingebaut wurde.“ Die Orgelbauer kennen ihr „Baby“, wie sie selbst sagen, ganz genau. Nach der Insolvenz der bekannten Orgelbaufirma Oberlinger im Jahr 2008 haben sich die beiden Orgelbauer selbstständig gemacht. Seither kümmern sie sich mit jährlichen Wartungen um die Orgel in der St. Nikolaus-Kirche, aber auch um die Orgel in der Steinheimer Marienkirche.

Wie die erfahrenen Handwerker anhand des Zustands des porösen Leders feststellten, musste der mit Schafleder überzogene Holzkorpus komplett neu bezogen werden. „Eigentlich wollten wir das vor Ort machen, entschlossen uns dann aber doch, ihn in unsere Orgelwerkstatt zu bringen“, erläutert Ulrich Penz. Dort sei nämlich notwendiges Spezialwerkzeug vorhanden.

Als Hindernis erwies sich die enge Wendeltreppe von und zur Empore der St. Nikolauskirche. „Das war echte Millimeterarbeit“, sagt Penz. Die beiden erfahrenen Orgelbauer sind froh, den reparierten Magazinbalg wieder dorthin bekommen zu haben, wo er hingehört. Nur hochkant konnte die „Orgellunge“ die engen Windungen der Sandsteintreppe passieren.

Kleine Dörfer und großer Klang - Orgeln in Ostfriesland

„Die Ursachen für die Schädigung des Leders sind vielfältig. Fehlende Luftfeuchtigkeit, Temperaturschwankungen unterm Jahr oder auch zu viel Kerzenruß, Schmutz und aggressive Luft können das Leder schädigen“, wissen die beiden Orgelbauer. Allerdings gebe es auch viele Jahrzehnte alte Bälge, die trotz ihres hohen Alters noch immer einwandfrei funktionierten. „Während der zweiwöchigen Reparatur in unserer Orgelwerkstatt wurde der Magazinbalg komplett in alle Einzelteile zerlegt“, erklärt Orgelbauer Plenz. „Deckel und Rahmen wurden getrennt, der alte Lederüberzug entfernt und die aus tierischem Darm bestehenden Scharniere zwischen den Holzplatten ausgebohrt.

Zur Reparatur der „Orgellunge“ wurde dann zwischen und an den Holzplatten neues Schafleder aufgeklebt, die Scharniere erneuert und – um das Leder geschmeidig zu halten – final mit Talkum bestrichen. Am vergangenen Montag bauten die Orgelbauer den Magazinbalg durch eine seitliche Öffnung des Gehäuses wieder in die Orgel ein. Der Magazinbalg wird mit Hilfe eines elektrischen Gebläses mit Luft gespeist und hält diese mittels mechanischem Regler auf stabilem Winddruck, erläutern die Experten. „Nun ist die Orgel wieder voll spielfähig“, sind sich Ulrich Plenz und Christoph Raab sicher.

Die Reparaturkosten belaufen sich auf rund 8 000 Euro, die aus Eigenmitteln der Kirchengemeinde finanziert werden müssen, sagt Organist Mallmann. Daher habe man bereits verschiedene Spendenaktionen in der Gemeinde geplant.

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