„Mitunter verspielen die Alten die Zukunftschancen der Jugend“

Interview mit dem scheidenden Landrat Erich Pipa (SPD)

Main-Kinzig-Kreis - Im Main-Kinzig-Kreis geht heute eine Ära zu Ende, die Ära Erich Pipa. Zwölf Jahre, seit dem 18. Juni 2005, war der SPD-Politiker, der morgen seinen 69. Geburtstag feiert, Landrat des bevölkerungsreichsten Landkreises in Hessen.

Zuvor hatte Pipa bereits seit 1987 als Erster Kreisbeigeordneter in hauptamtlicher Funktion dem Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises angehört. Somit hat Pipa drei Jahrzehnte lang in verantwortlicher Position die Geschicke des Main-Kinzig-Kreises mitbestimmt. Der SPD-Politiker ging dabei oft auch unkonventionelle Wege und machte damit zum Teil bundesweit Schlagzeilen. Um seine Ziele zu erreichen, schonte Erich Pipa weder politische Freunde noch Gegner. Er konnte kräftig austeilen, musste dafür aber auch kräftig einstecken. Im Interview mit Redakteur Dirk Iding zieht Erich Pipa eine Bilanz seiner Arbeit.

Landrat im Ruhestand Erich Pipa – wie hört, wie fühlt sich das für Sie an?

Das hört sich jetzt noch überhaupt nicht gut an. Und, wenn ich ehrlich bin, kann ich mir das auch noch gar nicht so richtig vorstellen. Denn es ist ja nicht so, dass ich jeden Morgen mit Unlust ins Büro gefahren wäre. Im Gegenteil: Mir hat die Arbeit als Landrat immer Spaß gemacht, etwas zu bewegen, Leuten helfen zu können. Aber andererseits: 52 Jahre im Berufsleben sind ja auch wirklich genug. Jetzt müssen auch mal die Jüngeren ran.

Sie werden aber Ihre Arbeit, die Politik vermissen?

Ich denke schon. Aber eines habe ich mir ganz fest vorgenommen und daran werde ich mich halten: Ich werde mich nach dem 18. Juni nicht mehr zur Politik im Main-Kinzig-Kreis äußern und mich ganz heraushalten. Das hat mein Amtsvorgänger Karl Eyerkaufer so gehalten und das werde ich auch so machen. Alles andere gehört sich auch nicht.

Dabei waren Sie Zeit Ihres politischen Lebens immer sehr meinungsfreudig, haben selten hinter dem Berg gehalten. Haben Sie politische Vorbilder?

Ganz klar: Willy Brandt und Helmut Schmidt, obschon das durchaus unterschiedliche Typen waren. Aber an beiden hat mit gefallen, dass sie auch mal neben der Spur gefahren sind. Willy Brandt beispielsweise mit seiner damals hochumstrittenen Ostpolitik. Er hatte eine Vision und er sollte Recht behalten. An solchen Persönlichkeiten, die auch mal was riskieren, fehlt es heute in der Politik.

Hat Brandt Sie für die Politik begeistert?

Mein Herz für die Politik hatte ich schon viel früher entdeckt, damals in Fulda, wo meine heimatvertriebenen Eltern ein neues Zuhause fanden und ich geboren wurde. Ich weiß noch ganz genau: 1957 hatte mein Vater Plakate vom Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) geklebt und wurde dafür sogar von der Kirchenkanzel als „Kommunist“ beschimpft. Das empfand ich als so ungerecht - und ich hasse Ungerechtigkeit.

Ihr gesamtes berufliches Leben haben Sie im Main-Kinzig-Kreis verbracht, obschon Sie als Landrat zum Teil bundesweit für Schlagzeilen sorgten, etwa in den 90er Jahren mit ihren „Neuen Wegen in der Sozialpolitik“. Hat Sie die große Politik nie gereizt?

Um Gottes Willen, in Berlin mit all den Formalien dort, da wäre ich wahrscheinlich vor die Hunde gegangen. Als Landrat, hier direkt vor Ort, da kannst du doch noch wirklich was bewegen. Da kennt man die Leute, bringt sie an einen Tisch und man versucht, gemeinsam Probleme zu lösen. Das war es, was ich immer wollte.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Gab es denn Angebote aus der großen Politik?

Ich erzähl‘ Ihnen mal was: Damals, als es um die Agenda 2010 ging und ich mich mit dem damaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement öffentlich heftig darüber stritt, dass den Kommunen die Verantwortung für Langzeitarbeitslose übertragen werden sollte, da hat mir der Clement mal gesagt, ich wäre ja ein guter Mann und in Berlin wäre ein Posten als Staatssekretär frei. Da hab ich ihm gesagt: Wolfgang, wenn Du morgen zum Gerhard (Bundeskanzler Gerhard Schröder, Anm. d. Red.) gehst und ihm sagst: Gerhard, ich trete zurück, ich habe einen besseren Wirtschaftsminister gefunden, dann komme ich... Da ist der der Clement fast aus allen Wolken gefallen.

Aber er ist nicht zurückgetreten...

Gottlob, denn Berlin wäre nichts für mich gewesen.

Aber die bereits erwähnten „Neuen Wege in der Sozialpolitik“, die Sie in den 90er-Jahren einschlugen, waren schon Ihr wichtigstes politisches Projekt, oder?

Zumindest eines der wichtigsten Projekte, insbesondere weil auch auf unsere Initiativen hin das Grundgesetz in Teilen geändert wurde, damit Optionskommunen wie der Main-Kinzig-Kreis die Verantwortung für Langzeitarbeitslose übernehmen konnten. Aber es gab so viele andere Projekte, die mir auch unheimlich wichtig waren. Die Sache mit dem Wohnstift zum Beispiel...

Hanaus größtes Altenheim, das der Kreis auf Ihre Initiative hin in einer Zwangsversteigerung erwarb.

Ja. Das privatbetriebene Altenheim war damals von einer Insolvenz in die nächste geschlittert. Die Beschäftigten hatten zuletzt sieben Wochen keinen Lohn mehr bekommen und haben sich dennoch weiter um die Bewohner dort gekümmert. Und jetzt sollte das Wohnstift bei einer Zwangsversteigerung erneut verscherbelt werden. Da habe ich kurzerhand beim Termin vor dem Amtsgericht Hanau mitgeboten, obschon ich wegen der Kürze der Zeit noch nicht mal alle Gremienbeschlüsse des Kreises hatte. Ich wusste ja, dass ich die Beschlüsse bekommen würde. Aber wenn nicht, hätte ich als Privatmann ein Altenheim besessen. Manchmal muss man eben unkonventionelle Wege gehen, so wie zuletzt beim Breitbandausbau im Main-Kinzig-Kreis, auch so ein Ding. Da haben auch viele gesagt, das kriegt ihr nie hin, das endet im Desaster, du verschleuderst 50 Millionen Euro Steuergeld. Und jetzt ist der Breitband-Ausbau so gut wie abgeschlossen und unsere Breitband GmbH wird nicht wie ursprünglich geplant im Jahr 2022, sondern schon ab 2018 schwarze Zahlen schreiben. Von der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit her, ist der Breitbandausbau mein wichtigstes Projekt.

Das ausführliche Interview lesen Sie heute in der Printausgabe der Offenbach-Post.

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