Impfung

Mitarbeiter üben Kritik: DRK-Chef Stefan Betz wurde im Januar gegen Corona geimpft

Corona, Impfung, Spritze
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Die Impfung ist momentan eines der Kernthemen in Deutschland.

Die Nachfrage ist sehr groß, der Impfstoff knapp: Deswegen gibt es die Impfverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit. Hier ist ganz genau geregelt, wer wann an der Reihe ist. Priorität haben vor allem Menschen über 80 Jahren – außerdem Bewohner von Pflegeheimen, Pflegekräfte dort, Mitarbeiter auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und Rettungsdiensten.

Hanau/Main-Kinzig-Kreis – In den vergangenen Tagen sind jedoch einige Vordrängler ins Licht der Öffentlichkeit gerückt worden – meist natürlich nicht freiwillig. Der Bürgermeister in Hennef hat sich am Abend des ersten Impftages in einem Seniorenheim impfen lassen. Der ehemalige Bürgermeister, heute DRK-Chef vor Ort, wurde auch schon frühzeitig mit dem begehrten Stoff versorgt. Das DRK in Hamburg-Harburg hat seinen Chef suspendiert, in Oberhausen ließ sich sogar ein Bezirksapostel impfen. In der Fernsehsendung „Frontal 21“ entschuldigte er sich dafür. Deutschlandweit mehren sich die Fälle, zuletzt machte der Hessische Rundfunk (HR) öffentlich, dass sich die ehrenamtliche Präsidentin des DRK-Kreisverbandes Fulda Ende Januar in einem DRK-Altenheim hat impfen lassen.

Möglich sei das laut HR gewesen, weil die Altenheime im Landkreis die Hoheit über die Zusammenstellung der Impfliste haben. Sie reichen die Listen beim Kreis ein, heißt es in dem Beitrag. Die Ärzte und ihre Helfer bekommen sie dann ausgehändigt. Eine Kontrolle, ob die Personen darauf auch tatsächlich impfberechtigt sind, findet nicht statt.

Kritik gibt es jetzt auch von Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes in Hanau. Sie bemängeln, dass Geschäftsführer Stefan Betz sich hat impfen lassen, obwohl er gar keine Priorität und schon seit Jahren nicht mehr im Rettungswagen gesessen habe.

Betz bestätigt die Impfung

Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigte Betz, dass er am 13. Januar bei einer internen DRK-Impfung gegen das Coronavirus geimpft wurde. Die Impfung wurde von Dr. Silke Hoffmann-Bär, der künftigen Leiterin des Hanauer Gesundheitsamtes, durchgeführt. „An diesem Nachmittag musste kurzfristig die Verwendung von 24 Impfdosen organisiert werden. Ich erhielt die 24. Impfdosis“, so Betz, der am 4. Februar seine zweite Impfung erhielt.

Stefan Betz wurde im Januar geimpft

Der DRK-Geschäftsführer verweist darauf, dass er und fünf weitere Bereichsleiter „nach einer Beratung mit dem BGM-Team im Rahmen einer bewussten, gemeinsamen Entscheidung“ hierzu im Dezember 2020 angemeldet und auf eine Liste „impfwilliger Mitarbeitender“ an den Main-Kinzig-Kreis geschrieben wurden. Auf der Liste hätten 64 Personen gestanden, zudem habe es eine Unterscheidung der Personengruppen gegeben. Betz: „Wir haben aufgrund der Systemrelevanz unseres Rettungsdienst-Leitungsteams gemeinsam die Entscheidung getroffen, die sechs Leitungskräfte für die Impfung anzumelden.“ Man habe vermerkt: „keine Patientenversorgung“, „kritisch betriebsrelevant“. „Ja“, so Betz in seiner Stellungnahme, „kritisch betriebsrelevante Mitarbeiter des Rettungsdienstes wurden hierbei auch abgefragt.“

Impfung erfolgte nicht kurzfristig

Betz führt weiter aus, dass das Leitungsteam täglich Kontakte mit Rettungsdienst-Mitarbeitern habe und deswegen einem zusätzlichen Infektionsrisiko ausgesetzt sei. „Wir halten die Impfung dieses Personenkreises auch für wichtig und zeitkritisch“, erklärt Betz, der von sich selbst sagt, er gehe mit gutem Beispiel voran und unterstütze die Arbeit an den verschiedenen Einsatzstellen und bei Bedarf auch im Rettungsdienst. Er arbeite nicht vom heimischen Schreibtisch aus, sondern vor Ort. „Im Notfall springe ich selbst ein – auch im Rettungsdienst“, so Betz, der darauf verweist, dass Stand heute „alle 64 Personen [der Liste] längst geimpft sind“.

Von „kurzfristig“ könne keine Rede sein, erklären die Mitarbeiter. Nicht erst am Nachmittag des 13. Januar sei die Impfung organisiert worden, sondern bereits am Tag zuvor. Zudem sei das BGM-Team (Betriebliches Gesundheitsmanagement) keine neutrale Institution. Es bestehe aus zwei Personen, von denen einer der Bereichsleiter sei, der auch geimpft wurde.

Aus anderen Rettungsdiensten heißt es, die Impfungen würden so gehandhabt wie es die Priorisierung vorsehe. Verwaltungsmitarbeiter würden in puncto Impfreihenfolge wie jeder Normalbürger behandelt, ansonsten gelten die allgemeinen Hygienevorschriften.

Simmler dementiert ihr Wissen von der Impfung

Im Hospizdienst, der auch zur Kategorie eins zählt, seien, so Annette Böhmer, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Hospizdienst Hanau/MKK, all jene Mitarbeiter geimpft worden, die Hausbesuche machen und jene, die am Bett sitzen, also Ehrenamtliche, die Sterbebegleitung in stationären Einrichtungen und zu Hause machen. Wer noch nicht geimpft sei, habe jetzt zumindest einen Termin. „Die Verwaltung wurde nicht geimpft“, erklärt Böhmer auf Nachfrage.

„Nein, ich hatte keine Kenntnis von der Impfung. Weder als Vorsitzende des DRK Hanau noch als Gesundheitsdezernentin bin ich über die Namen von einzelnen zu Impfenden informiert – dies entspricht auch nicht den allgemein zugrunde liegenden gesundheitlichen Datenschutzverordnungen“, erklärte Susanne Simmler auf Nachfrage unserer Zeitung. Keine Impfdosis dürfe verfallen oder verderben. Diesem Grundsatz folge der Main-Kinzig-Kreis seit Start der Impfkampagne. „Wir haben daher schon früh entschieden, entsprechend der Coronavirus Impfverordnung auch Mitarbeiter unter anderem im Rettungsdienst mit Außeneinsätzen mit zu bedenken, wenn Impfdosen binnen kürzester Zeit zu verfallen drohen“, so Simmler. „Höchste Priorität haben dabei diejenigen, die in die Einsätze gehen, die auf Kranke oder zu Pflegende treffen, die mögliche Covid-Erkrankte testen, die in Notfallsituationen nicht erst auf das Ergebnis eines Tests warten können. Das Angebot haben alle Rettungsverbände erhalten, die ihrerseits entsprechende Impflisten eingereicht haben, so auch das Deutsche Rote Kreuz. In diesem Zusammenhang ist demnach auch Herr Betz als DRK-Mitarbeiter, der in dem Testzentrum des DRK mitarbeitet und aktiv im Einsatz ist und als Reserve im Rettungsdienst fungiert, geimpft worden.“

DRK reagiert

Das Deutsche Rote Kreuz hatte Anfang Februar erneut an alle Mitgliedsverbände und Gliederungen des DRK appelliert, sich bei den angelaufenen Impfaktionen an die in der Impfverordnung festgelegte Priorisierung der Risikogruppen zu halten. Anlass war ein Vorfall im DRK-Kreisverband Hamburg-Harburg, wo Führungskräfte des DRK mit übrig gebliebenen Impfdosen geimpft wurden. Der zuständige Kreisgeschäftsführer wurde inzwischen von seinem Amt entbunden. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt und DRK-Generalsekretär Christian Reuter erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme: „Zehntausende Helfer des DRK leisten während der Pandemie Unglaubliches, indem sie zum Beispiel Teststationen, Impfzentren und mobile Impfteams betreiben und damit bei der Bekämpfung des Virus an vorderster Stelle stehen. Solche Vorgänge wie im Kreisverband Hamburg-Harburg schaden jedoch dem Ansehen des Deutschen Roten Kreuzes sowohl regional wie auch überregional ganz erheblich. Wir appellieren deshalb an alle Führungskräfte des DRK sowohl im Ehrenamt als auch im Hauptamt, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden.“

Bereits Ende Dezember hatte das DRK in einem Rundschreiben die Mitgliedsverbände darauf hingewiesen, dass bei den Impfaktionen die vorgeschriebene Priorisierung der Risikogruppen eingehalten werden muss. Wenn Impfdosen nicht wie vorgesehen verwendet werden könnten und zu verfallen drohten, müsse bei den Ersatzimpflingen zunächst zum Beispiel an Pflegepersonal oder Mitarbeiter im Rettungsdienst gedacht werden. Die Zugehörigkeit zum DRK allein dürfe in keinem Fall ein hinreichendes Kriterium sein. (Von Yvonne Backhaus-Arnold)

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