Mama kocht, Papa schaut fern

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Puppenkinder mit den äußeren Merkmalen eines Down-Syndroms sind in der meist heilen Puppenwelt in den Kinderzimmern kaum zu finden.

Hanau ‐ Der Blick auf die Seiten des Playmobilkataloges, die an der Vitrine mit der kleinen Welt der bunten Figuren angeheftet sind, zeigt deutlich, um was es bei der neuen Ausstellung in Hessischen Puppenmuseum in Wilhelmsbad geht: Papa sitzt im Sessel vor dem Fernseher, während Mama bügelt. Von Dieter Kögel

Papa liegt gemütlich im Liegestuhl, Mama kehrt die Hofeinfahrt. Jungs lenken Rennwagen, steuern Feuerwehrautos, sorgen als Polizisten für Recht und Ordnung oder sind Herr über gigantische Baumaschinen. Die Mädchenwelt findet hingegen zwischen Herd und Waschmaschine statt. Rollenbilder, über die es sich laut Museumsleiterin Dr. Maren Raetzer lohnt nachzudenken, wie sie am Sonntag bei Eröffnung der Ausstellung „Gemeinsam - Puppen für Integration und Vielfalt“ betonte.

„Eine pädagogische Ausstellung ohne erhobenen Zeigefinger,“ mit der das Puppenmuseum auch seinem Bildungsauftrag gerecht werde, lobte der Vorsitzende des Fördervereins, Helmut Geyer, die neue Präsentation. Und Hanaus Kulturbeauftragter Klaus Remer legte in seiner Begrüßung dar, dass dem Anderen, dem nicht Bekannten, oft mit Misstrauen begegnet werde. Aber als Rassist werde man nicht geboren. Vielmehr bestimme die Sozialisation im Umgang mit dem Anderen die späteren An- und Einsichten. „Wertvolle Anregungen für die Erziehung unserer Kinder“ liefere deshalb die Sonderausstellung, die noch bis zum 18. April zu sehen ist.

Augen sind europäisch, nicht mandelförmig

Zu sehen ist nicht nur die Rollenfestlegung im Playmobil-Diorama. Auch die in Japan sehr verbreiteten „Licca- Puppen,“ die dort die Rolle spielen, die „Barbie“ im Westen hat, verleiten zu Aha-Erlebnis. Denn die kleinen Wesen aus Kunststoff haben keine asiatischen Merkmale mehr. Die Augen sind europäisch, nicht mandelförmig, wie bei den traditionellen Puppen, von denen auch einige zu sehen sind. Durch die Licca-Puppen werden die japanischen Kinder auf Äußeres geprägt, das für sie unerreichbar ist. Ähnlich wie die schwarzen Kinder in den USA, deren Puppen meist weiß sind. Zwar kamen „Negerpüppchen“ vor rund 100 Jahren auf den Spielzeugmarkt, doch sie blieben Exoten bis zum heutigen Tag.

Ebenso wie Puppen mit Behinderungen. Zwei kleine Gestalten mit den äußeren Merkmalen des Down-Syndroms schauen aus einer Vitrine. Doch zum Alltag in Erziehungseinrichtungen gehören solche Puppen noch lange nicht. Dabei geht es laut Dr. Maren Raetzer gar nicht einmal so sehr darum, dass mit den Puppen gespielt wird. „Es genügt, wenn sie einfach da sind,“ und so zum selbstverständlichen und alltäglichen Umfeld gehören.

Dass mit dem Puppenspiel häufig auch ein Familienbild transportiert wird, das der gesellschaftlichen Realität in weiten Teilen nicht mehr entspricht, ist für die Museumsleiterin ein weiterer Knackpunkt. Wo können sich Kinder einordnen, die zwei Väter oder zwei Mütter haben, wo positionieren sich die „Patchworkfamilien?“

Mit den so genannten „Persona Dolls“ werden neue pädagogische Wege gegangen. Die großen, relativ einfach gehaltenen Stoffpuppen haben Namen, einen Familienhintergrund, Vorlieben und Abneigungen, werden von Kindern in Kindertagesstätten schnell als Freunde akzeptiert, mit denen ein offenes Wort auch über schwierige Themen möglich ist. Petra Beutel vom Projekt „Kinderwelten“ in Berlin stand nach der Ausstellungseröffnung interessierten Gästen zur Verfügung und informierte über den Ansatz zur vorurteilsbewussten Erziehung.

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