Gericht

Sektenprozess: Gutachter hält Angeklagte Sylvia D. für schuldfähig

Im Rampenlicht: Der forensisch-psychiatrische Gutachter Dr. Dieter Marquetand sagt im Mordprozess gegen Sylvia D. vor dem Landgericht aus. 
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Im Rampenlicht: Der forensisch-psychiatrische Gutachter Dr. Dieter Marquetand sagt im Mordprozess gegen Sylvia D. vor dem Landgericht aus. 

Es ist der 20. Tag der Hauptverhandlung im Mordprozess um den getöteten Jan H. vor der Schwurgerichtskammer. Dr. Dieter Marquetand, der forensisch-psychiatrische Gutachter in dem spektakulären Prozess, hat bislang viele Fragen an die Zeugen gestellt. 

Hanau - Diesmal wechselt er auf den Zeugenstuhl und erstattet sein Gutachten. Mehr als zwei Stunden sagt er aus, fügt der Gerichtsakte 40 neue Seiten hinzu – ein schriftliches Psychogramm der wegen Kindesmords angeklagten Sylvia D. , die seit Jahrzehnten vorgibt, mit Gott im persönlichen Kontakt zu stehen – und die als mutmaßliche Sektenführerin noch immer Menschen um sich schart, die das offenbar glauben.

„Ob es sich nun um eine geschlossene religiöse Gruppierung oder um eine Sekte handelt – aus psychologischer Sicht ist das völlig irrelevant“, stellt der Gutachter fest, der vor allem die Schuldfähigkeit der Angeklagten zu untersuchen hat. D. hat mit ihm nicht gesprochen, Marquetand muss sich auf den Akteninhalt und sämtliche Aussagen der bislang gehörten Zeugen stützen.

Aber seine Diagnosen sind eindeutig: Die ausufernden Monologe und langen Beschimpfungen aus den abgehörten Telefonaten, das manipulative Auftreten und die schweren Drohnungen zeigten, dass „Frau D. die Nummer eins in der Gruppierung“ war und ist. Sie habe durchgehend das Denken und Tun der Gruppe bestimmt.

Diese religiöse Selbstdarstellung und -überschätzung sei zwar „schwer abnorm“, stelle aus medizinischer Sicht aber keine Psychose dar. „Ich komme zu dem Ergebnis, dass kein krankhafter Verlauf vorliegt“, so Marquetand. Allerdings diagnostiziert er eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung, die auch im Tatzeitraum um den 17. August 1988 vorgelegen habe.

„Es gibt mehrere Kriterien, von denen für eine solche Diagnose drei zutreffen müssen“, so Marquetand weiter: „Frau D. erfüllt alle Charakteristika.“ Sie weiche deutlich von den Normen ab durch ihre skurrilen Glaubensvorgaben. Die übelsten Beschimpfungen seien ein Beweis für die Affektivität. Zudem sei sie in großem Maße unflexibel. „Wenn man Frau D. kritisiert, dann verliert sie schnell die Fassung.“

Aus allen vorliegenden Beweisen sieht Marquetand zudem einen „manipulierenden Umgang mit anderen Menschen – aus Mangel an Empathie“. Ein Einfühlungsvermögen gebe es bei der Angeklagten überhaupt nicht. „Es ist nicht vorhanden.“

Trotzdem, so der Gutachter, habe D. im Jahr 1988 wissen müssen, dass es nicht richtig sein kann, ein vierjähriges Kind in einen Sack zu stecken. „Sie ist Krankenschwester gewesen. Frau D. müsste bekannt gewesen sein, dass Fixierungen von Patienten, beispielsweise mit einer Zwangsjacke, niemals die Atmung der Menschen behindern dürfen.“

Die Ideologie, Kinder seien angeblich schon in jungen Jahren „schuldig“, sei zwar abstrus, führe jedoch nicht dazu, dass D. keine Einsicht in ihre Handlungen habe. „Das Wissen um das Verbotene kann nicht gefehlt haben“, so der Gutachter, der abschließend „keinerlei Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit“ attestiert.

Zuvor sitzt auf Antrag der Verteidigung ein 49-Jähriger ehemaliger Freund von Martin D. auf dem Zeugenstuhl. Die beiden Rechtsanwälte versuchen, weitere Hintergrundinformationen über den Sohn der Angeklagten zu sammeln, der seine Mutter schwer belastet hat und somit als Hauptbelastungszeuge gilt (wir berichteten). Allerdings kann sich der Ex-Freund kaum noch an die Begebenheiten im Haus erinnern. „Das ist mehr als 25 Jahre her.“

(Thorsten Becker)

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