„200 Jahre Hanauer Union“

Margot Käßmann zur Gast in der Christuskirche

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„Luther wollte einen gebildeten Glauben“: Margot Käßmann blickte in der Christuskirche zurück auf das Jubiläum „500 Jahre Reformation“.

Hanau - 500 Jahre Reformation sind Geschichte, in den Blickpunkt rücken 200 Jahre Hanauer Union – offenbar nicht nur bei evangelischen Theologen: In der Christuskirche drängten sich die Zuhörer, als Dr. Von Oliver Klemt

Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am Montagabend Bilanz zog und Ziele setzte. Vielversprechender Auftakt einer Veranstaltungsreihe, die das protestantische Hanau in einer historischen Sonderrolle zeigt.

Von der ersten Hanauer Landessynode im Frühjahr 1818 gingen laut Propst Bernd Böttner, seit Jahresbeginn Prälat der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck (EKKW), nämlich deutschlandweite, ja europäische Impulse für die Einigung der zersplitterten protestantischen Konfessionen aus. Animiert von der nationalen Einigungsbewegung nach den napoleonischen Kriegen hätten Lutheraner, Reformierte und speziell in Hanau auch niederländisch-wallonische Protestanten Kurs auf die einige evangelische Kirche genommen - damals durchaus mit vaterländischer Begleitmusik und Martin Luther als stilisiertem Nationalhelden.

Diese Rolle steht dem Reformator aus Sicht von Margot Käßmann eben so wenig zu wie die des „gottgesandten Führers“, den später die Nazis aus ihm hätten machen wollen. Dass dem Christentum weder Nationen noch Rassen eigen seien, ist für die EKD-Beauftragte für das Reformationsjubiläum eine wesentliche Lehre aus dem vergangenen Jahr. „Wir haben europäisch gefeiert“, so Käßmann, „weil auch die Reformation ein europäisches Ereignis war“ – im 16. Jahrhundert quasi weltbewegend.

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Zudem habe gemeinsames Erinnern an die Kirchenspaltung die Ökumene vorangebracht: „Das Christliche, das uns verbindet, ist stärker als unterschiedliche Praktiken und Dogmen“, so die Theologin mit Blick in Richtung Vatikan. Dass dort jetzt die Kommunion für evangelische Ehepartner diskutiert werde, sei Folge zweier ökumenischer Jahrzehnte. Auch intern, unter Protestanten, habe die kollektive Rückbesinnung einigend gewirkt: Auch die Baptisten und die Mennoniten, Erben der einst blutig unterdrückte Täuferbewegung, hätten mitgefeiert.

Noch unfertig sei indessen das evangelische Außenbild - angefangen bei der Sprache, oft allzu „kirchenintern“ und daher Glaubensfernen kaum verständlich. Luther, selbst Sprachgenie, könne da helfen: Nicht nur „dem Volk aufs Maul zu schauen“ habe er verlangt, sondern auch die Bibel persönlich in die Volkssprache übersetzt und gefordert, jedes Mädchen und jeden Jungen das Lesen zu lehren. „Luther wollte einen gebildeten Glauben“, betonte Käßmann: „Die Menschen sollen selbst denken und kritische Fragen stellen.“ Eine wichtige Botschaft in Zeiten eines - keineswegs nur islamischen - Fundamentalismus’, der blinden Glauben verlange.

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Auch sonst kann aufgeklärter Protestantismus laut Käßmann im 21. Jahrhundert noch Antworten geben: Hölle, Fegefeuer und Verdammnis? „Lebensängste gibt es auch in unserer Zeit.“ Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit lasse sich ebenso aus der Reformation begründen wie die nach Gleichberechtigung der Geschlechter: „Wer getauft ist, ist Priester, Bischof und Papst“, habe Luther gelehrt. Politisch dürfe, ja müsse Kirche sein - „sie ist es auch, wenn sie schweigt“.

Nicht zuletzt habe die evangelische Kirche sich in der Rückschau dem Antijudaismus ihres Stifters gestellt und sich davon nachdrücklich distanziert. „Das hat wehgetan und es kam sehr spät“, bekannte Käßmann selbstkritisch. Zumal derselbe Luther, der Synagogen brennen sehen wollte, auch anderes schrieb: Jeder Mensch, gleich welchen Glaubens, sei immer Sünder und Gerechter zugleich.

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