Ostern 1960 eingehängt

Marienkirche Steinheim: Glockengeläut feiert 60. Geburtstag

Kurz vor Ostern 1960 wurden die sieben Glocken des Geläuts in den Glockenturm der Steinheimer Marienkirche gehievt. Dafür stellte die US-Armee schweres Gerät zur Verfügung. An Ostern läuterten die Glocken erstmals – und schon bald kamen die ersten Beschwerden. 
Repros: Holger Hackendahl
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Kurz vor Ostern 1960 wurden die sieben Glocken des Geläuts in den Glockenturm der Steinheimer Marienkirche gehievt. Dafür stellte die US-Armee schweres Gerät zur Verfügung. An Ostern läuterten die Glocken erstmals – und schon bald kamen die ersten Beschwerden.

In diesem Jahr hatten die sieben Glocken in der Steinheimer Marienkirche zwei ganz besondere Gründe zum Läuten. Denn in 2020 jährte sich nicht nur am 20. Oktober der 80. Weihetag des Gotteshauses, auch das Geläut selbst feierte einen runden Geburtstag: Es wurde an Ostern 1960, also vor 60 Jahren, in seiner vollen Pracht mit allen sieben Glocken eingehängt.

Steinheim – Damit ist das Geläut der Steinheimer Marienkirche bis heute das Drittgröße im gesamten Bistum Mainz. Und das kommt auch in der heutigen Silvesternacht zum Einsatz.

Bistumsweit verfügen lediglich der Mainzer Dom und Sankt Marien in Offenbach über ein noch größeres Glockenensemble als die Steinheimer Marienkirche. An Ostern 1960 läutete das in der Heidelberger Gießerei Schilling gegossene Großgeläut erstmals, nachdem die Glocken bereits am 14. Februar 1960 vom damaligen Weihbischof Reus geweiht worden waren.

Kurz vor Ostern 1960 wurden die sieben Glocken des Geläuts in den Glockenturm der Steinheimer Marienkirche gehievt. Dafür stellte die US-Armee schweres Gerät zur Verfügung. An Ostern läuterten die Glocken erstmals – und schon bald kamen die ersten Beschwerden.

Das Glockenensemble in der Marienkirche besteht aus sieben Glocken, die Friedrich Wilhelm Schilling 1959/60 in seiner Heidelberger Glockengießerei Schilling gegossen hat. Die sieben Bronzeglocken haben ein Gewicht zwichen 434 Kilogramm (Allerheiligenglocke) und 5276 Kilogramm (Dreifaltigkeitsglocke). Alle Glocken waren 1960 nach ihrer Weihe zunächst mehrere Wochen in der Marienkirche ausgestellt, ehe sie in den großen Stahlglockenstuhl des Seitenschiffturms eingehängt wurde.

„Die Bronzeglocken wurden aus dem Nachlass des Steinheimer Bauunternehmers Heinrich Bauer gestiftet. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Bub mit einem kleinen Gummihammer die Glocken anschlagen durfte“, erzählt Zeitzeuge Reimund „Pat“ Frickel, dessen Großmutter damals Küsterin der Pfarrei St. Johann Baptist war. „An Ostern 1960 haben die sieben Glocken dann das erste Mal geläutet“, erinnert sich Frickel, der turnusmäßig Kontrollen im 41,6 Meter hohen Kirchturm vornimmt.

Kurz vor Ostern 1960 wurden die sieben Glocken des Geläuts in den Glockenturm der Steinheimer Marienkirche gehievt. Dafür stellte die US-Armee schweres Gerät zur Verfügung. An Ostern läuterten die Glocken erstmals – und schon bald kamen die ersten Beschwerden.

Erst vor wenigen Tagen ist Frickel gemeinsam mit Mechaniker David Kloft von der Jakob Höckel-Schneider Turmuhren und Glockentechnik GmbH in Flörsheim die 105 Holzstufen bis zum Glockenstuhl emporgeklettert, um das Geläut in Augenschein zu nehmen. Am auffälligsten ist natürlich die mächtige, fast 5,3 Tonnen schwere Dreifaltigkeitsglocke. „Allein deren Stahlklöppel wiegt rund 150 Kilogramm“, weiß Kloft, während er fast ehrfürchtig das mächtige Geläut inspiziert, für das der Basaltstein-Kirchturm seinerzeit eigens aufgestockt wurde – rund 20 Jahre nach Fertigstellung der Marienkirche, die von 1933 bis 1940 gebaut wurde.

Protest kam übrigens – kurz vor dem Glockeneinhängen – von der Mainzer Bistumsspitze. Es wurde bemängelt, dass das neue Steinheimer Geläut mehr Glocken zähle als der Mainzer Dom. Schlussendlich wurde das Mainzer Geläut auf neun Glocken erweitert und so konnten schließlich die sieben neuen Steinheimer Glocken – auch Dank Hilfe des US-amerikanischen Militärs – in den Glockenstuhl hochgezogen werden. „Man benötigte zum Transport der Glocken und zum Hochziehen schweres Gerät – fünf Tonnen kann man ja nicht einfach eben so reinheben“, erinnert sich Frickel. Immerhin wiegen die sieben Glocken im Marienkirchturm in Summe mehr als 13 Tonnen.

Das zweitgrößte Geläut im Bistum Mainz hängt in der Steinheimer Marienkirche. Es wird regelmäßig inspiziert vom Mechaniker David Kloft.

Aber die Glocken sind nicht nur schwer, sie sind auch ziemlich laut. Und so gab es schon kurz nach dem Einhängen des Geläuts und dem ersten Läuten erste Beschwerden aus der Nachbarschaft – so ist es Pfarrbriefen von 1960 zu entnehmen. Zu laut und zu früh erschallten die Glocken, beschwerte man sich. „Deswegen wurden im ersten Jahr die vier Kirchturmuhren nachts abgestellt“, erinnert sich Frickel.

Mittlerweile ist das volle Geläut der Steinheimer Marienkirche jeden Samstag um 16 Uhr zu hören. Beim so genannten „Plenum“ werden alle sieben Glocken angeschlagen. Und auch in der kommenden Nacht leuten sie das neue Jahr ein.

Sehr geehrte Leser*innen, in einer früheren Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, dass das Glockengeläut in Steinheim das zweitgrößte im Bistum Mainz sei. Das war ein Fehler und wir bitten, dies zu entschuldigen.

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