Blick zurück

Menschen und Maschinen: Marianne Sin-Pfältzer fotografierte vor 60 Jahren beim Hanauer Anzeiger

Dahinter stecken alte wie junge Köpfe: Eine Mitarbeiterin liest in der Rotation des HA mit einem Kind den HANAUER.
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Dahinter stecken alte wie junge Köpfe: Eine Mitarbeiterin liest in der Rotation des HA mit einem Kind den HANAUER.

Vor 60 Jahren bekam die Hanauer Fotografin und Designerin Marianne Sin-Pfältzer die Möglichkeit Einblicke beim Hanauer Anzeiger zu bekommen. Wir haben einen Blick auf diesen Moment zurückgeworfen.

Hanau – Der Abschied von Hanau fiel ihr nicht leicht. Und doch hat Marianne Sin-Pfältzer, Hanauer Fotografin und Designerin, 2005 die Stadt verlassen. Ihr Ziel: Sardinien, die Insel ihrer Träume und weit mehr als eine zweite Heimat. Auf Sardinien hatte in den frühen 1950er Jahren ihre künstlerische Karriere begonnen, damals, als die Insel noch unbeleckt war vom Massentourismus.

Eine Agfa Isolette war ihr Arbeitsgerät, mit dem sie die Insel, ihre Menschen und ihre topografischen Eigenheiten auf Zelluloid bannte. In der Fotografie hatte Sin-Pfältzer ihr künstlerisches Medium gefunden, der Mensch war der 1926 geborenen Fotografin seither Thema.

Hanau: Auch die Mutter von Sin-Pfältzer war Fotografin

Der Junge, dessen Identität im Haus nicht mehr geklärt werden konnte, findet sich auf vielen Aufnahmen Sin-Pfältzers wieder.

Sie war nicht unvorbelastet. Die Mutter war eine profilierte Fotografin, der Maler Theo Schäfer, Nestor der Hanauer Künstlerschaft, war ihr Onkel. Sie hatte von Anbeginn Zugang zur Hanauer Stadtgesellschaft, auch wenn sie immer wieder reiste: Italien, Frankreich und wieder Sardinien. Im Paris der Existenzialisten fotografierte sie ebenso wie im Atelier von Pablo Picasso im südfranzösischen Vallauris.

Doch auch in Hanau entstand ein Gutteil ihrer Oeuvres, eine Unzahl von Portraits und vor allem Fotoserien, in denen es stets um die Menschen dieser Stadt und ihren Lebensalltag ging. Prominente und weniger bekannte standen vor ihrer Kamera. Ob Kinder in der neu eröffneten Geibelschule in Kesselstadt oder Schüler am Werkbrett in der Zeichenakademie, vom Oberbürgermeister bis zu lokalen Sportmatadoren, Marianne Pfältzer interessierten alle Menschen.

Zwischen den Maschinen sieht der Junge fast ein wenig verloren aus.

Die Fotoserie zum Druckhaus des Hanauer Anzeiger entstand 1968

Sind die Druckplatten richtig aufgezogen?

1968 entstand die auf dieser Seite in Teilen dokumentierte Fotoserie im Druckhaus des HANAUER ANZEIGER in der Hammerstraße. Im Hof des Anzeiger-Hauses mit Zugang von der Langstraße her befand sich die Druckerei. Herzstück war die Rotationsdruckmaschine, auf der Tag für Tag der HANAUER gedruckt wurde, damals noch als Mittagszeitung. Kurz nach 11 Uhr lief die Rotation an, was sich im ganzen Karree in einem spürbar erhöhten Lärmpegel bemerkbar machte. Jetzt wussten die Redakteure: Ab jetzt steht’s schwarz auf weiß im Blatt!

Aber die Zeitung sollte ja auch zum Leser kommen. Nicht nur am Eingang Hammerstraße bildete sich täglich gegen 11 Uhr eine Menschentraube. Man wollte eben möglichst schnell ein druckfrisches Exemplar kaufen. Auch hinter den Kulissen harrte eine Heerschar von Packern und Austrägern der druckfeuchten Zeitungsbündel, die alsbald das Rollband verließen.

Hier war Marianne Pfältzer in ihrem Metier: Natürlich fotografierte sie in schwarz-weiß; die digitale Welt mit ihrer bunten Bilderflut war noch Lichtjahre entfernt. Unter schwierigen Lichtverhältnissen – das Ergebnis der Aufnahme sah man ja erst im Fotolabor – gelang der Fotografin eine Fotoserie, die mehrere Welten dokumentiert: die Maschinenwelt der Druckerei und die Arbeitswelt der Menschen dort. Aber auch, dokumentiert durch den immer wieder ins Bild gerückten Jungen, der neugierig und ungläubig in einer ihm fremden Welt unterwegs ist, ein Blick auf die Welt der Kinder.

Die Packerinnen stehen bereit, um die druckfrischen HANAUER zu Paketen zu verschnüren.

In Pfältzers Fotografien aus der HA-Druckerei verbinden sich Industriereportage mit der Faszination der Technik mit Sozialreportage, denn der Mensch sollte für die Künstlerin stets im Mittelpunkt stehen.

Mit den Bildern auf dieser Seite blickt der HANAUER ANZEIGER nicht nur in seine eigene Vergangenheit, sondern erinnert auch an eine große Hanauer Künstlerpersönlichkeit. Vor fünf Jahren, am 27. August 2015, kam Marianne Sin-Pfältzer bei einem tragischen Unfall auf Sardinien zu Tode.

Von der Rolle zur gedruckten Zeitung – ein tägliches Wunder.

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