Beratungsstelle

Missbrauch von Kindern ist oft schwer zu erkennen - Hier findet man Hilfe

Der Missbrauch von Kindern ist oft schwer zu erkennen. Bei der Beratungsstelle Lawine findet man Hilfe und Unterstützung. 

  • Missbrauch von Kindern ist nicht leicht zu erkennen
  • Bei der Beratungstelle Lawine bekommen Erzieher und Betroffene Hilfe
  • Kinder finden oft keine richtigen Worte für den Missbrauch

Seit fast 30 Jahren betreuen Roberta Bandel und Christa Klose Erzieherinnen, Familien und Betroffene, wenn es ums Thema Kindesmissbrauch geht. Wenn jetzt ein Aufschrei durch die Bevölkerung geht, nachdem wieder ein Fall unvorstellbarer Serien-Übergriffe an Kindern in Münster bekannt geworden ist, erschüttert das auch die beiden Sozialarbeiterinnen in Hanau. „Die Problematik ist aber nicht neu, sie hat es schon immer gegeben“, betonen sie. Doch inzwischen seien die Möglichkeiten, Tätern auf die Spur zu kommen, durch die technische Entwicklung besser geworden, macht die Sozial- und Traumatherapeutin Roberta Bandel deutlich. 

Fast 260 „Fälle“ sind es pro Jahr, mit denen die Lawine als Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt zu tun hat. Von diesen werden nach den Worten Bandels und ihrer Kollegin Christa Klose nur sehr wenige angezeigt. Ganze ein oder zwei Fälle landeten vor Gericht, resümieren sie. In vielen Fällen zögern betroffene Familien oder Betroffene, einen Übergriff überhaupt zur Anzeige zu bringen. 

Weiter Weg bis zum aktenkundigen Missbrauch: Übergriff auf Kinder müssen belegbar sein

Bevor allerdings ein Fall von sexuellem Missbrauch aktenkundig wird, ist ein weiter Weg zurückzulegen. Denn in den seltensten Fällen geht es um konkret belegbare Übergriffe. Meist steht am Anfang ein Verdacht, ein Kind verhält sich auffällig, berichtet Dinge, die die Umgebung aufhorchen lassen. Das könnte die Mutmaßung einer Erzieherin sein, die in ihrer Kita etwas beobachtet hat. 

Die Beratungsstelle Lawine feiert nächstes Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. 

„Die Schulung und Begleitung von Kitapersonal und Lehrerinnen ist deshalb besonders wichtig“, sagen die Frauen vom Lawine-Team. In den Fortbildungen lernen Erzieherinnen und Pädagogen, woran sie erkennen können, ob Kinder sich bedrängt fühlen und wie sie sich dann verhalten sollten. Häufig müssen sich Kinder bis zu acht Personen anvertrauen, bis eine Person auf das Verhalten reagiere. Anzeichen könnten sein, dass Kinder früh stark sexualisiert seien, dass sie plötzlich Dinge tun, die mit Erwachsenensexualität zu tun haben, oder dass sich Mädchen oder Jungen besonders manipulativ oder strategisch verhalten. Verhaltensweisen, die nicht altersgerecht und die von Erwachsenen übernommen sein könnten. 

Missbrauch: Es ist wichtig den Kindern Gehör zu schenken

Wenn einMädchen oder ein Junge berichte, dass es „nicht mehr beim Opa übernachten möchte“, könnte dies daran liegen, dass dem Kind ein Unrecht geschieht – das muss aber nicht der Fall sein. In dieser Situation ist es nach den Worten von Bandel und Klose wichtig, dem Kind zu signalisieren: „Ich habe dich gehört“ – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Auf keinen Fall solle die Erzieherin nachhaken und durch entsprechende Fragen einen Verdacht deutlich machen. Dem Kind Gehör zu schenken, könnte es dazu ermuntern, konkreter zu werden. Wichtig sei aber, in der Familie nachzufragen, ob sich an den Bedingungen daheim irgendetwas verändert habe oder ob die Eltern eine Veränderung im Verhalten ihres Kindes festgestellt haben. 

Letztlich gibt es nur wenige Signale, die eindeutig auf einen sexuellen Übergriff hinweisen – umso wichtiger ist es, dass Fachstellen kooperieren. Heute regelt das reformierte Bundes-Kinderschutzgesetz eindeutig, wie in solchen Fällen vorzugehen ist. Ein engmaschiges Netzwerk an Ansprechpartnern und Institutionen soll dazu beitragen, dass alle Beteiligten sich ebenso behutsam wie effektiv verhalten. Dazu tragen viele eingebundene Instanzen bei. Die Abteilung Frühe Hilfen des Kreises ist gut vernetzt mit den Beratungsstellen. Kitas, Jugendamt, Schule und Familienhilfe in Stadt und Kreis arbeiteten wirksam zusammen, loben Bandel und Klose. 

Missbrauch von Kindern: Verdachtsfälle müssen besprochen werden

„Es ist wichtig, Verdachtsfälle im Team zu besprechen“, betont Roberta Bandel. Denn es gelte, große Vorsicht walten zu lassen, um den vermeintlichen Täter nicht zu stigmatisieren. Über die Ansprechpartner beim Main-Kinzig-Kreis und der Stadt Hanau, an die sich die Erzieherinnen wenden, kommen diese zur „Lawine“. Und dort lernen sie unter anderem, wie sie behutsam mit dem Kind umgehen, ohne es zu bedrängen. 

Eingespieltes Team: In der Beratungsstelle Lawine arbeiten Roberta Bandel und Christa Klose (von links) Hand in Hand mit Nadine Chandhuri (rechts). Gerade sind sie in der wöchentlichen Teambesprechung mit Tina Lutz.

Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle arbeiten dann nicht nur mit dem Erziehungspersonal, sondern – wenn es gut läuft – auch mit den Familien des Kindes und dem Kind selbst. „Wenn wir mit Kindern arbeiten, sprechen wir oft nicht über den Missbrauch, sondern arbeiten traumatherapeutisch zur Stabilisierung des Kindes“, sagen Klose und Bandel. Es gehe bei der traumatherapeutischen Arbeit darum, eine Wunde zu versorgen, damit diese heilen und vernarben könne. Um alles das gut leisten zu können, braucht die Beratungsstelle nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Raum. 

Experten formulieren professionellen Umgang mit Verdachtsfällen von Missbrauch von Kindern 

Ein Anliegen, das zu Zeiten knapper Kassen und Corona besonders deutlich vorgetragen werden muss, wenn gleichzeitig der Ruf nach einer guten Prävention und der intensiveren Verfolgung von Missbrauchsfällen laut wird. Experten und Expertinnen aus spezialisierten Fachberatungsstellen formulieren schon lange, was nötig ist, um im Verdachtsfall professionell damit umzugehen. 

Dass heutzutage das Thema sexueller Missbrauch stärker denn je in der Gesellschaft diskutiert wird, liegt laut dem „Lawine“-Team auch an der Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden. Häufig seien in den USA und Kanada Experten mit langwierigen Recherchen im Internet betraut, die anhand der Sprache und der Bildmotive wie Puzzleteilchen zusammensetzten, wo sich ein Missbrauch zugetragen haben könnte. Hier wird die Umgebung eines Spielplatzes erkannt dort ein See in der Region. 

Wenigsten Täter bei Missbrauch von Kindern seien pädophil

Generell von Pädophilen zu sprechen, lehnen die „Lawine“-Mitarbeiterinnen ab. Die wenigsten Täter seien wirklich pädophil, ihnen gehe es vielmehr um die Ausübung von Macht. Auch die Vermutung, es handele sich bei den Tätern um Menschen, die keine Empathie entwickeln könnten, hält Roberta Bandel für einen Trugschluss. „In den meisten Fällen wissen die Täter sehr genau, was die Kinder brauchen und welche Bedürfnisse sie haben“, weiß sie aus Erfahrung. Diese Täter bauten über Wochen eine Beziehung zum Kind auf, ohne Forderungen zu stellen. Erst dann begännen die Übergriffe und damit die Leidensgeschichten der Kinder.

 

Weitere Informationen 

Lawine ist ein eingetragener Verein, der sich als spezialisierte Fachberatungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt einsetzt und sich im Bereich Prävention engagiert – in Hanau und dem gesamten Main-Kinzig-Kreis. Erreichbar sind die Mitarbeiter unter 06181 256602 montags von 14 bis 16 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr; per E-Mail unter mail@lawine-ev.de und im Internet.

Quelle: Hanauer Anzeiger

Rubriklistenbild: © Nicolas Armer/dpa

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