Nach Tod von Angeklagtem

Auschwitz-Prozesse: Nebenklage-Anwalt fürchtet weitere Ausfälle

Hanau - Nur einer von vier angestoßenen Auschwitz-Prozessen in Deutschland läuft. In Hanau ist er ausgefallen, weil der Angeklagte kurz vor dem Auftakt gestorben ist. Ein Nebenklage-Anwalt rechnet mit weiteren Absagen - wegen des Alters und der Gesundheit der Angeklagten.

Nach dem geplatzten Hanauer Auschwitz-Prozess befürchtet ein Nebenklage-Anwalt weitere Verfahrensausfälle gegen frühere Mitarbeiter in Konzentrationslagern. "Es wird aufgrund des Alters der Angeklagten und ihrer Gesundheit immer ungewisser, ob Prozesse überhaupt zustande und dann auch zum Ende kommen", sagte Thomas Walther der Deutschen Presse-Agentur. Der Jurist vertritt auch Nebenkläger in weiteren Auschwitz-Prozessen. Rechtsanwalt Walther sollte mit Kollegen vom Mittwoch an sechs Nebenkläger im Hanauer Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann vertreten. Doch die Verhandlung am Landgericht musste am Donnerstag abgesagt werden, weil der 93 Jahre alte Angeklagte verstorben ist. Ernst T. aus Langenselbold sollte sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 1075 Fällen verantworten.

Der Angeklagte in Hanau galt für die Nebenkläger im Vergleich zu anderen Beschuldigten in Auschwitz-Prozessen eigentlich noch als einer der vitaleren. Vier Stunden pro Prozesstag durfte laut einem Gutachten verhandelt werden. Im seit Februar laufenden Detmolder Prozess darf nur zwei Stunden pro Tag gegen den 94 Jahre alten Angeklagten prozessiert werden. In Kiel und Neubrandenburg ist es noch unklar, ob und in welcher Form es zu Hauptverhandlungen kommen kann - wegen des Gesundheitszustandes der Angeklagten.

Walther vertritt Nebenkläger auch in diesen drei Verfahren. In Kiel ist eine 92-jährige Frau angeklagt. Als Funkerin der Lager-Kommandantur soll sie bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben. In Neubrandenburg sollte sich ab Ende Februar ein 95 Jahre alter früherer Angehöriger des SS-Sanitätsdienstes in Auschwitz-Birkenau verantworten. Der Prozess wurde jedoch im März wegen dessen angeschlagener Gesundheit ausgesetzt. Er soll aber nach einer umfassenden Untersuchung möglichst wieder neu starten.

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen forscht nach weiteren Gehilfen, die in den KZs im Zweiten Weltkrieg beschäftigt waren. Die Nazi-Jäger in Ludwigsburg haben bereits eine Liste mit mehr als zwei Dutzend Beschuldigten im Zusammenhang mit dem KZ Majdanek/Lublin zusammengestellt. Daraus haben sich bislang drei Verfahren ergeben, die zur weiteren Prüfung bei den Staatsanwaltschaften in Stuttgart, Frankfurt und Dortmund liegen. Aktuell forscht die Zentralestelle nach mutmaßlichen Mordgehilfen, die in den KZs in Bergen-Belsen und Neuengamme tätig gewesen sein sollen. "Ob es aber noch für Prozesse reicht, steht in den Sternen", sagte Walther.

Auschwitz und der Ort Oswiecim: Todeslager und Stadtleben

Das es erst mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu weiteren Verfahren kommt, hält Nebenklage-Anwalt Walther für "eine Fehlleistung der deutschen Justiz". Jahrzehntelang sei nichts geschehen. Auch das Internationale Auschwitz Komitee hatte deswegen bereits scharfe Kritik geäußert. Schwierig seien solche Prozess-Ausfälle auch für die Hinterbliebenen von den in Konzentrationslagern Ermordeten. "Bei jedem Verfahren werden Hoffnungen geweckt, eine Erwartungshaltung aufgebaut, die dann am Ende womöglich nicht erfüllt werden kann", sagte Walther und gab einen Einblick in das sensible Seelenleben der Nebenkläger. (dpa)

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