Zeugnisse der Vergangenheit

Ein Ohrring für den Getreuen

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Archäologe Sascha Piffko zeigt eine Bestattungsurne der Bronzezeit, die noch ihrer Bergung harrt. Die Funde werden an Ort und Stelle gereinigt, dokumentiert und inventarisiert. Sie kommen dann ins Landesdepot nach Wiesbaden.

Erlensee - Wir schreiben ein Datum ungefähr 400 Jahre vor Asterix. Ganz Süddeutschland ist von Vorfahren der Gallier bewohnt, Rom ist noch ein unbedeutender Fleck, in dem sich eine Republik etabliert. Von Thomas Kirstein

Die Kelten siedeln meist im weiteren Umkreis von zentralen, mit Wällen und Gräben befestigten Anlagen. Ihr Chef in der Wetterau residiert in einem solchen Oppidum auf dem Glauberg bei Büdingen. Von diesem Häuptling haben wir eine populäre Vorstellung, seit neben seiner reich ausgestatteten Grabkammer eine markante Stele gefunden wurde: Das ist der steinerne Krieger mit der Blattkrone, die aussieht wie ein Paar Micky-Maus-Ohren.

Das Gebiet rings um den Glauberg, vielleicht sogar bis in den Odenwald hinein, verwalten Gefolgsmänner des Keltenhäuptlings. Einer davon hat sich im Land hinter dem heutigen Hanau hervorgetan. Das schließen die Fachleute aus einem auf den ersten Blick wenig spektakulären, nichtsdestoweniger als Sensation eingestuften Fund aus einem Grabungsfeld in Erlensee-Langendiebach.

Funde der Öffentlichkeit präsentiert

Klein, aber bedeutend: eine Art Orden für verdiente Kelten.

Zweieinhalb Jahrtausende nach der Bestattung dieses verdienten Kelten ist das Artefakt mit zahlreichen anderen Stücken gestern an Ort und Stelle der Öffentlichkeit präsentiert worden. Es handelt sich um einen winzigen, etwa einen Zentimeter im Durchmesser großen Ohrring. Wie Hessens stellvertretender Landesarchäologe Dr. Udo Recker erläutert, steht die Entdeckung ziemlich sicher in Zusammenhang mit dem Glauberg-Fürsten. Ähnliche Schmuckstücke wurden auch aus anderen mittelhessischen Gräbern der Latène-Zeit (5. bis 1. vorchristliches Jahrhundert, also bis die Römer kamen) gepickt. Für den Bezirksarchäologen Dr. Guntram Schwitalla sind die Ohrringelchen so etwas wie die Bundesverdienstkreuze der frühen Kelten. Von der Auswertung der überraschenden Entdeckung erhofft man sich eine Erweiterung des Kenntnisstands über diese Zeit und ihre sozialen Strukturen.

Was diese Erlenseer Person von wahrscheinlich gehobenem Stand so außergewöhnlich macht, ist das Fehlen von Waffen in ihrem ungeplünderten Grab. Jemand aus der Krieger-Elite des Kelten-chefs vom Glauberg war der Mann folglich nicht. „Wir können nur spekulieren, vielleicht ein ziviler Statthalter, vielleicht ein Priester“, sagt der Archäologe Sascha Piffko, der die Grabungen leitet. Waffenträger sind freilich in dem untersuchten Gebiet auch bestattet worden: Vier Gräber mit Schwertern und Lanzenspitzen wurden entdeckt.

Denkmalpflege im Erlenseer Neubaugebiet

Auch andere Epochen geben in Erlensee ihre Zeugnisse preis.

Seit dem Frühjahr sind Piffko und seine Kollegen für das modisch unter „hessenARCHÄOLOGIE“ firmierende Landesamt für Denkmalpflege im Erlenseer Neubaugebiet Am Kreuzweg zugange. Sechs bis 16 Archäologen und Studenten untersuchen eine Riesenfläche von sieben Hektar. Sie bewegen mit Spaten und Schaufel bis zu einer Tonne Erde am Tag in der Schicht unter der vom Bagger abgetragenen Oberfläche.

Die Funde in Langendiebach gehen über das in hiesigen Breiten übliche Maß hinaus. Erlensees Bürgermeister Stefan Erb und der Main-Kinzig-Abgeordnete Aloys Lenz nehmen nicht nur die Erkenntnis mit, dass Männerohrringe schon vor Jahrtausenden modern waren. Sie erhalten von den Archäologen auch die Bestätigung, dass die Gegend von den Neandertalern an durchweg (mit einer kleinen Lücke von 33 .000 Jahren) bewohnt war.

Fast 1000 Funde haben Sascha Piffko und seine Truppe aus der Erde geholt (den Ring entdeckte ein Restaurator bei der Bergung anderer Funde). Sie weisen anhand von Pfahllöchern Hausgrundrisse der frühesten bäuerlichen Kultur, der Bandkeramiker vor etwa 6000 Jahren, nach, ebenso Gebäude aus der frühen, mittleren und späten Bronzezeit. Darunter ist ein bislang unbekannter Grundriss, der laut dem Bezirksarchäologen Schwitalla als „Typ Erlensee“ in die Literatur eingehen könnte.

Sensationeller Fund bei Ausgrabungen in Erlensee

Sensationeller Fund bei Ausgrabungen in Erlensee

Und da sind Zeugnisse von zahlreichen Feuer- und Erdbestattungen seit dem 13. Jahrhundert vor Christus, unter anderem ein Kinder-Grabhügel, um den herum sich spätere Generationen beisetzen ließen. Besonders reichhaltig offenbart sich die bis ins 8. vorchristliche Jahrhundert blühende bronzezeitliche Urnenfelder-Kultur den Ausgräbern. Weitere Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.

Noch bis in den Winter hinein wird das Areal untersucht. Bislang ist die Kampagne konfliktfrei verlaufen. Grabungsleiter Piffko betont, dass die Bodendenkmalpflege keinem einzigen Bauherrn Grund zu Klagen über Verzögerungen gegeben hat.

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